Akute Mittelohrentzündung: Im schlimmsten Fall droht ein Verlust des Hörvermögens

Sebastian
„Mama, es piekt so doll im Ohr!“ Wenn Kinder über ein unangenehmes Gefühl, Stechen oder Ziehen im Ohr klagen, sollte dies unbedingt ernst genommen werden. Denn hinter den Beschwerden könnte eine Mittelohrentzündung stecken. Diese beginnt oft mit einer harmlosen Erkältung, doch steigen die Erreger vom Nasen-Rachen-Raum ins Mittelohr auf, können sie hier eine leidige Entzündung mit charakteristischen Symptomen wie starken Ohrenschmerzen, Hörminderung und Fieber auslösen. Wird die Erkrankung nicht rechtzeitig behandelt, drohen Komplikationen oder sogar ein akuter Hörverlust. Dementsprechend sollte bei anhaltenden Ohrenschmerzen und/oder einer verminderten Hörfähigkeit unbedingt zeitnah der Hausarzt bzw. ein HNO-Experte aufgesucht werden.
Entzündung kann schwere Folgeschäden verursachen
Einfach nur abwarten ist meist die falsche Medizin, wenn die Ohren schmerzen. Wird eine Mittelohrentzündung nicht rechtzeitig behandelt, können Folgeerscheinungen wie ein akuter Hörverlust drohen. Anfangs ist es meist eine harmlose Erkältung. Dann aber machen sich starken und meist stechende Schmerzen im Ohr bemerkbar. Auch die Hörleistung kann beeinträchtigt sein. Spätestens dann sollten Betroffene zum Arzt gehen.

Bei einer Mittelohrentzündung können schwerwiegende Komplikationen auftreten. Bild: Klaus Eppele - fotolia
Bei einer Mittelohrentzündung können schwerwiegende Komplikationen auftreten. Bild: Klaus Eppele – fotolia

Nahezu jedes Kleinkind ist betroffen
Etwa 90 Prozent aller Kinder erkranken bis zum dritten Lebensjahr mindestens einmal an einer Mittelohrentzündung. Bis zu viermal jährlich können solche Entzündungen auftreten, ohne Folgeschäden zu verursachen. Bei immer wiederkehrenden Mittelohrentzündungen hingegen besteht die Gefahr, dass sich Flüssigkeit im Mittelohr ansammelt oder Verwachsungen und Defekte des Trommelfells und der Gehörknöchelchen entstehen. Dies führt zu kindlichen Hörstörungen, die auch die Sprachentwicklung stören. Oftmals begünstigen vergrößerte Rachenmandeln solche wiederkehrenden Mittelohrentzündungen, darauf weist das HNOnet-NRW, ein Zusammenschluss niedergelassener HNO-Ärzte, hin.

Nach Entfernung oder Verkleinerung der vergrößerten Rachenmandeln – die am häufigsten bei Kindern zwischen dem 3. und 6. Lebensjahr auftreten – verringern sich bei vielen Kindern Mittelohrentzündungen. „Die sogenannten Polypen blockieren die trompetenförmige Verbindung zwischen Rachenraum und Mittelohr“, bemerkt Dr. Uso Walter, Vorstandsvorsitzender des HNOnet-NRW. In der Folge werden Mittelohren nicht mehr ausreichend belüftet und es bildet sich entzündliches Sekret hinter dem Trommelfell, ein so genannter Paukenerguss. „Vorübergehende Paukenergüsse sind kein Problem, halten sie aber über mehrere Monate an, kann sich die Sprachentwicklung aufgrund der chronischen Hörstörung verzögern“, erklärt Dr. Walter. Da für das Erlernen einer altersgemäßen sprachlichen Kompetenz bestimmte Zeitfenster optimal sind, ist auch der schulische Erfolg von Grundschulkindern unter Umständen gefährdet. Erkranken Kinder an Mittelohrentzündungen, ist es also wichtig, dass Hals-, Nasen-, Ohren-Ärzte den Ursachen auf den Grund gehen, um mögliche Spätfolgen zu verhindern.

Rötungen sind ein Hinweis auf bakterielle Infektionen
HNO-Fachärzte untersuchen das erkrankte Ohr mithilfe eines Mikroskops. Sie erhalten so einen guten Einblick in den Gehörgang und auf das Trommelfell. Rötungen weisen auf bakterielle Infektionen hin, Wölbungen auf Ansammlungen von Flüssigkeit oder sogar Eiter im Mittelohr. Mithilfe der Tympanometrie kann der Mittelohrdruck schon bei ganz kleinen Kindern auch objektiv gemessen werden. HNO-Fachärzte verschreiben zunächst abschwellende Nasensprays, um Schwellungen des Mittelohrzugangs zu behandeln und Belüftung und Druckausgleich wieder zu ermöglichen. Tritt nach wenigen Tagen keine Besserung ein oder besteht bereits bei der Erstuntersuchung eine deutliche eitrige Entzündung, können im Einzelfall auch Antibiotika notwendig sein. Paukenröhrchen kommen nur bei einer chronischen, zähen Flüssigkeitsansammlung im Mittelohr zum Einsatz. Dabei platzieren Ärzte ein Röhrchen im Trommelfell, welches hilft, Flüssigkeiten abfließen zu lassen. Nach einigen Monaten stößt der Körper es von selbst ab.

