Operationen: Die biologische Verfassung ist wichtiger als die Jahreszahl

Volker Blasek

Bis zu welchem Alter sollte man sich noch unters Messer legen?

Die Operationsmethoden verbessern sich ständig und damit auch die Belastung des Patienten. Bei älteren Patienten stellt eine Operation ein höheres Risiko für eintretende Komplikationen dar. Doch ab wann ist ein Patient zu alt für eine Operation? Soll ein 85 Jähriger noch unters Messer oder besser nicht? Dieser Frage widmeten sich Wissenschaftler vom St. Michael’s Hospital in Toronto in einer Meta-Analyse. Ziel der Studie war es, die prognostischen Faktoren zu identifizieren, die mit der Entwicklung postoperativer Komplikationen bei älteren Menschen verbunden sind.

Die Forscher fanden bei der Analyse von über 12.000 Patienten aus 44 Studien heraus, dass das Alter eines Patienten kein Grund ist, auf einen Eingriff zu verzichten. Ärzte sollten sich stärker vom biologischen Alter eines Patienten leiten lassen als vom tatsächlichen. Die Wissenschaftler konnten prognostische Faktoren identifizierten, die bei der Entscheidung hilfreich seien können, ob eine Operation Sinn macht oder zu gefährlich ist. Zu diesen Faktoren gehören beispielsweise die Gebrechlichkeit und depressive Symptome des Patienten. Auch ob jemand Raucher ist oder nicht spielt eine Rolle. Die Ergebnisse der Analyse wurden im Fachmagazin „BMC Medicine“ veröffentlicht.

Bei Operationen, die bei Patienten im hohen Alter durchgeführt werden, entscheidet nicht das Alter, sondern vielmehr der Allgemeinzustand über das eventuelle Auftreten von postoperativen Komplikationen. (Bild: Photographee.eu/fotolia.com)

Häufige Komplikationen bei Operationen im hohen Alter

Laut den Studien tauchen in jedem vierten Fall postoperative Komplikationen auf, die zu einem verlängerten Krankenhausaufenthalt führen. Circa 10 Prozent der älteren Patienten können nach der Operation nicht mehr in die frühere Umgebung zurückkehren. Durchschnittlich einer von zwanzig Patienten verstarb innerhalb von 30 Tage nach der OP. Die Forscher entdeckten jedoch, dass das Alter nicht allein schuld an diesen Auswirkungen ist. Vielmehr war der Allgemeinzustand der Betroffenen entscheidend.

Die alten Methoden sind ungenau

Die Forscher konnten feststellen, dass die herkömmlichen Methoden, die bislang zur Bewertung herangezogen wurden, keine sicheren Prognosen über das Auftreten von Komplikationen geben können. Bislang wurden nur das Alter des Patienten und die in der Anästhesie häufig angewendete Risikoklassifikation der „American Society of Anesthesiologists“ berücksichtigt. Laut den Wissenschaftlern erwiesen sich diese Methoden als unzuverlässig.

Welche Faktoren entscheiden tatsächlich über ein Komplikationsrisiko?

Ein schlechter Allgemeinzustand erhöht laut den Studienergebnissen das Risiko auf postoperative Komplikationen um das Zweieinhalbfache. Auch Raucher wiesen ein erhöhtes Risikopotential auf. Zusätzlich nimmt der Zustand der Gebrechlichkeit Einfluss auf das Komplikationsrisiko. Doch nicht nur körperliche Faktoren spielen eine Rolle. Patienten, die unter Depressionen oder kognitiven Einschränkungen litten, hatten ebenfalls ein erhöhtes Risiko für Komplikationen.

Das biologische Alter zählt

Die Ergebnisse der Metaanalyse sind eindeutig: Das numerische Alter der Patienten entscheidet nicht darüber, ob es nach der Operationen zu Komplikationen kommt oder nicht. Auch Patienten im hohen Alter müssen nicht auf einen Eingriff verzichten, wenn sie sich in einem guten Allgemeinzustand befinden. Die Studie verweist zudem auf Maßnahmen, die das Risiko von postoperativen Komplikationen senken können. Dazu gehören eine gesunde Ernährung in der Zeit vor der Operation, körperliche Fitness, ein Rauchstopp oder im Fall einer Depression eine Therapie. Ärzten wird empfohlen, stärker auf das biologische Alter zu schauen und Faktoren wie Allgemeinzustand, Gebrechlichkeit und den kognitiven Status mit einzubeziehen. (vb)