Fixierung und Sedierung von Demenz-Patienten

Heilpraxisnet

Demenz: Schlechte Versorgung in Kliniken

01.09.2014

Die Pflege von Demenz-Patienten bedarf eines besonderen personellen Aufwandes, um unnötige Risiken für die Betroffenen auszuschließen. Doch in den Krankenhäusern fehlen hier offenbar vielfach die Kapazitäten zur Sicherstellung einer angemessenen Versorgung der Patienten mit Demenz, so das Ergebnis des Pflege-Thermometers 2014, veröffentlicht vom Deutschen Institut für angewandte Pflegeforschung e.V. (dip) in Köln.

Das Pflege-Thermometer 2014 ist laut Mitteilung des Instituts „die bislang größte Befragung in der Pflege zur Versorgung von Menschen mit Demenz im Krankenhaus.“ Das Ergebnis der Studie zeichnet ein bedenkliches Bild von der Versorgungssituation der Demenz-Patienten in den Kliniken. Zwar wurden in der Vergangenheit auch in Pflegeheimen bereits Defizite beim Umgang mit Demenz-Patienten festgestellt. Doch in den Kliniken sind die Bedingungen insgesamt äußerst ungünstig. 80 Prozent der befragten Stationen sahen hier zum Beispiel regelmäßige Defizite bei der Sicherung. Zur Ruhigstellung erhalten viele Klinikpatienten mit Demenz zudem Schlafmittel oder sie werden fixiert. Das dip sprach sich angesichts der Studienergebnisse für eine zeitnahe Verbesserung der Demenzversorgung in den Krankenhäusern aus.

23 Prozent der Klinikpatienten leiden an Demenz
Generell brauchen Demenz-Patienten laut Angaben des dip „mehr Zeit und mehr Beaufsichtigung, um sie vor Gefahren zu schützen und ihnen Orientierung zu geben.“ Ansonsten drohen zum Beispiel vermehrte Stürze und Verletzungen. Um die Versorgungssituation der Klinikpatienten mit Demenz zu überprüfen, wurden im Rahmen des Pflege-Thermometers 2014 mehr als 1.800 Stations- und Abteilungsleitungen aus Krankenhäusern aus dem gesamten Bundesgebiet befragt. Dabei habe knapp jeder vierte Patient auf den befragten Stationen (23%) an einer Demenz gelitten, so die Mitteilung des dip. Allerdings seien die Kliniken auf die Herausforderungen nur unzureichend vorbereitet gewesen. „Die Studienergebnisse zeigen, dass gerade nachts Versorgungsengpässe auftreten“, berichtet das Institut weiter. Studienleiter Professor Michael Isfort ergänzte: „Acht von zehn befragten Stationen geben an, dass die Versorgung von demenzkranken Menschen vor allem nachts unzureichend gesichert ist.“ Zudem hätten sich auch tagsüber an den Wochenenden Versorgungslücken offenbart.

Fixierungen und Sedierungen zur Ruhigstellung
Für die Demenz-Patienten ist die Situation in den Kliniken insgesamt äußerst bedenklich. Denn aus den Versorgungsengpässen in der Nacht und am Wochenende resultieren laut Aussage des Studienleiters vermehrt fragwürdige Maßnahmen zur Ruhigstellung. „Diese Mangelsituation führt nicht selten zu unnötiger Verabreichung von Schlafmedikamenten und häufig zu fragwürdigen Fesselungen von Patienten, so genannten Fixierungen“, kritisierte Professor Isfort. In der Studie seien auf den befragten Stationen innerhalb „von nur einer Woche rund 7.600- mal Medikamente zur Sedierung bei Patienten mit Demenz verabreicht und über 1.450-mal körpernahe Fixierungen vorgenommen“ worden. Die Forscher des dip schätzen, dass „hochgerechnet auf alle Krankenhäuser in Deutschland pro Jahr circa 2,6 Millionen sedierende Medikamente verabreicht und circa 500.000 meist unnötige Fixierungen durchgeführt werden.“ Für die Demenz-Patienten eine unwürdige Situation. „Die Studie offenbart gravierende Umsetzungsprobleme von geeigneten Versorgungskonzepten“, so die Mitteilung des dip. Eine Rolle spiele dabei auch der zunehmende Personalmangel in der Pflege.

Verbesserungen der Versorgung in den Kliniken gefordert
Insbesondere das fallpauschalierte Vergütungssystem und der hohe Wirtschaftlichkeitsdruck wurden in der Befragung für die Versorgungsdefizite verantwortlich gemacht, berichtet das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung. Auch die ausgedünnte Personaldecke spiele hier eine wichtige Rolle. „Es ist an der Zeit, die Sorgen der Pflege im Krankenhaus ernst zu nehmen“, betonte Professor Isfort und ergänzte: „Während man bei der Pflegeversicherung die Finanzierung der Betreuung für Menschen mit Demenz verbessert hat, warten die Krankenhäuser bislang darauf, dass erhöhte Leistungen und die Sicherstellung der Pflege durch gute Konzepte auch abgerechnet werden können.“ Dies hemme die Versorgungsqualität entscheidend. In vielen Projekten zur Verbesserung der Demenzversorgung im Krankenhaus seien in der Vergangenheit vielversprechende Ansätze erprobt worden, die bislang allerdings kaum umgesetzt werden. Lediglich auf einer von zehn Stationen kommen heute laut Mitteilung des dip „Konzepte, wie tagesstrukturierende Maßnahmen oder auch die Schulung von Demenzbeauftragten“ zu tragen. (fp)

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