Ziernarben – Cutting und Branding: Hintergründe und Methoden

Dr. Utz Anhalt
Ziernarben gehören zu den ältesten Formen, den menschlichen Körper zu kennzeichnen. Wir reden von Skarifizierung, lateinisch bedeutet das „Ritzen“. Bei Narben von Brandwunden sagen wir „Branding“, bei solchen von Schnittwunden „Cutting“. Ziel ist es, dauerhafte Narben in der Haut zu bekommen – als Initiationsritus, Definition des Status, zur Abgrenzung gegenüber Anderen oder als Schmuck.

Cutting

Bei einem Cutting schneiden wir die gewünschten Schmuckmuster in die Haut. Zuerst zieht der Cutter mit einem Skalpell die Linien des Musters in die obere Hautschicht und entfernt diese dann. Beim Branding entstehen die Narben durch Verbrennungen zu Beispiel mit heißem Metall, Laser oder Strom.

Das Einbringen von Ziernarben auf der Haut wird als Skarifizierung bezeichnet. (Bild: hafakot/fotolia.com)

Technik von Dunkelhäutigen

Ziernarben entwickelten sich zwar weltweit, am beliebtesten waren sie jedoch bei Gruppen mit dunkler Hautfarbe. Der Grund: Tätowierungen sind umso besser sichtbar, je heller die Farbe der Haut ist. Auffällig ist jedenfalls, dass die Länder mit den häufigsten Ziernarben wie Sudan, Nigeria, Angola, Tansania oder Kenia, Regionen sind, in denen die Einheimischen eine dunkle Hautfarbe haben. Für die Verbindung zur dunkeln Hautfarbe spricht auch, dass diese Kulturen sich zugleich farbenfroh bemalen.

Traditionelle Methoden

Traditionelle Skarifizierungen in Afrika entstehen, indem die Haut an der gleichen Stelle wiederholt eingeschnitten wird; die natürliche Heilung wird dabei gezielt verzögert, unter anderem durch Verdrecken der Wunde mit Asche, Abreißen des Schorfs und erneutes Aufreißen der Wunde. Diese Methoden sind äußerst riskant und fordern lebensgefährliche Infektionen geradezu heraus.

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Abgrenzung und Erkennungsmerkmal

In Afrika kennzeichnen die Muster der Narben, ob jemand ledig oder verheiratet ist, zu welchem Stamm er oder sie gehört, welchen Rang die Person in der Gesellschaft einnimmt, etc. Sie sind in manchen Kulturen ausdrücklich kein reiner Schmuck, und die Individuen dürfen sie, vergleichbar mit den Farben des Kilts schottischer Clans nicht aus rein ästhetischen Gründen tragen.

Die Narben kennzeichnen den Übergang vom Kind zum Erwachsenen, den Eintritt in den Kriegerstand oder sogar die Heiratsfähigkeit. Anders sieht es bei den Baluba im Kongo aus; dort tragen die Frauen Narben am Unterleib, um auf Männer sexuell attraktiv zu wirken.

Viele Kulturen im Tschad, Kamerun oder Kenia empfinden den „nackten nackten“ Körper als unerotisch. Cuttings stehen nicht allein, sondern gehen einher mit Frisur, Haarpracht, Piercings in Ohren oder Lippen, Schmuck, Kleidung und bemalter Haut.

Außerdem zeigt das Narbenmuster die Zugehörigkeit zum Clan und die Pflicht, dessen Gesetzen zu folgen, egal, wohin man geht. Dieses Clangesetz ist in weiten Teilen Ostafrikas für die Betroffenen wichtiger als die Gesetze des Staates, in denen sie leben.

Ziernarben stellen bei vielen Völkern eine traditionell tief verankerte Form der Körpermodifikation dar. (Bild: veleknez/fotolia.com)

Cuttings bei Mädchen belegen, dass die Betroffene „heiratsfähig“ ist, also in der Lage, die Schmerzen der Kindsgeburt zu ertragen.

Bei allen Kulturen sind die Leiden, die ein Mensch durchlebt, während die Wunden zu Narben werden, Ausdruck des Opfers, das er für die Gemeinschaft bringt. Es geht also nicht nur um das ästhetische Resultat, sondern auch um den Prozess der Schmerzen.

Initiation

Am Sepik in Neuguinea dienen Cuttings der Verbindung zu Tiergeistern, an die die Menschen glauben. Jungen müssen hier tausende von kleinen Schnitten über sich ergehen lassen. Die entstehenden Narben sollen die Panzerhaut eines Krokodils darstellen. Der Mythos dahinter: Der Krokodilgeist frisst das Kind und über bleibt der Mann. Es handelt sich also um eine besonders brutale Form eines Initiationsritus.

Wie verläuft ein Cutting?

