Sterben wollen die meisten zu Hause oder im Hospiz

Fabian Peters

Die meisten Deutschen möchten am liebsten zu Hause sterben

21.08.2012

Je älter Menschen werden, desto intensiver beschäftigen sich die meisten mit dem Thema Tod. Dabei haben viele eine klare Vorstellung davon, wo und wie ihr Leben am besten zu Ende gehen sollte. Im Auftrag des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands (DHPV) hat die Forschungsgruppe Wahlen unter der Überschrift „Sterben in Deutschland – Wissen und Einstellungen zum Sterben“ eine repräsentative Bevölkerungsbefragung durchgeführt.

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Aus den Ergebnissen der Bevölkerungsbefragung des DHPV geht hervor, dass viele Deutsche (58 Prozent) der Ansicht sind, die Gesellschaft beschäftige sich zu wenige mit dem Thema Sterben und Tod. Wer sich mit dem eigenen Tod auseinandersetzt, der wünscht sich in den meisten Fällen, zu Hause zu sterben. Aber auch der Tod im Hospiz ist für knapp ein Fünftel der Befragten eine wünschenswerte Art aus dem Leben zu scheiden. Nahezu keine Befragten sprachen sich für einen Tod im Krankenhaus oder Pflegeheim aus. Tatsächlich sterben jedoch nur 25 Prozent der Menschen zu Hause, fünf Prozent im Hospiz und ganze 70 Prozent in Pflegeheimen und Kliniken. Hier besteht eine erhebliche Divergenz zwischen der Vorstellung der Bevölkerung vom Tod und den tatsächlichen Gegebenheiten beim Sterben.

Über 1.000 Personen zum Thema Sterben und Tod befragt
Die Umfrage des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands macht deutlich, dass bei vielen Menschen (39 Prozent der Befragten) Sterben und Tod im persönlichen Umfeld eine große bis sehr große Rolle spielen. Der Großteil (83 Prozent) wurde bereits mit dem Tod eines nahestehenden Menschen konfrontiert. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung (54 Prozent) hat sich schon „häufig“ oder „ab und zu“ Gedanken über das eigene Sterben gemacht, so die Mitteilung des DHPV. Zwar nehme die Beschäftigung mit dem eigenen Tod im höheren Alter tendenziell zu, doch auch bei den jungen Menschen zwischen 18 und 29 Jahren denken 48 Prozent über den eigenen Tod nach. Insgesamt hat die „Forschungsgruppe Wahlen Telefonfeld“ 1.044 Deutsche ab einem Alter von 18 Jahren befragt. „Wir waren erstaunt, wie offen und bereitwillig die Menschen über dieses Thema gesprochen haben“, erklärte Matthias Jung, Geschäftsführer der Forschungsgruppe Wahlen. Von den Befragten gaben insgesamt 66 Prozent an, dass sie vorzugsweise zu Hause sterben möchten, 18 Prozent favorisierten ein Ableben in einer Einrichtung eigens für die Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen (Hospiz).

Hohes Vertrauen in die persönlichen Netzwerke
Der vielfach geäußerte Wunsch nach einem Tod in den eigenen vier Wänden zeigt auch das hohe Vertrauen der Bevölkerung in die persönlichen Netzwerke, so die Mitteilung des DHPV. Den Ergebnissen der repräsentativen Umfrage zufolge gehen fast alle Befragten (90 Prozent) davon aus, dass ihre Angehörigen, Freunde und Nachbarn sich bei Erkrankungen um sie kümmern. Auch Alleinstehende Menschen waren zu 76 Prozent davon überzeugt, das Personen aus ihrem persönlichen Umfeld im Krankheitsfall für sie sorgen. Im Fall der Pflegebedürftigkeit gehen „72 Prozent aller Befragten sowie 66 Prozent der 60-jährigen und älteren Befragten davon aus, dass sich jemand aus Familie, Freundeskreis oder Nachbarschaft um sie kümmern wird“, so die Mitteilung des DHPV. Doch tatsächlich brauchen schwerstkranke und sterbende Menschen laut Auskunft der Experten ein hohes Maß an Betreuung und Pflege, das in der Regel nicht ausschließlich vom persönlichen Umfeld der Betroffenen geleistet werden kann. So müsse dem persönlichen Netzwerk „ein gut ausgebautes Versorgungs- und Betreuungsnetzwerk zur Seite gestellt werden, das im engen Austausch mit Familie, Freundeskreis und Nachbarschaft den Menschen in seiner letzten Lebensphase begleitet“, erklärte der DHPV.

