Forscher: Neuer Herzschrittmacher macht Operation überflüssig

Sebastian
Kabelloser Herzschrittmacher macht OP überflüssig
Ein kabelloser Herzschrittmacher hat sich in einer neuen Studie bewährt. Das winzig kleine Gerät wird über eine Vene bis ins Herz geschoben. Eine Operation wird so überflüssig. Ärzte äußern aber noch Zweifel an der neuen Technik.

Neue Technik könnte viele Operationen ersparen
In der Herzmedizin wurden in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte erzielt. Erst vor wenigen Monaten wurde am Universitätsklinikum Düsseldorf erstmals in Deutschland der kleinste Herzschrittmacher der Welt erfolgreich implantiert. Wissenschaftler aus den USA berichteten bereits vor Jahren über Versuche mit Herzschrittmachern ohne Batterie, die Strom von Organen bekommen könnten. In Großbritannien haben Wissenschaftler nun positive Ergebnisse mit einer ganz neuen Technik präsentiert. Diese könnte in Zukunft vielen Patienten eine Operation ersparen.

Ein Meilenstein der Medizin: Der erste Herzschrittmacher ohne große OP.
Ein Meilenstein der Medizin: Der erste Herzschrittmacher ohne große OP.

Gerät wird über Vene bis ins Herz geschoben
Wie die Nachrichtenagentur AP berichtet, haben Forscher in London ihre positiven Ergebnisse mit einem kabellosen Herzschrittmacher präsentiert. Das Gerät, das so groß wie eine Tintenpatrone ist, könnte künftig so manche Operation überflüssig machen. Herkömmliche Herzschrittmacher bestehen aus einem Impulsgenerator und Stimulationselektroden und werden dem Patienten mittels eines chirurgischen Eingriffs implantiert. Der neue künstliche Taktgeber hingegen kann über die Leistenvene minimalinvasiv eingesetzt und direkt ins Herz vorgeschoben werden.

Ärzte müssen sich mit neuer Technik vertraut machen
Die kleine Röhre misst lediglich ein Zehntel der Größe eines konventionellen Schrittmachers. Dies teilte der Hersteller „St. Jude Medical“, ein international tätiges Medizintechnikunternehmen, anlässlich der Veröffentlichung der Studie im Fachmagazin „New England Journal of Medicine“ mit. „Dies ist ein Meilenstein in der Schrittmacher-Entwicklung“, meinte der Medizinprofessor Christopher Granger von der „American Heart Association“, einer Organisation, die nicht an der Studie beteiligt war. Er mahnte aber trotzdem, nichts zu überstürzen. Um mögliche Komplikationen zu vermeiden, müssten sich die Ärzte zunächst mit der neuen Technik vertraut machen. Er würde Patienten nicht dazu raten, zu den Ersten zu gehören, die sich das elektrodenlose Gerät implantieren lassen, wenn es keinen zwingenden Grund gebe.

Studie wegen Komplikationen abgebrochen
Wie die Nachrichtenagentur berichtet, rührt die Vorsicht vermutlich auch daher, dass eine vorangegangene Studie zur Erprobung des neuen Systems zwei Mal wegen einer beunruhigend hohen Zahl an Komplikationen abgebrochen werden musste. So konnte das Gerät in einem Fall nicht wie vorgesehen in der rechten Herzkammer platziert werden, sondern steckte in der Lungenarterie fest. Für die jüngste Studie wurde über 500 Patienten in Australien, Kanada und den USA ein Mini-Schrittmacher eingesetzt. Die Ärzte haben nach sechs Monaten bei sieben Prozent der Probanden Nebenwirkungen diagnostiziert, unter anderem Herzperforation. Zum Vergleich: Bei herkömmlichen Herzschrittmachern kommt es in rund zehn Prozent der Fälle zu Komplikationen.

Für etwa ein Drittel der Patienten geeignet
In Europa ist der elektrodenlose Schrittmacher – ebenso wie ein ähnliches System der Firma „Medtronic“ – bereits zugelassen. In den USA wird die nun veröffentlichte Studie voraussichtlich der zuständigen Behörde, der FDA, vorgelegt, die über die Zulassung entscheidet. Gesundheitsexperten nehmen an, dass sich die neue Technologie für rund 30 Prozent der Patienten eignet, die einen Schrittmacher benötigen. Der Präsident der Spanischen Kardiologie-Gesellschaft, José Ramon, teilte mit, dass der Mini-Schrittmacher in seinem Krankenhaus im vergangenen Jahr nur etwa einem Dutzend Patienten implantiert worden sei, fast 500 hätten einen herkömmlichen Schrittmacher erhalten. Dies liegt vermutlich auch daran, dass der neuen Technik Funktionen fehlen, die bei den bewährten Systemen zum Standard gehören. „Man kann Patienten nicht per Telemonitoring überwachen“, so Jagmeet Singh vom „American College of Cardiology“. „Das bedeutet, sie müssen zur Untersuchung ins Krankenhaus.“ Dennoch ist der leitende Prüfarzt der Studie, Vivek Reddy, davon überzeugt, dass die FDA den neuen Geräten der Firma „St. Jude Medical“ in den USA die Zulassung erteilen wird. Der Chefarzt der Elektrophysiologie am Mount Sinai Hospital in New York meinte, die Nachfrage sei da: „Es liegt an den Ärzten, mit ihren Patienten darüber zu sprechen, aber die Patienten werden den kleineren Schrittmacher wollen, wenn sie von ihm erfahren.“
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