Zehntausende wissen nichts von ihrer eigenen HIV-Infektion

Alfred Domke

Weltweit steigen die HIV-Neuinfektionen nur noch in Europa

Die Europäische Region ist weltweit die einzige Region der Weltgesundheitsorganisation (WHO), in der die Zahl der HIV-Neuinfektionen noch steigt. Zudem erhält etwa jeder zweite mit HIV lebende Mensch in dieser Region eine verspätete Diagnose. Zehntausende Europäer wissen noch nichts von ihrer Infektion.

Zahl der HIV-Neuinfektionen in Deutschland geht nicht zurück

Im vergangenen Jahr haben sich die Vereinten Nationen auf einen ehrgeizigen Plan geeinigt: Die globale Aids-Epidemie soll bis 2030 beendet sein. Schon im Jahr zuvor hatte die UN eine Trendwende verkündet und mitgeteilt, dass weltweit rund 40 Prozent weniger HIV-Todesopfer zu beklagen waren. Doch noch immer leben fast 37 Millionen Menschen mit dem Aids-Erreger HIV. Und noch immer kommt es zu Neuinfektionen. Auch in Deutschland geht die Zahl der HIV-Neuinfektionen nicht zurück.

Die HIV-Neuinfektionen steigen weltweit nur noch in der europäischen Region. Zehntausende Europäer wissen nichts von ihrer Infektion. (Bild: nito/fotolia.com)

Die einzige Region mit steigenden HIV-Neuinfektionen

Im Jahr 2016 haben sich etwa 3.100 Menschen in Deutschland mit HIV infiziert, die Zahl der Neuinfektionen bleibt damit insgesamt gegenüber 2015 konstant. Insgesamt lebten Ende vergangenen Jahres hierzulande etwa 88.400 Menschen mit HIV.

„Geschätzte 12.700 der 88.400 Menschen mit HIV wissen nicht, dass sie infiziert sind“, erklärte Lothar H. Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI) in einer Mitteilung.

In Gesamteuropa sieht es nicht besser aus: Wie die Weltgesundheitsorganisation mitteilt, ist die Europäische Region weltweit die einzige Region der WHO, in der die Zahl der HIV-Neuinfektionen noch steigt.

Dieser Trend setzte sich auch 2016 mit über 160 000 HIV-Neudiagnosen in der Europäischen Region, darunter 29 000 Fälle aus den Ländern der Europäischen Union (EU) und des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR), fort.

Ein Grund für diese besorgniserregende Entwicklung liegt darin, dass über die Hälfte (51%) aller gemeldeten HIV-Diagnosen erst in einem späten Stadium der Infektion erfolgen.

Verspätete Diagnose trägt zur Ausbreitung des Virus bei

„Die HIV-Epidemie breitet sich in der Europäischen Region weiter mit alarmierender Geschwindigkeit aus, vor allem im östlichen Teil der Region, auf den fast 80% der insgesamt 160.000 HIV-Neudiagnosen entfallen“, erläutert Dr. Zsuzsanna Jakab, WHO-Regionaldirektorin für Europa.

„Das ist die bisher höchste registrierte Zahl von neuen Fällen innerhalb eines Jahres. Wenn dieser Trend sich fortsetzt, werden wir die in den Zielen für nachhaltige Entwicklung enthaltene Zielvorgabe, die HIV-Epidemie bis 2030 zu beenden, nicht erfüllen können“, warnt die Expertin.

„Eine verspätete Diagnose, vor allem bei Hochrisikogruppen, hat eine verspätete Behandlung zur Folge und trägt zur weiteren Ausbreitung des HIV bei. Je später eine Person diagnostiziert wird, desto wahrscheinlicher wird sie an Aids erkranken, wodurch sich ihr Leiden und auch ihr Sterberisiko erhöhen“, sagt Dr. Jakab.

„Am Welt-Aids-Tag appelliere ich dringend an alle Länder, jetzt entschlossene Maßnahmen zu ergreifen, um in der Europäischen Region eine Trendwende bei der HIV-Epidemie herbeizuführen.“

Europäische Länder müssen mehr tun

„Um unserem Ziel, HIV zu eliminieren, näherzukommen, müssen wir eine frühzeitige Diagnose für alle sicherstellen und die Risikogruppen und die anfälligsten Menschen erreichen“, so der Europäische Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Dr. Vytenis Andriukaitis.

