Gesundheitsatlas 2015: Doppelt so viele Krankschreibungen wegen psychischer Leiden

Sebastian
Zahl der Krankheitstage wegen psychischer Erkrankungen nimmt weiter zu
Die Zahl der Krankheitstage wegen psychischer Leiden nimmt in Deutschland weiter zu. Seit 2003 wurden nie so viele Arbeitsausfälle wegen Depressionen, Burnout und anderen psychischen Erkrankungen wie heute registriert. Das geht aus dem neuen BKK Gesundheitsatlas „Blickpunkt Psyche“ hervor. Die Krankenkasse warnt aber davor anzunehmen, dass auch die Zahl der psychischen Erkrankungen steigt. Vielmehr würden die Betroffenen heute offener mit ihrer Erkrankung umgehen und sich ihrem Arzt anvertrauen. Folglich werden auch mehr Diagnosen gestellt.

Arbeitnehmer fehlen immer länger im Job wegen psychischer Erkrankungen
Immer häufiger sind seelische Leiden der Grund für einen Arztbesuch. Stellt der Arzt eine Diagnose wie Burn-out, Angststörungen oder Depressionen fehlen die Arbeitnehmer zudem immer länger im Job. Im Schnitt sind die Betroffenen 40 Tage arbeitsunfähig.

Mehr Krankschreibungen aufgrund von psychischen Störungen. Bild: Gina Sanders - fotolia
Mehr Krankschreibungen aufgrund von psychischen Störungen. Bild: Gina Sanders – fotolia

Rund 15 Prozent aller Krankentage mit ärztlicher Bescheinigung sind mittlerweile auf psychische Erkrankungen zurückzuführen. Im Vergleich zum Jahr 2003 hat sich die Zahl der Krankentage sogar mehr als verdoppelt, wie aus dem „Gesundheitsatlas 2015“ der BKK hervorgeht. Die Experten analysierten dafür die Daten von 4,3 Millionen Arbeitnehmern.

Aber wie erklärt sich die Zunahme der Krankheitstagen wegen psychischer Leiden? „Eine der Erklärungen hierfür ist, dass die Menschen ihr psychisches Leiden akzeptieren und Hilfen im Gesundheitswesen in Anspruch nehmen. Entsprechend häufiger werden Beschäftigte wegen sogenannter F-Diagnosen krankgeschrieben“, erläutert Franz Knieps, Vorstand des BKK Dachverbands. „Die heutzutage umfangreicheren Kenntnisse psychischer Krankheitsbilder bei Allgemeinmedizinern und Hausärzten tragen ebenfalls zum Anstieg der Krankschreibungen wegen psychischer Probleme bei. Noch vor 10, 15 Jahren wurden Patienten mit Symptomen, die auf ein psychisches Leiden hindeuten, viel häufiger unspezifische körperliche Beschwerden attestiert.“

Keine generelle Zunahme der psychischen Erkrankungen
Der Krankenkasse zufolge gibt es in den letzten Jahren keine generelle Zunahme psychischer Störungen. „Die Diagnoseraten haben sich den wahren Prävalenzen über die letzten Jahre angenähert, sie scheinbar sogar überholt – insbesondere bei Depressionen“, so Prof. Frank Jacobi von der Psychologischen Hochschule Berlin. „Möglicherweise haben wir es also auch mit einer Überdiagnostizierung zu tun. Eine Diagnose wird häufig unspezifiziert oder bei nur leicht beeinträchtigten Personen gestellt, um überhaupt eine Unterstützung anbieten zu können. Der Trend der kontinuierlichen Zunahme von Krankschreibungen aufgrund psychischer Probleme könnte aber auch dazu führen, dass sich Menschen zu schnell als behandlungsbedürftig erleben und auch bei ’normalen‘, vorübergehenden psychischen Belastungen das Hilfesystem aufsuchen.“

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Zudem spiele Jocobi zufolge auch die fortschreitende Digitalisierung eine wichtige Rolle. „Per Computer erfasste Krankheitsdaten bleiben in den Krankenakten von Ärzten, Kliniken, Krankenkassen oder Rentenversicherern. Wer einmal die Diagnose Angsterkrankung, Depression oder Persönlichkeitsstörung erhalten hat, den wird diese Diagnose ‚verfolgen‘. Somit werden aktuell Personen mit psychischen Erkrankungen z. T. systematisch überschätzt – bei psychischen Störungen von einer ‚Epidemie des 21. Jahrhunderts‘ zu sprechen wäre folglich übermäßig dramatisierend.“

In Bayern und Baden-Württemberg werden besonders häufig Depressionen diagnostiziert
Detailanalysen von Depressionen und Burn-out haben zudem große regionale Unterschiede aufgezeigt. „Diagnoseraten, Krankschreibungen sowie Antidepressiva-Verordnungen sind nicht überall in Deutschland gleich verteilt, es werden Schwankungsbreiten bis zum 43-Fachen des höchsten Werts gegenüber dem niedrigsten berichtet“, heißt es in einer Mitteilung der Krankenkasse.

So werden ausgerechnet in Bayern und Baden-Württemberg, den Bundesländern mit besonders hoher Lebensqualität, Depressionen häufiger diagnostiziert als im Norden oder Osten. Auch in den Großstädten wie Berlin, Hamburg und München wurde die Diagnose deutlich öfter gestellt als im ländlichen Raum.

Während nur bei 0,3 Prozent der BKK-Versicherten im Saale-Orla-Kreis (Thüringen) ein Burn-out ärztlich festgestellt wurde, lag dieser Anteil im Kreis Ansbach (Bayern) bei 3,4 Prozent. „Diese Schwankungsbreiten können nicht allein durch tatsächliche unterschiedliche Erkrankungshäufigkeiten in den Regionen erklärt werden. Vielmehr ist ein Zusammenhang mit Regionalindikatoren wie der Ärztedichte (Nervenarzt, Hausarzt, Psychiater, Psychotherapeut) nachweisbar“, teilt die BKK mit.

Dr. Iris Hauth, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), mahnte dazu, die Zahlen differenziert zu lesen: „Psychische Erkrankungen in der Bevölkerung haben nicht generell zugenommen. Aktuelle epidemiologische Untersuchungen belegen, dass seit Ende der 1990er-Jahre keine signifikante Zunahme zu verzeichnen ist. Wir Deutschen sind heute also nicht psychisch kränker als vor zwanzig Jahren. Die Daten des BKK Gesundheitsatlas und anderer Krankenkassen zeigen vielmehr, dass die Betroffenen vermehrt medizinische und therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass psychische Erkrankungen mittlerweile sozial besser akzeptiert sind. Gleichzeitig sind die Versorgungsangebote besser ausgebaut.“ Dennoch sie Hauth weiteren Handlungsbedarf. „Doch trotz dieser erfreulichen Entwicklungen offenbart der BKK Gesundheitsatlas dringenden Handlungsbedarf in der Versorgung psychischer Erkrankungen. Bei der Diagnostik, Krankschreibung und Therapie zeigen sich in Deutschland große regionale Unterschiede, insbesondere bei Depressionen. Diese Schwankungen lassen sich nicht allein durch tatsächlich bestehende Unterschiede bezüglich der Erkrankungshäufigkeiten oder Risikofaktoren in den Regionen erklären. Vielmehr sind sie auch auf Unterschiede in der Versorgungsstruktur und der Bedarfsplanung zurückzuführen. Hier sind die Politik und die ärztliche Selbstverwaltung gefordert. Sie müssen in der Bedarfsplanung dringend sicherstellen, dass psychisch erkrankte Menschen überall in Deutschland die notwendigen Hilfen erhalten.“ (ag)