Werwölfe und Krankheiten

Dr. Utz Anhalt
Figuren aus der Mythengeschichte, der historischen Anthropologie und der kulturellen Überlieferung haben oft einen Ansatz in der Realität. Im Zentaur, halb Mensch, halb Pferd spiegelt sich zum Beispiel die Begegnung von Ackerbauern mit Reitervölkern. Die Frage ist, ob reale Beobachtungen der Figur des Werwolfs zu Grunde liegen. Trance- und Ekstasezuständen und die aus ideologischen Gründen unterstellte Wolfsverwandlung der Hexenprozesse sind eben so ein Indiz für den Werwolfsglauben wie physische und psychische Erkrankungen.

Die Verwendung von Salben hatte einen realen Hintergrund, da zum Beispiel Stechapfelsalben halluzinogen wirken, zu Dämmerzuständen führen und die Körperwahrnehmung so verändern, dass der Betreffende meint, einen Pelz auf der Haut zu tragen. Ebenso konnten Präparate, die Schierling, Fliegenpilz oder Bilsenkraut enthielten, intensive und enthemmte Trancezustände auslösen. Tollkirsche löst starke Halluzinationen aus. Sie war auch als Wolfsbeere bekannt, eine Assoziation zwischen Wolf und Tollheit. Die Einnahme von Eisenhut vermindert die Empfindung auf der Haut, „als trüge man ein Fell“. Eisenhut taucht in Zusammenhang mit Wölfen auf.

Eine Krankheit, die Wölfe und Menschen erleiden und vom Wolf und dem Menschen übertragen wird, ist die Tollwut. Ihr Wesen als Infektionskrankheit war bis zum 19. Jahrhundert nicht bekannt. Tatsächlich bezeichnet der Werwolf in einigen Fällen, so 1445 bei Köln „nur“ tollwütige Wölfe, die auch damals nicht als verwandelte Menschen angesehen wurden. Ihre Bisswunden behandelte man mit göttlicher Segnung.

Der nahe Osten verweist auf Verbindungen zwischen Tollwut und Verwandlungsvorstellungen. Das arabische Wort „calab“ bedeutet Tollwut , aber auch „Hundsverwandlung“ und Symptome wie Raserei sind analog dem Werwölfen zugeschriebenen Verhalten. In Europa hieß die Tollwut Hundswut. Die Darstellungen von dämonischen Wölfen in der frühen Neuzeit ähnelten mehr tollwutkranken als gesunden Wölfen: Sie werden als aggressiv allen anderen Lebewesen gegenüber beschrieben und mit aus dem Maul heraushängender Zunge sowie funkelnden Augen. Sie dringen in Dörfer ein und zeigen keine Scheu. Die Wölfe der frühen Neuzeit hatten aber den Mensch fürchten gelernt, sie zogen sich zurück und mieden menschliche Ansiedlungen. Tatsächlich greifen gesunde Wölfe Menschen fast nie an, tollwütige Wölfe aber sehr wohl. Tollwutkranke Tiere verlieren ihre Menschenscheu. Es gibt glaubwürdige Überlieferungen von Wölfen mit Tollwut, die in Dörfer liefen und alle Tiere bissen, die ihnen entgegenkamen.

Haben die Geschichten von Werwölfen ihren Ursprung bei bestimmten Erkrankungen? (Bild: rudall30/fotolia.com)
Haben die Geschichten von Werwölfen ihren Ursprung bei bestimmten Erkrankungen? (Bild: rudall30/fotolia.com)

Der Verlauf der Tollwut beim Menschen ähnelt dem Erscheinungsbild nach dem bei Tieren, insbesondere auch Wölfen: Im ersten Stadium werden sie nervös und gereizt, nach ca. 3 Tagen dann aggressiv und spucken, beißen, treten um sich und schreien um Hilfe. Durch die im Krankheitsverlauf eintretende Lähmung werden die Lippen nach oben gezogen und entblößen die Zähne. Die Sprachlähmung führt zu Lautäußerungen, die –laut Rougemont- als Heulen oder Bellen interpretiert wurden. Auch andere Symptome wie sexuelle Hyperaktivität und blutiger Speichel erinnern an Werwölfe.

