Große Kaiserschnitt-Epidemie in Brasilien soll gestoppt werden

(Bild: Kzenon/fotolia.com)
Sebastian
In Brasilien bringen die meisten Frauen ihre Kinder per Kaiserschnitt auf die Welt – und gehen damit hohe Risiken ein

In Brasilien hat sich ein fraglicher Trend bei Geburten durchgesetzt: Mehr als jede zweite Frau bringt ihr Kind per geplantem Kaiserschnitt zur Welt. Obwohl kein medizinische Notwendigkeit besteht, entscheiden sich die werdenden Mütter häufig aus Angst vor den Schmerzen bei einer natürlichen Geburt für diese Variante. Dass sie dabei gesundheitliche Risiken eingehen, ist vielen nicht klar. Nach einem eindringlichen Appell der Weltgesundheitsorganisation (WHO) will das Land nun mit neuen Vorschriften und gezielten Maßnahmen die „Kaiserschnitt-Epidemie“ in den Griff bekommen.

Zahl der medizinisch nicht notwendigen Kaiserschnitte steigt weltweit
Viele Frauen haben so große Angst vor den Wehen und dem Geburtsvorgang, dass sie sich gegen eine natürliche Geburt entscheiden. Sie bringen ihr Kind an einem zuvor festgelegten Termin im OP per Kaiserschnitt zur Welt. Während in Deutschland die meisten Kinder immer noch natürlich geboren werden, überwiegt in Ländern wie Brasilien mit 55,6 Prozent der Geburten oder der Dominikanischen Republik mit 56,4 Prozent Prozent der Anteil der Kaiserschnitt-Geburten. Der WHO zufolge steigt die Zahl der nicht medizinisch notwendigen Kaiserschnitte auch weltweit.

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In Deutschland finden nach den WHO-Zahlen zwei Drittel der Geburten natürlich statt, bei rund einem Drittel kommen die Kinder per Kaiserschnitt zur Welt (2013: 31,8 Prozent). Die WHO empfiehlt jedoch eine Kaiserschnittrate von nicht mehr als 10 bis 15 Prozent. Denn der operative Eingriff ist mit Risiken für Mutter und Kind verbunden. So kann es zu einem hohen Blutverlust kommen und andere Organe im Bauchraum der Frau, wie die Blase oder der Darm, verletzt werden. Auch das Kind kann leichte Schürf- oder Schnittwunden von dem Eingriff davon tragen.

Weitere Argumente sprechen für eine natürliche Entbindung: So erhöht sich einer normalen Geburt zudem die Konzentration von Stresshormonen im Blut des Kindes, die dafür wichtig sind, den Kreislauf an die Welt außerhalb des Mutterleibs anzupassen. Durch den Pressvorgang bei der natürlichen Geburt wird auch das Fruchtwasser aus den Lungen der Babys gepresst. Nach Kaiserschnittgeburten müssen die Kinder manchmal künstlich beatmet werden.

Laut Angaben des brasilianischen Gesundheitsministeriums erhöht sich durch den Eingriff das Risiko für Atemwegserkrankungen bei Babys um bis zu 120 Prozent. Auch die Gefahr, dass die Mutter bei der Geburt sterbe, sei um das Dreifache größer. „Aufgrund all der Risiken, die jede Operation mit sich bringt, sollte sie stets die Ausnahme bleiben“, erklärte die brasilianische WHO-Expertin Suzanne Serruya gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“. „Kaiserschnitte können Leben retten. Doch es ist wissenschaftlich unumstritten, dass die Geburt normal verlaufen sollte.“

Viele WHO-Richtlinien für natürliche Geburten werden in Brasilien nicht eingehalten
Um die „Kaiserschnitt-Epidemie“, von der in brasilianischen Medien die Rede ist, zu stoppen, muss sich jedoch grundsätzlich etwas ändern. „Die natürliche Entbindung ist in Brasilien besonders schmerzhaft und riskant“, berichtet die Ärztin Carmen Simone Diniz, die die 2014 erschienene Studie „Nascer no Brasil“ („In Brasilien geboren werden“) koordiniert hat, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur. Diniz zufolge würden viele von der WHO empfohlene Richtlinien für Geburten in Brasilien nicht übernommen. So dürften die Frauen nicht selbst entscheiden, in welcher Position sie ihr Kind gebären wollen. Zudem sei es üblich, den werdenden Müttern das wehenfördernde Hormon Oxytocin zu verabreichen, das jedoch die Schmerzen verstärke. Der Kaiserschnitt werde dadurch zur „Erlösung“.

Serruya kritisiert zudem, dass Schwangere häufig nicht über die Risiken eines Kaiserschnitts informiert würden. Sie hätten oft Vorurteile gegenüber eine natürlichen Entbindungen. Der Kaiserschnitt sei deshalb in Brasilien ein „Problem des öffentlichen Gesundheitssystems“, aber auch eine „kulturspezifischen Angelegenheit“.

Brasilien will Geburtshilfe verbessern
Auch finanzielle Interessen von Ärzten und Kliniken können ein Grund für die mangelnde Aufklärung der Schwangen sein. Denn ein Kaiserschnitt sei lukrativer als eine natürliche Entbindung, berichtet Etelvino Trindade, Präsident des brasilianischen Verbandes für Gynäkologie und Geburtshilfe, gegenüber der Nachrichtenagentur. Mit festgelegten Kaiserschnitt-Terminen, die meist lange im Vorfeld feststehen, lasse sich die Krankenhausbelegung besser planen. „Das kann man nur mit einem Kaiserschnitt“. Langfristig verursacht die hohe Anzahl der Eingriffe jedoch hohe Kosten für das Gesundheitswesen und den Staat.

Brasilien will nun mit neuen Vorschriften und gezielten Maßnahmen dem fragwürdigen Geburtstrend entgegenwirken. So berichtete der brasilianische Gesundheitsminister Arthur Chioro von einem Pilotprojekt mit mehr als zwei Dutzend Krankenhäusern, in denen die Geburtshilfe insgesamt verbessert werden solle. Ab Juni müssen die Krankenkassen zudem ihre Versicherten über den Anteil von Kaiserschnittgeburten informieren, die von Ärzten und Krankenhäusern durchgeführt werden. Man erhofft sich dadurch, den Schwangeren die Angst vor einer natürlichen Geburt zu nehmen. (ag)