Der Cutter skizziert bei einem „Skin Removal“ die Fläche mit einem Skalpell und zieht danach die Haut ab. Das Muster hat er zuvor auf die Haut gezeichnet, er folgt den Linien dabei immer in der gleichen Tiefe und gerade. Zwischendurch tupft er das austretende Blut ab.

Was sagen Ärzte?

Dermatologen sehen Cuttings kritisch. Sie warnen, dass absolute Hygiene notwendig ist, und dass große Infektionsgefahr besteht. Narben können wuchern und chronische Schmerzen verursachen. Sehr selten, aber doch möglich, ist ein so genannter weißer Hautkrebs durch ständiges Reizen der Narbe, Hauterkrankungen können die Folge sein.

Zudem benötigt Cutting ein hohes Ausmaß an Professionalität, um nicht zu flach, vor allem aber nicht zu tief in das Hautgewebe zu schneiden. Nur wenige, die diese Methode der Skarifizierung anbieten, haben das nötige Wissen über Anatomie.

Bei der Durchführung eines Cuttings ist absolute Hygiene ein Muss. (Bild: sasel77/fotolia.com)

Ziernarben: Anziehend oder abstoßend?

In westlichen Gesellschaften genießen Cuttings und Brandings traditionell einen noch schlechteren Ruf als Tätowierungen und Piercings. Brandzeichen waren hier ein Erkennungsmerkmal für den Besitzer von Tieren oder im Mittelalter ein Stigma von Kriminellen. Doch Umfragen zeigen, dass Narben heute auch in westlichen Gesellschaften positiv bewertet werden – mit Einschränkungen. Sie sollten dezent sein.

Branding

Branding heißt auf Englisch brandmarken. Hier entstehen die Narben durch Einbrennen mit heißem Eisen. Brandings dienen einer außergewöhnlichen Ästhetik der Initiation oder die Träger haben symbolische Gründe.

Geschichte des Brandings

Brandings als Schmuck zu tragen, liegt durchaus an deren dunkler Vergangenheit: Sklaven in der Antike mussten das Brandzeichen ihres Besitzers tragen, und Brandzeichen kennzeichneten einen Kriminellen. Brandings als gewolltes Kennzeichen setzte sich in der Moderne in Subkulturen durch, die ihren Außenseiterstatus kultivierten, sich also indirekt auf die Tradition der Sklaverei und Justiz bezogen. Im SM-Bereich ließen sich die „Sklaven“ ebenfalls mit historischen Bezug „brandmarken“.

Wie Piercings und Tätowierungen ist Branding heute aber auch eine Mode. Das Bedürfnis, sich immer ungewöhnlichere Formen der Body Modification zu suchen, ging einher mit der Verbreitung von Tattoos und bestimmten Piercings. Cutting und Branding sind bis heute kein Massenphänomen – dafür heilen die Wunden zu langsam, das Ergebnis ist zu unsicher, und die Schmerzen sind zu groß.

Heiß- und Kaltbrand

Wir unterscheiden zwischen Heiß- und Kaltbrand. Beim Heißbrand drückt der „Brandmarker“ ein heißes Eisen direkt auf die Haut. Der Kaltbrand ist ein Frostbrand. Hier kühlt das Eisen auf – 80 Grad ab und kommt dann auf die Haut.

Beim Heißbrand wird das Muster in einem oder mehreren Eisenteilen geformt, dann auf einer Gasflame auf 900 Grad Celsius erhitzt. Durch das Gas bleibt die Flamme frei von Ruß. Das Eisen brennt in die Epidermis und Lederhaut ein, nicht in die Unterhaut – das wäre ein Kunstfehler mit der Folge schwerer Brandwunden.

Heißes Branding ist nur möglich an Körperteilen, wo das Eisen vollständig aufliegt, zum Beispiel auf dem Rücken oder der Schulter, nicht aber am Unterarm oder Hals. Branding darf auf keinen Fall an Körperstellen stattfinden, an denen unmittelbar unter der Haut Blutgefäße, Sehnen oder Nerven liegen.

Cautery Pens

Cautery Pens sind Brenneisen, die mit Batterien erhitzt werden. Der Vorderteil wird so heiß, dass damit ein Brandzeichen „geschrieben“ werden kann. Allerdings wird das Ergebnis niemals so gut wie bei einem konventionellen Branding; deshalb sind Cautery Pens auch vor allem in der SM-Szene in Gebrauch.

Ziernarben können nie so fein und genau in die Haut gebracht werden wie eine Tätowierung. (Bild: belyjmishka/fotolia.com)

Ergebnisse

Brandings und Cuttings können niemals so fein sein wie ein Tattoo. Der Künstler kann, egal wie gut er arbeitet, nicht garantieren, dass nach dem Abheilen genau das heraus kommt, was der Kunde sich wünscht. Auch bleibt unklar, wie lange das Branding zu sehen ist.