Bakterien oder Viren wandern ins Mittelohr
Eine akute Mittelohrentzündung entsteht dann, wenn Viren oder Bakterien aus dem Nasen-Rachen-Raum ins Mittelohr wanderm. Bei einem starken Schnupfen heben Betroffene das Gefühl, dass das Ohr zugeht. „Symptome einer akuten Mittelohrentzündung sind vor allem starke Ohrenschmerzen, die auch mit einem Hörverlust einhergehen können“, klärt Michael E. Deeg, Sprecher des Deutschen Berufsverbandes der Hals-Nasen-Ohren-Ärzte auf.

Der Nasen-Rachen-Raum und das Ohr sind über die Ohrtrompete, die Eustachische Röhre, miteinander verbunden. Die typische Entwicklung der Erkrankung erklärt Professor Holger Sudhoff, Chefarzt der Klinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde am Klinikum Bielefeld: „Man bekommt einen Virusinfekt, dabei schwillt die Schleimhaut in der Ohrtrompete an, und darauf setzt sich eine bakterielle Superinfektion, weil das Mittelohr nicht mehr ausreichend belüftet wird.“

Ist die Ursache viral, können Schmerzmittel und entzündungshemmende Arzneimittel Abhilfe schaffen. Sind Bakterien ursächlich, wird in aller Regel ein Antibiotikum verschrieben. Heutzutage warten jedoch die Ärzte 2 bis 3 Tage ab, bevor Antibiotika verabreicht wird, um abzuwarten, ob der Körper es selbst schafft. Dann aber ist es Zeit, da ansonsten Komplikationen drohen können.

Chronische Mittelohrentzündung
Eine Otitis media chronica entsteht meist auf dem Boden einer anhaltenden Tubenventilationsstörung. (Fehlfunktion der Tuba auditiva) – vor allem bei Patienten, die schon häufig unter einer akuten Mittelohrentzündung litten. Auch kann eine gestörte Physiologie im Bereich des Mittelohrs dazu führen, das sich die chronische Form entwickelt. Darüber hinaus werden genetische Faktoren ebenfalls als mögliche Ursache der Erkrankung diskutiert. Allgemein lassen sich zwei Formen der Otitis media chronica unterscheiden. Eine sogenannte chronische Knocheneiterung bedingt durch ein Cholesteatom und eine chronische Schleimhauteiterung.

Lebensgefährliche Komplikationen
Beide Formen gehen mit einer Trommelfellperforation einher und sind mit wiederkehrenden eitrigen Sekretabsonderung verbunden. Darüber hinaus besteht bei einem Cholesteatom das Risiko, dass die ursächlichen Einwucherungen mehrschichtiger verhornender Plattenepithelzellen in das Mittelohr auch zu Schädigungen der umliegenden Knochenstrukturen führen. Schlimmstenfalls drohen hier Komplikationen, die von einer Zerstörung der Gehörknöchelchen bis hin zu lebensgefährlichen Erkrankungen wie einer Entzündung des Gehirns (Meningitis), einem Hirnabszess oder einer Blutvergiftung reichen.

Es kann auch Lebensgefahr drohen, wie Professor Roland Laszig, Direktor der Universitäts-Hals-Nasen-Ohren-Klinik in Freiburg erläuterte. Die Entzündung kann auch auf das Gleichgewichtsorgan übergreifen, den Gesichtsnerv schädigen oder zu einem Abzess im Warzenfortsatz führen. Mediziner nennen dies Mastoiditis, die meist operiert werden muss. Dringt die Entzündung ins Innenohr, kann das zum Verlust des Hörvermögens führen. Ein Durchbrechen zum Gehirn ist lebensbedrohlich. Zu lange sollte mit einer Antibiotika-Therapie nicht gewartet werden, warnt der Experte. „Wir sehen bei uns in der Klinik mindestens einmal in der Woche eine Mastoiditis, weil eine Mittelohrentzündung unzureichend, unterdosiert oder falsch behandelt wurde“.

Unterstützend sind Hausmittel bei einer Mittelohrentzündung wie Zwiebelsäckchen sinnvoll. Aber solange die Ursache nicht genau gefunden wurde, sollte immer ein Arzt eingeschaltet werden. „Wenn es wehtut, weiß man nicht, warum es wehtut. Ein gerötetes vorgewölbtes Trommelfell mit einem eitrigen Sekret weist auf eine bakterielle Entzündung hin. Das kann nur der Arzt sehen, wenn er ins Ohr schaut.“ (sb, nr)