Künstliche Befruchtung: Neue Methode hat geklappt

Alfred Domke

Retortenbaby nach neuer Methode bei künstlicher Befruchtung geboren

08.07.2013

In England wurde im Juni das erste Baby nach künstlicher Befruchtung geboren, dessen Genom vorab bekannt war. Der Embryo wäre aussortiert worden, wenn er krank gewesen wäre.

Baby Connor
Heute Vormittag wurde in Großbritannien bestätigt, was Experten seit Monaten prophezeiten: Das gesamte Genom von künstlichen Embryos kann vollständig entziffert werden, bevor sie in die Mutter übertragen werden. Der britische Reproduktionsgenetiker Dagan Welss von der Uni Oxford gab heute Vormittag bei der Jahrestagung der europäischen Reproduktionsmediziner (ESHRE) in London bekannt, dass das erste Baby, das dieser Prozedur als Embryo unterzogen wurde, im Juni in den USA geboren wurde. Die Erbanlagen konnten bereits gelesen werden bevor die Mutter überhaupt schwanger war. Die Eltern des Babys mit dem Namen Connor hatten jahrelang vergeblich versucht, Kinder zu bekommen. Schließlich war die Schwangerschaft der 36-jährigen Mutter nach künstlicher Befruchtung und der Auswahl des genetisch gesunden Embryos erfolgreich.

Preislich günstiger
Die ersten Tests mit dem sogenannten „Next Generation Sequencing“ (NGS) waren von einem Team um Wells vom Biomedical Research Centre an der Universität Oxford erfolgreich angewandt worden. „NGS ermöglicht bisher nicht dagewesene Einblicke in die Biologie von Embryos", so Wells. Bislang gängige Methoden hätten nur eine maximale Erfolgsrate von 30 Prozent. Obwohl der Grund dafür nicht bekannt ist, wird vermutet, dass dies auch an versteckten Chromosomen-Defekten liegen könnte. Die neue Methode, die auch preislich günstiger sein soll als bisherige Verfahren, soll nun in einer größer angelegten Studie getestet werden.

Gesamtes Genom entziffern und analysieren
Das neue Verfahren wurde auch bereits von anderen Paaren genutzt. So steht laut den britischen Forschern die Geburt eines weiteren Babys kurz bevor, bei dem das Genom nach der selben Methode vor der Verpflanzung in den Mutterleib entziffert wurde. Bei dem neuen Testverfahren handelt es sich um eine Weiterentwicklung der Präimplantationsdiagnostik (PID). Diese wird angewandt, um Embryos, bevor sie zur künstlichen Befruchtung eingesetzt werden, gezielt auf bestimmte Erbkrankheiten zu untersuchen. Dafür werden aus dem Embryo einzelne Zellen entnommen und Gene in der Erbsubstanz der Zellen einzeln auf Defekte getestet. Es geht dabei meist um Defekte, die nur auf einem Gen liegen, die monogenen Erbkrankheiten. Besteht bei einem Elternteil ein Verdacht der Veranlagung für eine solche erbliche Erkrankung, dann können Embryonen daraufhin getestet werden. Dank der Weiterentwicklung können die Wissenschaftler mittlerweile aus der winzigen Menge Erbsubstanz von zwei oder drei Zellen des Embryos dessen gesamtes Genom entziffern und analysieren.

„Baby-Take-Home-Rate“
Derzeit gehe es den Wissenschaftlern um Wells nicht um die vollständige Genomdekodierung, sondern Ziel sei, bei der IVF-Behandlung eine besonders hohe Schwangerschaftsrate zu erreichen, damit den Patientinnen wiederholte Behandlungszyklen und Hormongaben erspart blieben. Bei IVF (In-vitro-Fertilisation – lateinisch für „Befruchtung im Glas“) handelt es sich um eine künstliche Befruchtung, die seit 1978 in der Behandlung des unerfüllten Kinderwunsches eingesetzt wird. Weltweit wurden mit Hilfe der Reagenzglasbefruchtung seitdem drei Millionen Kinder geboren. In Deutschland werden die Kosten zum Teil von den Krankenkassen übernommen. Die Quote der erfolgreichen Geburten nach künstlicher Befruchtung wird von Reproduktionsmedizinern als „Baby-Take-Home-Rate“ bezeichnet.

Schwangerschaftsraten von mindestens 70 Prozent
Bei dem neuen Verfahren lesen die Wissenschaftler die Erbmoleküle nur oberflächlich, um eine mögliche Chromosomenstörung (Aneuploidie) des Embryo festzustellen. Das wäre der Fall, wenn die Zellen nicht die korrekte Zahl von 46 Chromosomen aufweisen. Als Hautursache für das Versagen der Schwangerschaftsbehandlung gelten fehlende (Monodomien) oder überzählige (Trisomien) Chromosomen. Derartige Abweichungen bergen die sehr hohe Gefahr, dass der Embryo nicht entwicklungsfähig ist, oder zu einer Fehlgeburt führt. So sterben etwa bei Trisomie 21, der Ursache des Downsyndroms, etwa zwei Drittel der betroffenen Föten im Mutterleib. Die IVF-Mediziner erreichen nach den bisherigen Erfahrungen mit den Chromosomentests im ersten Versuch Schwangerschaftsraten von mindestens 70 Prozent. Unabhängig vom Alter der Frauen bleibt die Erfolgsrate stabil hoch.

Deutsche Rechtslage unklar
Unter Juristen ist strittig, ob die neue Methode in Deutschland nach dem PID-Gesetz erlaubt wäre. Das Parlament hatte erst kürzlich, nach jahrelangem politischen und ethischen Streit, die Einführung der PID erlaubt, jedoch in engen Grenzen und in der Annahme, es würden kaum mehr als 200 solcher Untersuchungen jährlich durchgeführt. Wenn sich die neue Methode jedoch als Routineuntersuchung bei Fruchtbarkeitsbehandlungen durchsetzen sollte, käme es zu jährlich zehntausenden Tests an Embryonen. Der Großteil würde diesen nicht bestehen und im Labor aussortiert werden, bevor die Natur es tut. Klaus Diedrich, Vorsitzender der PID-Kommission bei der Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe hält es für unwahrscheinlich, dass die Methode in Deutschland eingeführt wird: „In Großbritannien wurde das Screening nur auf Verdacht durchgeführt, das ist in Deutschland nicht denkbar." (ad)

Bild: Dieter Hopf / pixelio.de