Künftig immer mehr Menschen mit Demenz

Astrid Goldmayer

Zahl der Demenzkranken wird sich laut Welt-Alzheimer-Bericht bis zum Jahr 2050 verdreifachen

20.09.2013

Weltweit ist die Zahl der Menschen, die an Demenz leiden, bereits in der Vergangenheit deutlich gestiegen. Dem Welt-Alzheimer-Bericht 2013 zufolge, ist damit zu rechnen, dass es bis zum Jahr 2050 weltweit rund 115 Millionen demente Menschen geben wird. Den Autoren des Berichts zufolge ist jedoch bisher kein Land auf die hohen Anforderungen in der Pflege und der Versorgung der Dementen eingestellt.

Demenz wird zu einer der größten Herausforderungen dieses Jahrhunderts
„Weltweit benötigen 13 Prozent der Menschen im Alter von 60 Jahre oder älter Langzeitpflege. Zwischen 2010 und 2050 wird sich die Gesamtzahl der älteren Menschen mit Pflegebedarf von 101 auf 277 Millionen fast verdreifachen“, heißt es im Welt-Alzheimer-Bericht. Meist betreffe die Langzeitpflege Menschen mit einer Demenz-Erkrankung wie Alzheimer. Ihre Zahl soll demnach bis Mitte des Jahrhunderts auf 115 Millionen steigen. Das wären mehr Menschen als heute in Mexiko leben, das zu den 15 bevölkerungsreichsten Ländern der Erde gehört. Ein unvorstellbare hohe Zahl von Pflegebedürftigen, für die es noch nicht annähernd ein ausreichendes Versorgungsangebot gibt, und eine Herausforderung an die Gesundheitssysteme, der sich weltweit alle Länder stellen müssen.

Dem Bericht zufolge leiden derzeit etwa 35 Millionen Menschen weltweit an Alzheimer oder einer anderen Form von Demenz. In Deutschland sind rund 1,4 Millionen betroffen. Angaben der Deutschen Alzheimergesellschaft zufolge werden es bis 2050 drei Millionen Demente sein, von denen jeder Dritte über 90 Jahre alt ist. Es sei zu erwarten, dass rund die Hälfte aller Pflegebedürftigen mit zunehmendem Alter an einer Form der Demenz erkranke. Davon seien vor allem etwa 80 Prozent der Bewohner von Alten- und Pflegeheimen betroffen, schreiben die Autoren des Berichts. In Deutschland leiden etwa 60 Prozent der Menschen in Altenheimen an einer Demenz.

„Demenz hat eindeutig weltweit enorme sozioökonomische Auswirkungen. Es ist schwer, eine so große Summe vorauszusagen“, heißt es im Welt-Alzheimer-Bericht. Derzeit würden Kosten in Höhe von 604 Billionen US-Dollar im Zusammenhang mit Demenz-Erkrankungen entstehen. „Wenn Demenz ein Land wäre, wäre es im weltweiten Vergleich auf Platz 18. der stärksten Ökonomien, rangierend zwischen der Türkei und Indonesien. Wenn Demenz ein Unternehmen wäre, würde es weltweit zu den größten gemessen an den jährlichen Einnamen gehören und Wal-Mart (414 Billionen US-Dolar) und Exxon Mobile (311 Billionen US-Dollar) übertreffen“, schreiben Professor Martin Prince vom Londoner Universität King’s College und sein Team im Welt-Alzheimer-Bericht.

Demente und Angehörige brauchen mehr Unterstützung
Angehöre von Demenzkranken sind häufig mit der Pflege überfordert. Im Welt-Alzheimer-Bericht fordern die Autoren deshalb mehr Unterstützung für Angehörige sowie eine bessere Bezahlung für professionelle Pflegekräfte. „Schon heute erreichen uns zwei Drittel der Anrufe von Familien in einer Krise", erklärt Roger Baumgart, Geschäftsführer eines Pflegeanbieters in Großbritannien, gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“.

Auch in Deutschland müsse das Angebot an ambulanten Pflegediensten, Pflegeheimplätzen oder alternativen Betreuungsangeboten wie Wohngemeinschaften deutlich vergrößert werden, fordert auch Hans-Jürgen Freter, Sprecher der Alzheimer Gesellschaft, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur. „Noch werden zwei Drittel der Demenzkranken zu Hause betreut. Das wird so nicht weitergehen", berichtet der Experte. „Künftig gibt es allein schon weniger Kinder, die sich kümmern können. Und es gibt mehr ältere Singles." Vor allem die Kommunen seien gefordert, angemessen mit Demenzkranken umzugehen.

Keine angemessene Betreuung von Demenz-Kranken
Professor Hans Gutzmann, Präsident der deutschen Alterspsychiater, sieht in der Betreuung von Demenz-Kranken große Mängel. Bisher betrachte die Politik Alzheimer und andere Demenz-Erkrankungen vor allem als ein pflegerisches Problem. Dadurch ergebe sich eine Trennung von Kranken- und Pflegekasse, die dazu führe, dass Demenzkranke gemessen am internationalen Standard in Deutschland nicht ausreichend versorgt würden. Es sei für eine Krankenkasse unter betriebswirtschaftlichen Aspekten nicht sinnvoll, eine Therapie zu bezahlen, deren finanziellen Nutzen aber die Pflegekasse hat, indem die Kosten für pflegerische Maßnahmen durch die Behandlung erst später anfallen würden. Deshalb bleibe das, was für die Patienten sinnvoll wäre, ungetan.

Es müssten Medikamente, nichtmedikamentöse Therapien und pflegerische Maßnahmen in einem therapeutischen Gesamtkonzept Anwendung finden, fordert die Deutsche Alzheimer Gesellschaft. Dadurch könne eine Verlangsamung der Krankheit bewirkt werden, so dass Betroffene länger ein selbstbestimmtes Leben in Würde führen könnten. Zudem würden sich die Kosten für die Unterbringung im Pflegeheim, die dank eines solchen therapeutischen Gesamtkonzepts zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen könnte, reduzieren. (ag)

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