Rätselhafter Patient: Hinter der Depression versteckte sich eine andere Erkrankung

Mysteriöse Krankheit hinter einer vorgeblichen Depression.Bild: kite_rin - fotolia
Sebastian
Eine Depression macht sich in vielen Fällen bemerkbar durch eine niedergedrückte Stimmungslage, die mit Antriebs-, Lust- und Freudlosigkeit sowie ständiger Müdigkeit einhergeht. Auch bei einer Mitfünfzigerin, die antriebslos und apathisch war, gingen Ärzte zunächst von einer Depression aus. Als sich zeigte, dass Medikamente nicht halfen und sogar noch weitere Probleme hinzukamen, forschten die Mediziner genauer nach.
Bericht über eine rätselhafte Patientin
Rund jeder vierte Mensch leidet irgendwann in seinem Leben an einer psychischen Störung wie etwa einer Depression. Neben körperlichen Symptomen wie Kopfschmerzen oder Appetitlosigkeit sind es vor allem Beschwerden im geistig-seelischen Bereich, die auf die Erkrankung hinweisen können. Typisch ist etwa eine niedergedrückte Stimmungslage, die mit Antriebs-, Lust- und Freudlosigkeit einhergeht. In vielen Fällen wird die Krankheit nicht oder erst sehr spät erkannt. Doch manchmal tippen Ärzte auch auf eine Depression, obwohl es eine andere Ursache für die Beschwerden gibt. So auch im Fall einer Frau aus Frankreich. In einem aktuellen Beitrag berichtet „Spiegel Online“ über die rätselhafte Patientin.

Mysteriöse Krankheit hinter einer vorgeblichen Depression.Bild: kite_rin - fotolia
Mysteriöse Krankheit hinter einer vorgeblichen Depression.Bild: kite_rin – fotolia

Medikamente wegen Wesensveränderung
Lustlos, müde, erschöpft: Die 54-Jährige, die sich bei den Psychiatern der Universitätsklinik im französischen Caen vorstellte, verbrachte ihre Tage fast apathisch. Sie machte sich Vorwürfe, weil sie bei der Arbeit kaum etwas schaffte und beschrieb sich gleichzeitig als reizbar, sensibel und nahezu unfähig, Entscheidungen zu treffen oder Aktivitäten zu beginnen. Das ging bereits seit Monaten so, früher war es jedoch ganz anders. Wie es heißt, hatte die Frau wegen dieser Wesensveränderung fünf Monate lang ein Antidepressivum eingenommen, ohne dass das Medikament etwas an ihrem Zustand änderte. Sie habe es daher wieder abgesetzt.

Einnahme von Pillen verschlimmert das Problem
Als die Patientin an der Universitätsklinik in Caen untersucht wurde, fiel den Ärzten neben den beschriebenen Symptomen nichts Besonderes auf. Keine neurologischen oder internistischen Auffälligkeiten, stabiles Gewicht, untersuchte Laborwerte: alles normal. Als die Mediziner einen weiteren Therapieversuch mit dem Antidepressivum Duloxetin vorschlugen, willigte die Patientin ein und begann sofort mit der Einnahme der Pillen. Auch damit blieb der Erfolg aus und nach einem weiteren Wechsel der Arznei verbesserten sich die Symptome nicht, sondern es kamen neue hinzu. Neben der Antriebslosigkeit machten der Frau auch Konzentrations- und Aufmerksamkeitsprobleme zu schaffen. Selbst Suizidgedanken sprach die Frau aus. Sie zog sich so oft wie möglich in ihr Bett zurück und blieb dort stundenlang wach liegen.