„Wir werden nur Erfolg haben, wenn wir grenzüberschreitend, fach- und organisationsübergreifend darauf hinarbeiten, einen leichten Zugang zu Diagnoseangeboten zu schaffen und Barrieren wie Stigmatisierung und Diskriminierung abzubauen.“

„Unsere Daten zeigen, dass Europa angesichts von jährlich über 29.000 neu gemeldeten HIV-Infektionen in den Ländern der EU und des EWR mehr zur Bekämpfung von HIV tun muss“, mahnt die Direktorin des „European Centre for Disease Prevention and Control“ (ECDC), Dr. Andrea Ammon.

„Im Durchschnitt braucht es vom Zeitpunkt der Infektion bis zur Diagnose etwa drei Jahre, und das ist viel zu lang. Dies führt langfristig zu weniger günstigen Verläufen für die zahlreichen verspätet Diagnostizierten und erhöht gleichzeitig das Risiko einer Weiterübertragung des Virus“, so Ammon.

„Gut zwei Drittel der Aids-Neudiagnosen in den Ländern der EU und des EWR – genauer: 68% – erfolgten innerhalb der ersten drei Monate nach der HIV-Diagnose, was darauf hindeutet, dass diese Personen sich schon Jahre zuvor infiziert haben.“

In der Altersgruppe über 50 werden zwei Drittel verspätet diagnostiziert

Aus den vom ECDC und vom WHO-Regionalbüro für Europa veröffentlichten Surveillance-Daten über HIV/Aids für 2016 geht hervor, dass der Anteil der verspätet Diagnostizierten mit zunehmendem Alter ansteigt.

Insgesamt wurden in der Europäischen Region 65% (EU/EWR: 63%) der über 50-Jährigen erst spät im Verlauf ihrer HIV-Infektion diagnostiziert.

Vor allem für diese höhere Altersgruppe spielt die gemeindenahe Gesundheitsversorgung eine entscheidende Rolle in Bezug auf die Chance auf eine frühzeitige HIV-Diagnose.

Die Durchführung von HIV-Tests aufgrund des Vorliegens bestimmter Erkrankungen wie sexuell übertragbarer Infektionen, Virushepatitis, Tuberkulose oder bestimmter Krebsarten könnte ebenfalls zu einer verbesserten Diagnose beitragen.

Wirksame und umfassende Präventionsmaßnahmen

Die Direktorinnen des WHO-Regionalbüros für Europa und des ECDC betonen, dass sich Europa zur Verringerung der Zahl neuer HIV-Infektionen auf drei zentrale Handlungsfelder konzentrieren müsse:

1. Vorrang für wirksame und umfassende Präventionsmaßnahmen wie Sensibilisierung, Förderung von geschütztem Geschlechtsverkehr, Kondomgebrauch und Substitutionstherapie und Einführung von Nadeltauschprogrammen und Präexpositionsprophylaxe für HIV;

2. Bereitstellung von HIV-Beratung und HIV-Tests, einschließlich Schnelldiagnosen, gemeindenahen HIV-Tests und HIV-Selbsttests; und

3. Herstellung eines schnellen Zugangs zu hochwertiger Behandlung und Versorgung für die diagnostizierten Fälle.

Höhere Lebenserwartung durch frühzeitige Diagnose

Eine frühzeitige Diagnose ist so wichtig, weil sie den Betroffenen einen früheren Therapiebeginn ermöglicht, was wiederum ihre Chancen auf ein langes und gesundes Leben erhöht.

Darüber hinaus verringert eine frühzeitige Behandlung das Risiko einer Weiterübertragung des HIV, da sie zu einer nicht nachweisbaren Viruslast führt, das Virus also nicht mehr auf andere Personen übertragen werden kann.

Zudem kann dadurch das Risiko einer Ausbildung von Aids sowie einer Ansteckung mit und einer Erkrankung an Tuberkulose verringert werden.

Leitlinien für die Verbesserung der Tests in der Europäischen Region

Die Konsolidierten Leitlinien der WHO für die Durchführung von HIV-Tests zielen auf die Leiter von HIV-Programmen, das Gesundheitspersonal und andere maßgebliche Akteure ab und sollen sie bei der Verbesserung des Zugangs zu HIV-Beratung und HIV-Tests unterstützen.

Insbesondere wird darin für die Einführung von Selbsttests bzw. das Angebot der Beratung und Untersuchung durch geschulte gemeindenahe Leistungsanbieter geworben, um die Akzeptanz unter den Betroffenen zu erhöhen.

Diese Leitlinien sollen zusammen mit den Leitlinien für HIV-Selbsttests und die Benachrichtigung von Partnern die Länder bei der allmählichen Verwirklichung der global und für die Regionen und Länder geltenden Zielvorgabe unterstützen, bis 2020 90% der HIV-infizierten Personen zu diagnostizieren. (ad)