Philosoph zur Fastenzeit: Verzicht als Befreiung

Heilpraxisnet

Philosoph: Verzicht „als große Befreiung empfinden“

18.02.2015

Die Fastenzeit bedeutet für viele Menschen hierzulande nicht nur Verzicht auf Alkohol und Süßes, sondern auch eine innere Einkehr. So nutzen etwa manche die Zeit, um die Finger von bestimmten Konsumgütern zu lassen. In einem Interview beschreibt ein Philosoph, was Verzicht mit Glück zu tun hat.

Viele verzichten nicht nur auf leibliche Genüsse
Auch wenn viele Menschen während der Fastenzeit aus religiösen Gründen auf übermäßiges Essen verzichten, tun sie dabei auch ihrer Gesundheit etwas Gutes. Vernünftiges Heilfasten etwa dient nicht nur der Gewichtsreduktion sondern unter anderem auch der Verbesserung der Blutwerte. Viele Menschen verzichten zudem in der Zeit nicht nur auf leibliche Genüsse, sondern auch auf bestimmte Konsumgüter, das Auto oder das Handy. Von diesem bewussterem Leben können Körper und Geist durchaus profitieren. Philosophie-Professor Philipp Hübl von der Stuttgarter Universität geht es auch um das richtige Nutzen von Zeit. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa beschreibt er, was Verzicht mit Glück zu tun hat.

Warenkonsum macht langfristig unzufrieden
Wie Hübl erläutert, findet man das rituelle Fasten oder andere Formen von Enthaltsamkeit in fast allen Religionen. Stets ist die Idee dahinter die Triebkontrolle. Man soll sich auf sich selbst besinnen und nicht eigenen unmittelbaren Impulsen, wie Essen, Spaß, Feiern oder Sex folgen. Hübl zufolge zeigen zahlreiche Studien, dass Warenkonsum zwar kurzfristig euphorisch macht, langfristig jedoch unzufrieden. Auch in die populären Medien sind solche Einsichten gesickert und rasch von der Wellness- und Esoterikwelle mitgerissen worden. Wie der Experte meint, hat sich der Konsum allerdings oft nur verschoben: Wen von Materiellem wie Autos oder Schmuck, hin zu Erlebnissen wie Reisen oder Musikfestivals. „Waren wir früher Sklaven des Warenkonsums, dann sind wir heute Sklaven des Eventkonsums“, so Hübl.

„Besitz belastet“
Er meint weiter, dass „Besitz belastet“. Nicht nur weil man sich etwa um Haus oder Auto mit Reparaturen und Versicherung kümmern muss, dies ständig im Hinterkopf behält und so kognitive Ressourcen verbraucht. Sondern auch weil Dinge einen „Aufforderungscharakter“ haben, wie in der Philosophie die Phänomenologen sagen. Er führt das iPhone als ein Beispiel an. Dieses hilft einem zwar, ein nahegelegenes Restaurant zu finden, doch es verführt auch , ständig das Wetter zu checken oder die Laufgeschwindigkeit zu messen. „Verzicht kann man daher als große Befreiung von solchen stillen Aufforderungen empfinden“, so Hübl. Er meint, dass die Lebensberater Recht haben, wenn sie sagen, dass das Leben vereinfacht werden, der Keller ausgemistet, der Schreibtisch aufgeräumt und der Kleiderschrank entleert werden soll.

„Lebenszeit ist unsere kostbarste Ressource“
Weiter erläutert Hübl gegenüber der dpa: „Der Luxus liegt sicher nicht im Verzicht selbst, sondern eher umgekehrt: im richtigen Nutzen der Zeit. Unsere Lebenszeit ist unsere kostbarste Ressource, weil sie im Gegensatz zu Geld eindeutig begrenzt ist.“ Man hat zwar die Zeit gut genutzt, wenn ein Film oder Computerspiel gut waren, doch trotzdem denken viele vermutlich, dass man sich das auch hätte sparen können. Wie der Experte meint, ist die Aussage „Dafür ist mir meine Zeit zu schade“ zutiefst existenzialistisch, selbst wenn diejenigen, die dies aussprechen, nicht den eigenen Tod vor Augen haben. Über sich selbst erklärt er, dass er vor einiger Zeit sei Auto verkauft hat, das er sich mit einem Bruder geteilt hatte. Er habe das als große Befreiung empfunden. Hübl sagte abschließend, dass es jetzt wieder viel mehr Fahrrad fährt und darauf auf keinen Fall mehr verzichten würde. (ad)

Bild: Rainer Sturm / pixelio.de