Neurowissenschaft: Gehirne Verstorbener konservierbar für Simulationen des menschlichen Geistes?

Alexander Stindt

Können Gehirne konserviert und später wiederbelebt werden?

Schon seit Anbeginn der Menschheit träumen wir davon, Unsterblichkeit zu erlangen. Jetzt könnten wir diesem Traum ein ganzes Stück näher gekommen sein. Forscher gaben bekannt, dass sie die Möglichkeit anbieten, menschliche Gehirne mit der Hilfe von Chemikalien zu konservieren, um die Daten des Gehirns in Zukunft in die Cloud hochzuladen und sie somit unsterblich zu machen.

  • Unternehmen bietet an Gehirne haltbar zu machen.
  • Bei dem Prozess der Haltbarmachung stirbt der Patient.
  • Daten des Gehirns sollen in Zukunft in die Cloud hochgeladen werden.
  • Aus den Daten soll dann irgendwann eine Simulation des menschlichen Geistes erstellt werden.
  • Wartelistenplätze kosten 10.000 Dollar.
  • Bereits 25 Menschen stehen auf der Warteliste.

Die Wissenschaftler des US-Startup Nectome bieten an, die Gehirne von ihren Kunden für einen extrem langen Zeitraum haltbar zu machen, so soll die neuronale Struktur erhalten bleiben. In der Zukunft sollen die Daten des Gehirns dann eingescannt werden und so mit der Hilfe einer Art Computer-Simulation wieder aktiviert werden.

Wird es in Zukunft möglich sein Gehirne haltbar zu machen und die enthaltenen Daten dann in einer Simulation des menschlichen Geistes wiederherzustellen? (Bild: denisismagilov/fotolia.com)

Bei dem Prozess der Haltbarmachung stirbt der Patient

Die für diesen Prozess verwendete Substanz wurde bisher schon erfolgreich an Tieren getestet. Der Blutfluss zum Gehirn wird durch Chemikalien zur Einbalsamierung ersetzt, welche die neuronale Struktur erhalten, auch wenn sie den Patienten töten. Mit anderen Worten hat der ganze Prozess einen großen Harken: Die bei der Haltbarmachung verwendeten chemischen Mittel, müssen am lebenden Menschen eingesetzt werden, allerdings ist dieser Prozess zu 100 Prozent tödlich, erläutert der Firmengründer von Nectome Robert McIntyre gegenüber „MIT Technology Review„, dem Magazin des international anerkannten Massachusetts Institute of Technology. Außerdem gibt es zur Zeit noch keine Methode, um die Daten der Gehirne hochzuladen.

Simulation eines biologischen neuronalen Netzwerks erstmals im Jahr 2024?

Für den Prozess muss das Gehirn sehr gut erhalten sein, wenn eine Hoffnung bestehen soll, dass dieses irgendwann hochgeladen oder wieder aktiviert werden kann. Dafür muss der Prozess im Moment des Todes durchgeführt werden, genauer gesagt muss der Prozess die Todesursache sein. Ein weiterer Nachteil für Betroffene ist, dass eine vollständige Simulation eines biologischen neuronalen Netzwerks zur Zeit noch nicht möglich ist. Die Forscher hoffen im Jahr 2024 eine erste solche Simulation zu demonstrieren. Es gibt allerdings noch keinen Zeitplan dafür, wann ein solches in die Cloud geladenes Gehirn die Fähigkeit aufweist mit der Außenwelt zu interagieren.

Prozess ähnelt der ärztlichen Beihilfe zum Suizid

Bei dem Prozess der Haltbarmachung werden Betroffene zumindest keine Schmerzen erleiden, erklären die Wissenschaftler, dank der dabei verabreichten Schmerzmittel. Für Betroffene wird die Nutzerfahrung ähnlich wie ärztliche Beihilfe zum Suizid verlaufen, erklärt McIntyre weiter. Nectome ist der Ansicht, dass der von ihnen angebotene Dienst in einigen US-Bundesstaaten mit bestimmten Euthanasie-Gesetzen legal ist, einschließlich in Kalifornien.

Ein Platz auf der Warteliste kostet 10.000 Dollar

Das Unternehmen hat bereits eine Million US-Dollar von Investoren zur Verfügung gestellt bekommen. 120.000 US-Dollar wurden dabei über ein im März 2005 gegründetes US-amerikanisches Gründerzentrum (Y Combinator) bezogen. Durch eine Warteliste sollen jetzt weitere Einnahmen erzielt werden. Denn wenn Sie wünschen, dass Ihr Gehirn haltbar gemacht wird, müssen Sie sich auf einer Warteliste eintragen und zusätzlich 10.000 Dollar bezahlen. Es ist allerdings noch unklar, ob aus einem durch die Methode des Unternehmens konserviertem Gehirn überhaupt ausreichend Daten ausgelesen werden können, welche für die Erstellung einer Simulation des menschlichen Geistes benötigt werden.

Ist das Geschäftsmodell Betrug?

Einige Kritiker halten das Geschäftsmodell für betrügerisch, weil eine Speicherung neuronaler Verbindungen keinesfalls ausreicht, um mit diesen Daten dann eine Simulation der Persönlichkeit eines Menschen zu generieren. Bisher haben sich allerdings schon 25 Menschen auf die Warteliste setzen lassen und 10.000 Dollar dafür bezahlt. Diese gehen davon aus, dass ihr Gehirn irgendwann in die Cloud hochgeladen wird.

Das Startup hat für seinen entwickelten Prozess bereits zwei Preise erhalten

Nectome wurde im Jahr 2016 gegründet. Der von dem Unternehmen entwickelte Prozess hat bereits zwei Preise von der Brain Preservation Foundation für die Erhaltung eines Kaninchenhirns im Jahr 2016 und für die Erhaltung eines Schweinegehirns im Jahr 2018 erhalten. Allerdings erscheint das Vorhaben unter ethischen Gesichtspunkten extrem fragwürdig und Beihilfe zum Suizid ist in vielen Staaten – einschließlich Deutschland – verboten. (as)