Stuhltransplantation statt Antibiotika

Alfred Domke

Kot von Gesunden kann Darmkrankheiten heilen

27.06.2013

Egal auf welche Art und Weise: Menschliche Fäkalien verabreicht zu bekommen ist ekelhaft. Bei manchen Krankheitsfällen, bei denen Antibiotika versagen, scheint die sogenannte „Stuhltransplantation“ jedoch Wunder zu bewirken.

„Fäkaltherapie“ heißt jetzt „Stuhltransplantation“ – Der Inhalt bleibt gleich
Übertragung der Darmflora, Fäkaltherapie, Stuhlverpflanzung, fäkale Bakterientherapie, Stuhltransplantation: verschiedene Bezeichnungen für ein und dieselbe Methode, bei der ein Kranker mit dem Kot eines Gesunden therapiert werden soll. Bei der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten heißt es: „Derzeit eines der interessantesten Themen in der Gastroenterologie.“ Prof. Peter Galle, Gastroenterologe am Universitätsklinikum erklärte: „Noch ist das ein experimentelles Verfahren“, aber obwohl die Datenlage noch dünn und viele Fragen offen sind, sei der Ansatz vielversprechend.

Hilfe bei seltener gefährlicher Erkrankung
Schon seit längerem wird eine entsprechende Therapie bei Pferden unter dem Namen „Transfaunierung“ angewandt. Dabei wird einem Ross, dass unter Darmkoliken leidet, eine Brühe eingeflößt, die man mit den Pferdeäpfeln eines gesunden Tieres angerührt hat. In der Humanmedizin erfuhr das Thema große Aufmerksamkeit, als Anfang des Jahres Wissenschaftler aus Amsterdam eine Studie im „The New England Journal of Medicine" veröffentlichten. In der Studie ging es um Menschen, in deren Darm sich der berüchtigte Durchfallkeim Clostridium difficile ausgebreitet hatte. Dabei entzündet sich die Darmwand durch das gefährliche Bakterium, welches gegen viele Antibiotika resistent ist, und der Körper wird ausgezehrt. Die Erkrankung tritt zwar relativ selten auf, so etwa im Jahr 2012 bei knapp 800 Patienten in Deutschland, allerdings starben in diesem Jahr auch 502 Personen an einer solchen Infektion.

Natürlicher Bakterien-Mix
Die niederländische Studie kam zu einem verblüffenden Ergebnis, nachdem sie einem Teil der Patienten ein Antibiotikum gaben und dem anderen den Stuhl von Verwandten verabreichten. So wurden nur vier von 13 Patienten mit dem Antibiotikum gesund. Von den Probanden mit der Stuhlübertragung waren jedoch 13 von 16 geheilt. Kurzfristige Beschwerden wie Aufstoßen oder Bauchkrämpfe verschwanden bereits nach wenigen Stunden. Der Berufsverband Niedergelassener Gastroenterologen betonte: „Das Verfahren ist neu und nur an wenigen Zentren und wenigen Patienten erprobt.“ So gab es bislang in Deutschland nur wenige Fälle „individueller Heilversuche", beispielsweise in Heidelberg und Ulm. Prof. Volkhard Kempf, Direktor des Instituts für Mikrobiologie am Frankfurter Universitätsklinikum ist jedoch überzeugt von „der heilsamen Wirkung fremden Stuhls: Die darin enthaltenen nützlichen Bakterien dämmen die Ausbreitung des tückischen Keims ein und ihre Verabreichung führt zur Normalisierung der Darmflora."

Die Verabreichung der „Stuhlspende“
„Der Faktor Abscheu“ sei laut Kempf ein Problem. „Die Vorstellung ist ja erst einmal wenig ästhetisch." Deshalb könne er Vorbehalte gut verstehen. Um die passende Dosis zu erhalten wird die „Stuhlspende“, zwischen 100 und 200 Gramm, mit Kochsalzlösung auf etwa 50 Milliliter verdünnt. Die Lösung wird dann entweder über ein Koloskop durch den After in den Dickdarm eingeführt oder über eine Nasensonde in den Dünndarm. Weit mehr als über die Geruchsbelästigung müsse man sich laut Mikrobiologen Kempf Sorgen machen über Krankheiten, die mit den Fäkalien mitübertragen werden könnten. Gastroenterologe Galle sieht diese Gefahr ebenso: „Stuhl enthält ein komplexes Gemisch unterschiedlichster Bakterien. Es ist nahezu unmöglich zu sagen, welches die guten sind und welches die bösen."

Anonymes Material, Kapseln oder Do-it-yourself
Der US-Arzt Ciarán Kelly schrieb in einem Editorial der Amsterdamer Wissenschaftler: „Die natürliche Abneigung gegen die Fäkaltherapie" könne verringert werden, wenn man den Patienten anonymes Material aus Spenderbanken anbieten würde. Mikrobiologe Willem de Vos von der Universität Wageningen sieht die Lösung eher darin, die segensreichen Darmbakterien als unverfängliche Kapsel zu verabreichen. Allerdings ist eine dementsprechende Arznei noch nicht auf dem Markt. Und für alle, die weder auf die Fäkal-Pille warten wollen, noch eine anonyme Stuhl-Probe als Lösung sehen, gibt es noch die „Do-it-yourself“-Anleitung des kanadischen Gastroenterologen Michael Silverman, die im Magazin „Clinical Gastroenterology and Hepatology" veröffentlicht wurde. Darin wird beschrieben, wie man mit einer Stuhlspende, Kochsalzlösung, Handrührgerät und einem Einlaufbeutel seinen Darm eigenhändig rekolonisieren kann. (ad)

Bild: Sebastian Karkus / pixelio.de