Der Arzt Joseph Claudius Rougemont berichtete in seiner 1794 veröffentlichten „Abhandlung über die Hundswuth“, dass das Verhalten Tollwutkranker mit dem Verhalten tollwütiger Hunde und Wölfe gleichgesetzt wurde. Die Verbindung zwischen einem Tierbiss und der eintretenden Tollwut wurde aber hergestellt und führte zu der Vorstellung, dass der ein Werwolf würde, der von einem Wolf gebissen worden war. Auch die Vorstellung im Volksglauben, dass der ein Werwolf würde, der Fleisch von Tieren gegessen habe, die von einem tollwütigen Wolf oder einem Werwolf gerissen worden waren, passt in dieses Interpretationsschema. Eine Virusübertragung ist auch auf diese Weise möglich und die betreffenden Menschen konnten an Tollwut erkranken. Die Symptome bei tollwütigen Menschen, deren Gemütszustand zwischen Hyperaktivität und totaler Verzweiflung wechselt, sind auch als typische Verhaltensweisen von „Werwölfen“ beschrieben worden. Dies gilt auch hinsichtlich der „Hydrophobie“, die sich als panischer Erregungszustand manifestiert und ausgelöst wird durch die Sichtwahrnehmung von Wasser, dass trotz brennenden Durstes aufgrund der Schlucklähmung nicht getrunken werden kann. Laut Rougemont interpretierten „die Alten“ die Verzweiflung der Kranken beim Anblick von Wasser als Angst das Bild eines Hundes als Spiegelbild zu sehen.

Die spastischen Zuckungen wurden als Annahme des Hundsverhaltens interpretiert, so Rougemont. Ein anderer gewagter Interpretationsansatz lässt eine Assoziation zwischen „Werwolfismus“ und Tollwut logisch erscheinen. Die Ansteckungsgefahr bei einem Wolfsbiss ist immens, denn der kranke Wolf reißt tiefere Wunden als ein infizierter Fuchs, eine infizierte Katze oder Fledermaus. Das Erscheinen eines –auch im Wortsinne- wütenden Wolfes in einem Dorf war auch in historischer Zeit ein Ereignis und eindrucksvoller als eine bissige infizierte Katze. Hinzu kommen die ungleich häufigeren tollwütigen Hunde und ob die im Zweifelsfall von Wölfen unterschieden wurden, ist fraglich. Hier sind wir im Bereich der Spekulation, den ich ausdehnen möchte.

Ein Indiz sind die Traumatisierungen der Kranken. In Vaulargeot biss 1783 ein Wolf mehrere Menschen. Drei erkrankten an der Tollwut. Die Erkrankten warnten vor ihren eigenen Tobsuchtanfällen und entwickelten Fantasien von reißenden Wölfen. Die Tollwutbehandlung zeigt einen engen Bezug zu Werwolfsmythen Die Tollkirsche sollte sowohl die Wolfsverwandlung herbeiführen, als auch vor Tollwut schützen. Erkrankte sollten durch das Überwerfen eines Wolfpelzes geheilt werden. Wolfsleber sollte Tollwut heilen.

Manche Ärzte und Tierärzte neigen dazu, in der Mythengeschichte einseitig miss interpretierte Krankheiten zu sehen. Dagegen spricht, dass bereits die Mediziner der frühen Neuzeit zwischen der teuflischen Werwolfsverwandlung und der insania lupicana unterschieden. Die Wahnvorstellung, ein Wolf zu sein, galt schon früh als eigenständige Krankheit. Die Krankheit Tollwut war der Gelehrtenmedizin seit der Antike bekannt. Das Wissen der Mediziner erreichte das Volk selten und Krankheiten bekamen einen magischen Aspekt. Magisches Denken führt logisch als ähnlich erkanntes Verhalten auf den gleichen Ursprung zurück. Es ist also möglich, dass Tollwut- Erfahrungen in Werwolfserzählungen einflossen. In einem Weltbild, in dem Krankheiten von Dämonen verursacht werden konnten, es den Teufel gab, Wölfe Unheil bringende Geister sein konnten und Alltagsrealität mit Hexenglaube ineinander floss, ist eine verbreitete Krankheit, von Wölfen auf Menschen übertragen, mehr als ein Nebenaspekt.

Rougemont schilderte die Grausamkeit der menschlichen Tollwut in mitfühlenden Worten: (…) Die Zuckungen kommen oft mit Anfällen. Die durch so heftige Quälereien äußerst geschwächten Kranken sehen oft mit Vergnügen dem Augenblick entgegen, der ihrer so traurigen Existenz, meist durch heftige Zuckungen, ein Ende macht.“ Die Behandlung der Tollwutkranken durch die Bevölkerung und die Behörden stimmte mit der Behandlung vermeintlicher Werwölfe überein: Bis in das 19. Jahrhundert hinein wurden Tollwutkranke erstickt, ertränkt, verbrannt oder erschlagen. Bei keiner Krankheit wurde bis zum Mord an psychisch Kranken im Nationalsozialismus so regelmäßig Euthanasie betrieben wie bei der Tollwut. Leider ist das Belegmaterial zur Überschneidung von Tollwut und Werwolfismus dürftig.

