Narzissmus: Narzissten leiden erst am Abgrund

Sebastian

Narzissten leben lange gut mit ihrer Störung

16.12.2013

Nicht selten leben Menschen mit einer Narzisstischen Störungen lange ohne Einschränkungen. Doch irgendwann kann die Persönlichkeitsstörung das Leben der Betroffenen stark einschränken. Viele Betroffene flüchten sich in Süchte, erleben zunehmend Stress oder werden einsam, weil sie für Mitmenschen nicht mehr aushaltbar sind. Wo aber können Narzissten Hilfe erhalten, wenn sie sich aufgrund ihres Störungsbildes „immer als die Besten halten“ und wie kann eine solche psychische Störung erkannt werden?

Trotz verschuldetem Unfall kein Schuldgefühl
Die Ehefrau bat ihren Mann, während einer gemeinsamen Fahrt im Auto, etwas langsamer zu fahren. Daraufhin fuhr der Ehemann noch schneller. „Ich lasse es mir nicht vorschreiben, wie schnell oder langsam ich fahren soll“, dachte sich der Mann. Kurz darauf überschlug sich das Fahrzeug. Während der Ehemann nur einen Schock erlitt, wurde seine Frau schwer verletzt. Nach zahlreichen Operationen litt die Patientin noch immer unter starken Schmerzen. Zudem war das Gesicht stark entstellt. Der Ehemann verzweifelte an der Situation. Er suchte sich Rat bei einem Therapeuten. Als der Psychotherapeut nach dem Grund seines Hilfeersuchens fragt, sagt der Mann mit Tränen in den Augen: ”Wie stehe ich jetzt da, mit einer Frau, mit der ich mich jetzt schämen muss?”

Sehr viel Selbstmitleid und Kränkungen
Diese Kurzgeschichte ist ein Ausschnitt aus dem neuen Buch von Reinhard Haller. Der Autor ist selbst Psychotherapeut und setzt sich mit dem Thema Narzissmus auseinander. Bei ersten Hinsehen sind die Betroffenen oft faszinierend. Sie können andere Menschen schnell begeistern und nehmen viel Raum ein. Nicht selten sind Patienten in der Lage andere für einzunehmen. Doch bei näherem Kennenlernen erleben die Mitmenschen oft Enttäuschungen. Sie stoßen bei Narzissten auf Egoismus und emotionaler Kälte. Sie nehmen dabei keine Rücksicht auf Andere. Fühlen sie sich gekränkt, schweigen sie Tage oder Wochenlang. Das Selbstmitleid findet hingegen keine Grenzen.

Auf der anderen Seite: Gebe es nicht Menschen, die narzisstisch agiert hätten, würde die heutige Welt mit großer Wahrscheinlichkeit sehr viel anders aussehen. Große Erfindungen oder sportliche Rekordleistungen würden nicht vollbracht sein. Aber sehr viel weniger Menschen hätten einen Suizid begangen und würden heute noch leben. Einige Diktaturen hätten nicht stattgefunden und viele familiäre Tragödien wären nie passiert. Denn Menschen mit diesem Störungsbild suchen nach Anerkennung, Macht und Ruhm. Sie nehmen dabei keine Rücksicht auf Andere. Verluste von Mitmenschen sind egal.

Nach Außen scheinen Narzissten selbstbewusst, sie können und wissen alles besser, sind leistungsorientiert. Sie wissen wie es sich benehmen gilt und unternehmen Hobbys, bei denen die meisten abwinken würden. Der sogenannte „pedantische Narzisst“ ist kaum einschätzbar. Er fragt immer wieder nach, will immer einen Rat wissen und in keinem Fall ein Risiko eingehen.

Wie kommt es zu einer narzisstischen Störung?
Woher kommt diese Störung? Gritli Bertram, Sozialpädagogin und Therapeutin aus Hannover sagt: „Die Narzisstische Persönlichkeitsstörung ist eine sogenannte frühe Störung, die schon in der frühen Bindung/Beziehung zur Mutter zustande kommt. Es konnte aufgrund mangelnder emotionaler Passung zwischen Mutter und Kind kein gesundes Selbst entwickelt werden.“

Narzissmus und Suchterkrankungen sind sich sehr ähnlich. Süchte und Narzissmus beginnen in Gesellschaft und enden nicht selten in absoluter Einsamkeit. Denn an der Seiten eines Narzissten halten es viele Menschen kaum aus. Während der Süchtige nach Drogen verlangt, ist der Narzisst süchtig nach Bestätigung seiner Selbst. Welche Symptome können Laien oder Betroffene erkennen? Bertram: “Narzisstisch gestörte” Patienten, die einen Therapeuten aufsuchen, haben oft keine Symptome, die sie konkret benennen können. Ein Gefühl von Leere entsteht in einem. Diese Gefühl kann auch nicht durch großen Erfolg gefüllt werden. Man fühlt sich oft depressiv. Das Leben erscheint dem Betroffenen sinnlos. Immer wieder leidet er unter Kränkungen und fühlt sich schnell vernachlässigt. Andererseits fühlt er sich selbst oft großartig oder beschreibt auch die eigenen Eltern als großartig. Seine Beziehungen gehen ständig in die Brüche.“

Nicht heilbar aber lindernd
Leider ist eine narzisstische Persönlichkeitsstörung nicht heilbar. Im Verlauf einer Therapie kann aber an der Kritikfähigkeit und Empathie gearbeitet werden. Die Betroffenen müssen sich gezielt Hilfe suchen. Die meisten nehmen die Hilfe jedoch erst in Anspruch, wenn sie mit ihrem Leben kurz vor dem Abgrund stehen. Denn zuvor war das Leben doch schön. (sb)

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Bild: sokaeiko / pixelio.de