Narben können wuchern oder aber kaum sichtbar sein. Deshalb müssen Brandings in der Regel nach einem halben Jahr mit dem Originalmotiv nachgebrannt werden.

Die Wunde heilt wie jede andere Brandwunde auch. Zuerst färbt sich die Stelle grau, dann schwarz. Das Branding ist jetzt sehr deutlich zu erkennen, was manche Träger zu dem Fehlschluss verleitet, dies wäre auf Dauer so.

Doch dann entsteht eine Schicht Schorf. Diese dürfen Träger keinesfalls abtragen, um das Muster nicht zu zerstören. Sie ist in wenigen Wochen ausgeheilt, und der Schorf fällt von selbst ab. Übrig bleibt nach ungefähr einem Monat eine rötliche Narbe. Diese bleicht in den nächsten Monaten aus.

Was ist beim Branding zu beachten?

1) Auch ein wiederholt gebranntes Muster ist nach circa 7 Jahren kaum noch zu erkennen.

2) Eine Sicherheit, dass die abgeheilte Brandwunde dem Wunsch entspricht, gibt es nicht.

3) Brandwunden infizieren sich sehr leicht. Sie sollten beim Abheilen auf keinen Fall öffentliche Bäder, Saunen oder Badeseen aufsuchen.

Besondere Ästhetik

Tätowierungen sind Bilder auf der Haut, Ziernarben aber Reliefs – so ließe sich der Unterschied ausdrücken. Die Narbe hat nicht nur eine besondere Farbe, sie soll auch deutlich aus der Haut heraus treten. Insofern ist ein Cutting oder Branding deutlich erkennbar, und viele Träger kombinieren es mit Tätowierungen und Piercings.

Welche Motive eignen sich für Ziernarben?

Tatoofans, die sich branden lassen wollen, müssen umdenken. Details kann ein Branding nicht darstellen. Die Narben sind zwei bis 4 Millimeter dick. Ornamente eignen sich, verschlungene Linien, oder das, was bei Tätowierungen Tribal heißt. Geschlossene Formen sind ungeeignet, da die Narben ausufern, und so ist meist wenig vom ursprünglichen Motiv erkennbar.

Probleme und Risiken bei Skarifizierung

Bei Cuttings und Brandings können die gleichen Probleme auftreten wie bei allen größeren Narben. Narben ersetzen niemals wirklich das zerstörte Kollagengewebe, sondern bestehen aus parallelen Faserbündeln. Sie sind deshalb weniger flexibel als normale Haut, kaum belastbar und neigen dazu, zu verhärten. Pigmentverlust führt dazu, dass Narben hochsensibel auf Sonnenstrahlung reagieren und ein Risiko für Hautkrebs darstellen. Narbengewebe schrumpft auf Dauer, was die Ziernarben unansehnlich machen kann.

Nicht immer lassen sich Ziernarben klar von selbst verletzendem Verhalten abgrenzen. (Bild: TwilightArtPictures/fotolia.com)

Ritzen als Krankheitssymptom

Cutting als Schmuck müssen wir trennen von Cutting als Bezeichnung für ein Symptom psychischer Beschwerden. Menschen, die sich in die Haut schneiden, ohne einen ästhetischen Zweck dahinter, leiden oft unter Traumatisierungen.

Somayeh Ranjbar schreibt in ihrem Artikel über das „Ritzen„, dass Menschen, die sich selbst verletzen, oft Opfer von Missbrauch sind oder sich aus anderen Gründen macht- und hilflos fühlen. Das Schneiden in die eigene Haut erscheine demnach „häufig als Ausbruch aus überwältigenden Gefühlen von Isolation, Angst, Mord oder Wahnsinn“. Einige Betroffene würden berichten, dass ihnen das Ritzen „ein Gefühl der Kontrolle in einer Welt gebe, die sie nicht kontrollieren können“. Gleichzeitig könnten sie Erleichterung von den seelischen Qualen finden, wenn sie sich körperlichen Schmerz zufügen.

Die Grenzen zwischen diesem psychiatrischen Symptom und Ziernarben als Schmuck sind zwar klar gezogen, beide Formen können aber auch einher gehen. Zum einen lassen sich manche Betroffene, die sich selbst verletzten, später Schmucknarben zufügen, um die alten Narben zu überdecken, zum anderen spielt auch bei manchen Schmuckfans das Motiv eine Rolle, sich selbst zu verletzen. Cuttings selbst in die Haut zu schneiden, ist indessen immer gefährlich und kann sogar das Leben kosten. (Dr. Utz Anhalt)

Quellen:
L. Rüdiger, L.: Biographien, die unter die Haut gehen: Die Tätowierung als Ausdruck und Spiegel sozialer Entwicklungen. München 2009
A. Fuest: Die Tätowierung – Geschichte und Bedeutung in Afrika und Deutschland. München 2008