Onkologen: Überprüfung der Krebsfrüherkennung

Astrid Goldmayer

DGHO spricht sich für kritische Prüfung der bisherigen Krebsfrüherkennung aus

14.03.2014

Die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) spricht sich für eine kritische Prüfung der bisherigen Krebsfrüherkennungsangebote in Deutschland aus. Darauf wies der DGHO-Vorstand bei seiner gestrigen Tagung hin. Demnach könnten bestimmte Verfahren dem Patienten zwar Sicherheit vermitteln, gleichzeitig aber auch zu einer hohe Belastung führen.

In einigen Bereichen fehlten zudem Erkenntnisse zur Bewertung der Früherkennungsmaßnahmen, die speziell für Deutschland gelten, so die DGHO. Vorhandene Studien, beispielsweise beim Brustkrebsscreening, würden sich auf andere Länder wie die USA beziehen. Die Experten fordern eine Krebsfrüherkennung, die sich am aktuellen Stand des medizinischen Wissens orientieren.

Krebsvorsorge sollte sich am aktuellen Wissensstand der Medizin orientieren
„Bestimmte Verfahren der Krebsfrüherkennung können helfen, die Sterblichkeitsraten bei Krebs zu verringern“, betonte Professor Mathias Freund. „Die notwendigen Untersuchungen vermitteln den Teilnehmerinnen und Teilnehmern zwar Sicherheit, können aber auch durchaus eine Belastung darstellen und möglicherweise zu Überdiagnostik oder sogar Übertherapie führen. Der Umgang mit Krebs muss sich auch bei Früherkennung am aktuellen Stand des medizinischen Wissens orientieren.“ Die rasche Erweiterung des Fachwissens erfordere eine regelmäßige Überprüfung der derzeit implementierten Maßnahmen zur Krebsfrüherkennung.

Professor Ulrich Bick, stellvertretender Direktor am Institut für Radiologie der Charité Berlin, wies auf die Vor- und Nachteile bei der Früherkennung von Brustkrebs hin. „Durch regelmäßiges Mammographie-Screening alle zwei Jahre bei Frauen zwischen 50 und 69 Jahren kann die Brustkrebssterblichkeit um etwa 20 bis 30 Prozent gesenkt werden.“ Der Nutzen der Untersuchung sei jedoch nicht für alle Frauen gleich groß. So gebe es Frauen mit einem sehr dichten Drüsenparenchym, bei denen ergänzend zur Mammographie Untersuchungen wie eine Sonographie oder eine Magnetresonanztomographie der Brust sinnvoll seien. Zudem müssten Risikogruppen stärker berücksichtigt werden. „Bei Frauen mit einer starken familiären Belastung oder einer nachgewiesenen genetischen Disposition für Brustkrebs sollte die Brustkrebsfrüherkennung deutlich früher begonnen und mit kürzeren Intervallen durchgeführt werden. Auch kommt bei diesen Frauen der Magnetresonanztomographie der Brust in der Früherkennung eine wesentlich größere Bedeutung zu“, erläuterte Bick. Der Radiologe kritisierte zudem, dass der Ausbau von Krebsregistern in Deutschland nur unzulänglich verlaufe, so dass Einblicke in die Mortalitätsentwicklung fehlten. Studien zur Bewertung der Früherkennungsmaßnahmen gebe es deshalb hierzulande kaum. Die Erkenntnisse bezögen sich auf Untersuchungen anderer Länder wie USA oder Skandinavien. „Wir wissen deshalb nicht, welchen Effekt das Screening in Deutschland hat“, so Bick.

Bessere Früherkennung bei Lungenkrebs notwendig
Die DGHO fordert auch für Lungenkrebs eine verbesserte Früherkennung. Dr. Wilfried Eberhardt, Geschäftsführer am Westdeutschen Lungenkrebszentrum in Essen, berichtete von einem erfreulichen Trend. „Nach Jahrzehnten der Stagnation in der Früherkennung konnte im Jahr 2011 und in den fortgeschrittenen Analysen im großen National Lung Screening Trial in den USA zum ersten Mal eine relevante Reduktion der lungenkrebsbedingten Mortalität um circa 20 Prozent und der Gesamtmortalität um sechs Prozent durch die alleinige Einführung von drei Früherkennungsuntersuchungen mit einer Niedrig-Dosis-Computertomographie nachgewiesen werden.“ Noch immer ist Lungenkrebs die häufigste Todesursache unter den Krebsarten. Deshalb plädiert Eberhardt für ein klar strukturiertes und vorausschauendes Früherkennungsprogramm für Risikogruppen mit langjährigem Nikotinkonsum in Deutschland.

Ein aktueller Band der gesundheitspolitische Schriftenreihe der DGHO mit dem Titel „Krebsfrüherkennung in Deutschland 2014“ informiert über den aktuellen Stand. Darin werden unter anderem Methoden und Verfahren zur Krebsfrüherkennung und ihre Risiken, Therapiemöglichkeiten sowie Risikofaktoren und Prävention für die aufgeführten Krebsformen erläutert. „Die Krebsforschung erbringt laufende neue Erkenntnisse“, erläuterte Professor Bernhard Wörmann, Medizinischer Leiter der DGHO. „Aus diesem Grund müssen auch Maßnahmen der Krebsfrüherkennung regelmäßig auf ihre Wirksamkeit hin überprüft werden: Überflüssiges und Schädliches weglassen, Neues und Sinnvolles integrieren, in den vorhandenen Programmen Qualität sichern.“

Die DGHO fordert in einer Mitteilung zudem eine „transparente Nutzenbewertung der jetzt von den Krankenkassen finanzierten Programme in Bezug auf die Senkung der Sterblichkeit, die Vermeidung von Belastungen durch eine fortgeschrittene Krebskrankheit und die Kosten“. (ag)

Bild: Rainer Sturm / pixelio.de