Neben der Tollwut sind andere physische Krankheiten als mitverantwortlich für die Werwolfsvorstellungen diskussionswürdig. Insbesondere ist die Porphyrie zu nennen, die nur sehr selten auftritt und insofern nur begrenzt als Erklärung für den weit verbreiteten Werwolfsglauben gelten kann. Bei Porphyriekranken kommt es zur Zerstörung des Zahnfleischs, wodurch die Zähne groß wie die von Raubtieren wirken, ihre Haut trocknet und bricht auf, die Gelenke versteifen, die Finger verkrümmen sich und sie können nur nachts das Haus verlassen, da ihr Körper Tageslicht nicht verträgt. Da diese Symptomatik der Krankheit mit unerträglichen Schmerzen kombiniert ist, brüllen und schreien die Kranken, so dass insgesamt die Auffassung, dass eine Wolfsverwandlung vorliege, zwar abwegig aber unter bestehendem Kenntnisstand nicht unlogisch war. Der Werwolfforscher Peter Kremer stellte aber fest, dass den Erzählern von Werwolfssagen in seiner Recherche die Porphyrie unbekannt war. Es besteht die Gefahr, zuviel Rationalität in vergangene Epochen zu projizieren.

Psychische Krankheiten waren zumindest Ärzten in der frühen Neuzeit bekannt und sie unterschieden die Werwölfe davon. Von den psychischen Erkrankungen sind Psychosen, Epilepsie, Schizophrenie und Autismus solche, deren Symptome dem „Werwolfismus“ sehr ähneln: Epileptiker fallen in einen tranceähnlichen Zustand (Aura), bevor sie einen Anfall bekommen. Schizophrene haben das Gefühl, von ihrem Körper abgespalten zu sein und Handlungen zu begehen, die sie nicht unter Kontrolle haben. Autisten isolieren sich weitestgehend von der sie umgebenden menschlichen Gesellschaft und leben in einer eigenen Welt. Manche von ihnen schreien oder heulen. In der Psychose verschwindet die Grenze zwischen äußerer Realität und innerem Erleben, zwischen Zeit und Raum, Bildern des Unterbewussten und der materiellen Realität. Die heutige Psychiatrie kennt eine Krankheit Lykorexie, in der die Kranken meinen, Wölfe oder Hunde zu sein. Manche dieser Krankheiten wurden mit Wölfen assoziiert –Wolfszunge galt als Mittel gegen Epilepsie. Einem Wolf das Herz heraus zu reißen, sollte die Epilepsie schlagartig heilen.

Im Alkoholdelirium wie im Kokainrausch berichten User, dass sie „kleine Tiere“ auf ihrer Haut fühlten, fühlten, wie ihre Haut sich abpellte. Von Fixern ist bekannt, dass sie meinen, dass ihre Haut platzt, wenn die Wirkung des Heroins nachlässt. Zu psychischen Extremzuständen, ausgelöst durch Unterernährung kamen in der frühen Neuzeit drogenähnliche Substanzen im Essen wie das Mutterkorn, Bilsenkraut in alkoholischen Getränken.
Psychische Krankheiten, die mit Extremzuständen wie Manie verbunden sind stellen durchaus ein verzerrtes Element der Zustände der schamanischen Tierverwandlung dar. In den Werwolfmythos können solche Zustände eingeflossen sein. Problematisch ist es jedoch, die Anschuldigungen in den Werwolfsprozessen partiell oder generell mit analogen Krankheitsbildern zu verbinden: Warum sollten ausgerechnet psychisch kranke Menschen mit „Werwolfs“-Symptomen oder psychisch Kranke, die sich selbst für Werwölfe hielten, Objekte der Hexenprozesse gewesen sein? Dies könnte lediglich der Fall gewesen sein, wenn sich eine solche Person anbot, um ein „Exempel zu statuieren“. In das Schema der Sozialdisziplinierung passen solche Anklagen psychisch Kranker nicht.