Schmerztherapien zu Hause erfolgversprechender?
Im Auftrag des DHPV ermittelten die Forscher auch, welche Erfahrungen die Befragten bisher mit Schmerztherapien bei ihnen nahestehenden Personen gemacht haben. Dabei schätzten „72 Prozent der Befragten die Schmerztherapie eines ihnen nahe stehenden Menschen zu Hause als gut ein; im Vergleich dazu haben nur 49 Prozent die Schmerztherapie im Krankenhaus als gut wahrgenommen“, so die Mitteilung des DHPV. Dieser deutliche Unterschied bei der Bewertung sei auf medikamentöser Ebene nicht zu erklären. Vielmehr weise er „darauf hin, dass am Lebensende neben den körperlichen Symptomen auch ganz andere Bedürfnisse eine Rolle spielen, die sich in Schmerzen und Schmerzempfinden ausdrücken können“, berichtet der DHPV. Es bedürfe daher nicht nur einer medizinisch-pflegerischen Versorgung, sondern auch der spirituellen und psychosozialen Betreuung, Geborgenheit und Nähe könne für den Erfolg der Schmerztherapie ausschlaggebend sein. Ein Krankenhaus, in dem die Arbeitsabläufe standardisiert erfolgen (müssen), könne diesem Anspruch in der Regel nicht Rechnung tragen. Die ehemalige Bundesjustizministerin und Schirmherrin des DHPV, Prof. Dr. Herta Däubler-Gmelin, fasste zusammen: „Begleitet, betreut, ohne Schmerzen“, sei die erhoffte Vorstellung der meisten Menschen zum eigenen Tod.

Hausarzt als Ansprechpartner auf der Suche nach Hospiz- und Palliativeinrichtungen
Die Vorstandsvorsitzende des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands, Dr. Birgit Weihrauch, erklärte, die „Umfrageergebnissen geben in vielfältiger Weise Aufschluss über Wissen und Einstellungen der Bevölkerung zum Thema Sterben und Tod – wichtige Grundlagen für uns, um gezielter auf die Anforderungen reagieren zu können.“ Eine besondere Rolle komme bei der Betreuung der Patientinnen und Patienten in ihrer letzten Lebensphase den Hausärzten zu, erläuterte der stellvertretende Vorsitzende des DHPV, Dr. Erich Rösch, Bei der Suche nach einer Palliativ-oder Hospizeinrichtung würden sich die meisten Patienten an ihren Hausarzt wenden. Dieser sollte daher dazu in der Lage sein, aus den komplexen Versorgungsstrukturen das richtige Versorgungsangebot für die Patienten herauszusuchen. Hier sei es „vordringlich, dass Hausärztinnen und Hausärzte über die Hospiz- und Palliativangebote selbst gut informiert sind, damit sie ihre Patientinnen und Patienten über Hospiz- und Palliativarbeit und die Möglichkeit hospizlich-palliativer Betreuung in ihrem Umfeld kompetent beraten können“, so die Mitteilung des DHPV. Der Verband wolle sich daher auch beim Gesetzgeber dafür einsetzen, den Ärzten Spielräume für die Betreuung von Menschen am Lebensende zu eröffnen und sicherzustellen, dass die Mediziner auch die erforderliche Zeit aufbringen können.

Viele Ältere haben bereits eine Patientenverfügung unterzeichnet
Wie viele Menschen sich konkret mit dem Thema Sterben und Tod beschäftigen, geht auch aus der Anzahl der Patientenverfügungen hervor. So haben ganze 26 Prozent der Befragten bereits eine Patientenverfügung verfasst und 43 Prozent haben schon einmal ernsthaft darüber nachgedacht, berichtet der DHPV. „Sowohl beim Abfassen der Patientenverfügung als auch bei der ernsthaften Auseinandersetzung mit einer solchen spielt“, laut Mitteilung des DHPV, „das Lebensalter eine wesentliche Rolle.“ Entsprechend liege der Anteil bei den Menschen im Alter über 60 Jahre deutlich höher als bei den jüngeren. 42 Prozent der über 60-Jährigen haben bereits eine entsprechende Verfügung verfasst und weitere 43 Prozent haben bereits ernsthaft über eine solche nachgedacht. „Diese Ergebnisse sind auch vor dem Hintergrund von Bedeutung, als die Auseinandersetzung mit diesen Fragen zugleich auch die Auseinandersetzung und den Dialog in unserer Gesellschaft über Leben und Tod fördert“, so die Mitteilung des DHPV. (fp)