Gruppenzwang schon im Kindergarten

Sebastian

Kinder sind bereits im Kindergartenalter mit der Mehrheit konform

26.10.2011

Schon Kindergartenkinder unterliegen laut einer Studie des Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie dem Gruppenzwang. Selbst wenn Kinder es eigentlich besser wissen müssten, schließen sie sich der Mehrheitsmeinung der anderen an. Besonders deutlich wird der Gruppendruck, wenn Kinder ihre Position öffentlich in einer Runde erklären müssen.

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Konformes Verhalten in der Gruppe
Kinder verhalten sich bereits ab dem Alter von vier Jahren konformistisch innerhalb einer Gruppe. Wer als Elternteil seine Tochter oder Sohn eigensinnig und selbstbestimmt beispielsweise bei der Wahl der täglichen Kleidung oder am Abend beim Zähneputzen rebellierend erlebt hat, wird kaum glauben, wie „angepasst“ und „konform“ sich ihre Kleinen im Rahmen einer größeren Gruppe oftmals bewegen. Offenbar ist die Darstellung in einer größeren Gruppe für das Sozialgeflecht der Kinder höherwertiger als das Verhalten gegenüber den vertrauten und verlässlichen Eltern. Das zeigte eine neu vorgestellte Studie von Daniel Haun und Michael Tomasello vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig (Child Development). Im Verlauf eines klassischen Konformitäts-Experimentes mit 96 Kindern im Alter von vier Lebensjahren zeigte sich, dass Kinder anscheinend einem Gruppendynamischen Druck beugen. Das gilt auch dann, wenn sie es eigentlich im Moment des konformistischen Verhaltens besser wissen müssten.

Experiment mit Bilderbüchern und Familienzuordnungen
Im ersten Studienverlauf bekamen die Kinder, die jeweils in Gruppen aufgeteilt waren, scheinbar gleiche Bilderbücher mit 30 Doppelseiten vorgelegt. Die Gruppengröße betrug eine Anzahl von vier Kindern. Auf der linken Seite des Buches waren Tierfamilien abgebildet. Auf der rechten Seite befanden sich jeweils ein Mitglied der Familie. Die Kinder hatten die Aufgabe, jeweils die Tiere der Familie zuzuordnen, also Mutter, Vater, Kind.

Den Vierjährigen wurde gesagt, dass alle Bücher gleich aufgebaut und bebildert sind. Die Forscher hatten aber nur bei drei Büchern eine gleiche Aufstellung realisiert. Bei dem vierten Bilderbuch war auf einigen rechten Seiten jeweils ein anderes Bild zu sehen. Demnach mussten die Kinder bei der gemeinsamen Auswertung in der Gesamtgruppe in einen inhaltlichen Widerspruch geraten. Bei der Fragerunde in der Gruppe folgten die Kinder, obwohl sie es besser wussten, in den meisten Fällen der Mehrheit der Kinder. Von den insgesamt 24 Kindern mit den präparierten Büchern, folgten 18 Kindern in den meisten Fällen der Mehrheitsmeinung und widersprachen damit ihren eigenen Erlebnissen.

Um das erste Ergebnis zu sichern unternahmen die Wissenschaftler einen zweiten Versuchsaufbau. In dem Experiment untersuchten sie, wie diese konformistische Verhaltensweise ausgelöst wird. Nun sollten die kleinen Probanden die richtige Lösung laut aufsagen oder etwas eingeschränkter die Lösung auf der linken Seite des Buches zeigen und auf das richtige Familienmitglied tippen. Der Raum des Kindergartens war so ausstaffiert, dass nur der Studienleiter das Zeigen sehen konnte, aber nicht die anderen Kinder in der Räumlichkeit. In diesem Aufbau zeigte sich eine Wendung des Geschehens. Von den 18 Kindern, die der Minderheit angehörten, folgten 12 Kinder der Mehrheitsmeinung, wenn sie das Ergebnis innerhalb der Gruppe aufsagen mussten. Sollten die Kinder das Ergebnis nur mit dem Finger zeigen, waren es nur noch acht Kinder, selbst dann, wenn die drei anderen sprachen und etwas anderes behaupteten. Dieses Resultat wertete die Forschergruppe als einen Beweis dafür, wie stark der soziale Druck wirkt, wenn die eigene Meinung verbalisiert werden muss.

Meinungsdynamik funktioniert auch bei Erwachsenen
Der sozialpsychologische Versuch ist nicht der erste auf diesem Gebiet. Bereits der Psychologe Solomon Asch hatte dieses Phänomen in einem ähnlichen Versuchsaufbau das Verhalten von Erwachsenen erforscht. In der Studie brachte der Sozialpsychologe die Probanden dazu, die Einschätzung von zuvor instruierten Teilnehmern zu übernehmen. Dabei saßen eine Reihe von Personen an einem Konferenztisch. Ein Proband musste im Anschluss den Raum betreten. Dieser war im Glauben, dass alle anderen Teilnehmer nicht instruiert waren und ebenfalls an dem Experiment unvoreingenommen teilnehmen. In Wahrheit waren alle eingeweiht, bis auf die einzelne Person, den extra den Raum betrat. Auf einem Bildschirm wurde der Gruppe eine Linie gezeigt. Neben dieser Referenzlinie wurden drei weitere Linien eingeblendet. Nun war es die Aufgabe aller Personen einzuschätzen, welche Linie der dreien etwa gleich lang ist wie die Referenzlinie. Die eingeweihten Personen gaben an, dass eine Linie die offensichtlich nicht gleich lang war, der Länge der Referenzlinie entsprach. Eine Mehrheit der nicht-eingeweihten Studienteilnehmer teilten die Meinung der Mehrheit, obwohl es offensichtlich war, dass die Linie nicht gleich lang war. Das zeigt, wie im Alltag eine dominierende Mehrheitsmeinung zur Tatsache wird, auch wenn vermeintlich Tatsächliches falsch ist. (sb)

Bild: Stephanie Hofschlaeger / pixelio.de