Aus diesem Grund ist auch die Auseinandersetzung von Rudolph Leubuscher in seiner 1850 erschienen Schrift „Über die Wehrwölfe und Thierverwandlungen im Mittelalter“ fragwürdig. Für Leubuscher war die Wahnvorstellung, ein Wolf zu sein, Ausdruck einer „Verwilderung des Gemüths.“ Die Imagination, ein Wolf zu sein, setzte Leubuscher mit kannibalischen Neigungen, Inzestwünschen, nekrophagen und nekrophilen Krankheitssymptomen gleich. Leubuscher erkannte gleich eine ganze Liste von Krankheiten, die dem Stereotyp des Werwolfs im Hexenprozess entsprachen. Was wir erfahren ist die Verlagerung der Deutungsmacht von der Theologie zur Wissenschaft. Im 19. Jahrhundert galt es für alles eine rationale Erklärung zu finden. Die Ausgrenzung des „Wilden, Barbarischen, Heidnischen“, die Verachtung der Natur gegenüber der Zivilisation blieb. Die letzten verurteilten Werwölfe wanderten im 18. Jahrhundert nicht mehr auf den Scheiterhaufen, sondern in das Irrenhaus.
Als bürgerlicher Wissenschaftler nahm Leubuscher die Anschuldigungen in den Hexenprozessen ernst und betrachtete die Angeklagten von vorneherein als psychisch Kranke, war aber nicht in der Lage, die konstituierende Funktion der Hexenprozesse kritisch zu hinterfragen. Hier spricht der staatstreue Bürger, für den das, was außerhalb oder gar gegen die bestehende Herrschaftsordnung steht, wild ist. Der Begriff Wildheit impliziert für den Bürger des 19. Jahrhunderts etwas, dass urbar gemacht, gerodet, geordnet werden muss. Die Interpretation des Hexenprozesses, der Teufelspakt, galt jetzt als falsch – nicht aber die Grundannahme, dass die Opfer „schuldig“ waren.

Auch nach der Französischen Revolution blieb der Werwolf als Metapher für nicht gewollte gesellschaftliche Zustände lebendig: Noch Karl Marx erwähnte in der „Kritik der politischen Ökonomie“ den Werwolf als Synonym für die unersättliche Gier der Kapitalisten, die Erde mitsamt ihren Bewohnern verschlingen zu wollen. Der Werwolf war keine Realität mehr, sondern eine Allegorie, eine Metapher, eine Satire. Die Tierverwandlung des Schamanen war im Feuilleton angekommen.

Ausblick
Die Werwolfsverfolgung der frühen Neuzeit darf man nicht als atavistischen Aberglauben abtun. Zentren der Hexenverfolgung waren nicht die rückständigsten, sondern die fortgeschrittensten Regionen Europas. Nicht hinterwäldlerische Bauern, sondern Intellektuelle entwickelten das Instrumentarium der Prozesse. Der Werwolfmythos lebt weiter: Nach dem ersten Weltkrieg erzählte man sich Schauergeschichten in der Altstadt Hannovers. Ein Werwolf sollte in dunklen Kellern Kinder verschlingen. Es waren keine Gerüchte: Fritz Haarmann ermordete 27 Jungen. Er biss einigen die Kehle durch und ist als „Werwolf von Hannover“ bekannt. Die Nazis verwendeten den Begriff in einem ähnlich grausigen Zusammenhang: Sie wollten aufgehetzte Jugendliche als „Werwölfe“ gegen die Alliierten einsetzen. Heutige Neonazis nennen sich –wohl als Ableitung- Werwölfe Harz. Wölfe schlagen allerdings weder mit Baseballkeulen um sich, noch zünden sie Menschen die Häuser an. Das Tier wird hier missbraucht, um die eigene Brutalität zu rechtfertigen.

Mit der Seele, die in Tiergestalt durch die unsichtbare Welt streift, haben solche Scheußlichkeiten nichts zu tun. Mit dem Wolf auch nicht. Aber auch Wolfsmythen, die weder Menschen noch Wölfen schaden, existieren weiter: Papenburger Bauern kennen den Weltenhund, der nachts das Moor durchstreift. Im Rollenspiel „Werwolf- Die Apokalypse“ spielt man einen Werwolf als Charakter. Den Werwolf scheinen weder geografische noch biologische Grenzen des Wolfes zu stören: Nahe Fortaleeza in Brasilien lebt heute ein Mann, dem Besonderes widerfahren ist: Er sah den Wolfsmenschen! Und im Film Howling III machen Beutelwerwölfe den Outback Australiens unsicher. (Dr. Utz Anhalt)