„Aaaa“ heißt Stopp beim Zahnarzt – Angst vor der Zahnbehandlung hat Gründe

Sebastian
Einfühlsamer Zahnarzt kann Patienten Angst vor der Zahnbehandlung nehmen
Viele Menschen haben Angst vorm Zahnarzt. Die Vorstellung auf dem Behandlungsstuhl sitzend, der Situation ausgeliefert zu sein, verursacht laut der Deutschen Gesellschaft für Zahnbehandlungsphobie (DGZP) bei rund fünf Millionen Deutschen regelrechte Panik. Die unangenehmen Geräusche des Bohrers tun ihr Übriges. Die Nachrichtenagentur „dpa“ sprach mit Zahnärzten über die Angebote in den Praxen, die es für besonders ängstliche Patienten gibt.

Zahnarzt sollte einfühlsam auf Bedürfnisse von Angstpatienten eingehen
„Rund 70 Prozent der Bevölkerung ist es mulmig beim Zahnarzt“, berichtet Zahnarzt Mats Mehrstedt im Gespräch mit der Nachrichtenagentur. Er rät Betroffenen, ihren Zahnarzt über ihre Angst zu informieren. Reagiert dieser dann mit einem flapsigen Spruch, wie „Das ist doch nur ein kleines Loch“, sollte man sich die Frage stellen, ob nicht ein einfühlsamerer Zahnarzt geeigneter wäre. Das gilt auch beim Thema Betäubung. Einige Zahnärzte gehen lapidar darüber hinweg, wenn ein Patient auch für eine kleinere Behandlung eine Spritze haben möchte. Mehrstedt rät dazu, die Betäubung einzufordern, wenn man sich damit wohler fühlt. „Ein Patient sollte beim Zahnarzt Ansprüche stellen“, so der Zahnarzt.

armina -fotolia
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Mehrstedt berichtet, dass Kinder bis Ende der 1980er Jahre normalerweise keine Betäubung beim Zahnarzt erhielten. Deshalb gebe es jetzt viele Erwachsene, die von klein auf gelernt hätten, dass die Behandlung schmerzhaft sei. „Bei manchen Patienten wurde die Angst auch von den Eltern übertragen, wenn diese schlechte Erfahrungen beim Zahnarzt gemacht haben“, ergänzt Thomas Wolf vom Freien Verband Deutscher Zahnärzte im Gespräch mit der Nachrichtenagentur. Oft steckt hinter der Angst auch die Sorge um Kontrollverlust. „Der Mund ist ein Intimbereich“, so Wolf.

Aah“ unterbricht die Behandlung
Um den Patienten die Furcht zu nehmen, vereinbart Mehrstedt mit seinen Patienten, dass sie die Behandlung mit einem „Aah“ jederzeit unterbrechen können. „Der Patient lernt so, dass er die Kontrolle hat“, erläutert Mehrstedt. Die Behandlung werde erst dann fortsetzt, wenn es für den Patienten in Ordnung sei. Auf diese Weise könne jeder Zahnarzt vorgehen.

Eine andere Variante, um Patienten die Angst zu nehmen ist Hypnose, mit der Wolf arbeitet. „Dies ist eine gesteigerte, fokussierte Aufmerksamkeit“, erklärt er. Wolf, der Mitglied der Deutschen Gesellschaft für zahnärztliche Hypnose ist, fragt den Patienten nach einem Ort, an dem sich dieser besonders wohl fühlt. Anhand von Stichwörtern, mit denen der Patient zuvor den Ort beschrieben hat, wird er dann in Hypnose versetzt. Dafür lässt Wolf den Patienten sich diesen Ort vorstellen, bevor es auf den Zahnarztstuhl geht. Bei dieser Form der Hypnose wird weder der Wille ausgeschaltet noch schläft der Patient. Vielmehr gleicht der Zustand einem Tagtraum, bei dem man sich entspannt.

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Einige Zahnärzte haben sich auf Angstpatienten spezialisiert
„Angst ist mehr als ein mulmiges Gefühl, es ist ein unbestimmtes Gefühl der Beklemmung“, erläutert Zahnarzt Michael Leu, Gründer der DGZP gegenüber der Nachrichtenagentur. Allein der Gedanke an einen Besuch beim Zahnarzt verursacht bei Angstpatienten schlaflose Nächte, Übelkeit und Panikattacken.

Die Betroffenen können sich an Zahnärzte wenden, die sich auf die Behandlung von Angstpatienten spezialisiert haben. Diese sollten psychologisch geschult sein und nicht nur auf die Möglichkeit einer Vollnarkose hinweisen. Denn Mehrstedt zufolge sei diese nur notwendig, wenn eine Grundsanierung des Gebisses durchgeführt werden muss oder viele Zähne behandelt werden sollen.

„Angst ist ein erlerntes Gefühl, durch Erlebnisse, die objektiv nicht schlimm sein mögen, die der Betroffene aber als schlimm empfunden hat“, so Mehrstedt. Das, was man erlernt hat, kann aber auch gezielt wieder verlernt und durch positive Erfahrungen bei einem einfühlsamen Zahnarzt ersetzt werden. (ag)