Geistige Fähigkeiten geprüft
Wie „Spiegel Online“ berichtet, war es der Ehemann, der darauf drängte, weiter nachzuforschen. Nachdem er den Ärzten von Erinnerungslücken seiner Frau erzählte, überprüften diese den sogenannten Mini-Mental-Status der Frau. Es handelt sich dabei um einen Test, mit dem verschiedene kognitive Bereiche geprüft werden, und der vor allem zur Diagnose einer Demenz genutzt wird. Unter anderem werden dabei die geistigen Fähigkeiten im Bereich Schreiben, Lesen und Rechnen sowie Sprachfähigkeiten und das Erinnerungsvermögen untersucht. Die Frau hatte auf der Skala, bei der man ab einem Wert von 24 und weniger von einem beginnenden geistigen Abbau ausgeht, lediglich einen Wert von 19.

Tumoren drückten auf das Gehirn
Wie die Ärzte im Fachmagazin „BMJ Case Reports“ berichteten, schlossen sie daraufhin weitere Tests an. Dabei zeigte sich dass die Patientin Erinnerungslücken im sprachlichen und visuellen Bereich hatte, kaum noch rechnen und auch bestimmte Handlungsabläufe nicht mehr planen und umsetzen konnte. Durch diese Feststellungen wurde den Ärzten klar, dass eine isolierte Depression nicht die richtige oder zumindest nicht die einzige Diagnose sein konnte. Als sie daraufhin eine Computertomographie des Kopfes veranlassten, konnte festgestellt werden, dass gleich an mehreren Stellen Tumore auf das Gehirn der Frau drückten. Es wurde angenommen, dass es sich dabei um sogenannte Meningeome handelte, meist gutartige Tumoren der Hirnhaut, die bei Frauen etwas häufiger vorkommen als bei Männern.

Typische Symptome einer Depression
Einer der größeren Tumoren befand sich auf der linken Seite im vorderen Bereich, dem sogenannten Stirnlappen, wo unter anderem Impulse, Handlungen, Antrieb und Aufmerksamkeit gesteuert werden. Das erkläre auch, warum die Frau vor allem antriebs- und lustlos war und nicht mehr richtig schlussfolgernd denken konnte. Wie „Spiegel Online“ schreibt, gehen erstere Probleme häufig mit einer Depression einher, während letzteres untypisch ist. Die Symptome variieren je nachdem, wo ein Meningeom wächst und auf gesundes Nervengewebe drückt. Unter anderem können Kopfschmerzen auftreten oder Lähmungen, Seh- oder Hörstörungen und Gleichgewichtsprobleme oder Gedächtnisverlust. Es kann neben diesen neurologischen Beschwerden jedoch auch isoliert psychiatrische Veränderungen geben wie Depressionen, Halluzinationen, Ängste oder Apathie. Den Angaben zufolge fällt es Ärzten bei diesen Patienten oft schwer, schnell einen Tumor als Ursache zu finden.

Patientin geht es nach Operation wieder gut
Als die Frau nach der Diagnose schließlich operiert wurde, bestätigte die Pathologie, dass es sich um Meningeome handelte. Der Eingriff, der nicht ohne Risiken war, ging gut und bereits einen Monat später waren die depressiven Symptome der Patientin verschwunden. Auch zwei Jahre später geht es der Frau gut, Medikamente braucht sie nicht mehr. In ihrem Bericht über diesen doch eher eigenartigen Fall stellen die Autoren die Frage, ob Ärzte nicht immer Computertomographie- (CT) oder Kernspin-Aufnahmen vom Gehirn eines Patienten machen sollten, bevor sie eine Depression diagnostizieren. In den vergangenen Jahren wurde zwar unter anderem auch von einem möglichen Bluttest zur Diagnose von Depressionen berichtet, doch in der Regel stehen bei der Diagnostik die psychischen Veränderung im Vordergrund. Laut der überarbeiteten S3-Leitlinie zu Depression gehören bildgebende Verfahren wie CT oder Kernspin in Deutschland nicht dazu. Laut DGPPN (Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde) wird hierzulande erst dann eine Bildgebung veranlasst, wenn sich die Depression trotz Medikamenten nicht verbessert oder andere Symptome hinzukommen. (ad)

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