Antibiotika-Gabe in der Kindheit kann gesundheitliche Folgen haben

Sebastian

Häufige Antibiotika in der Kindheit können Entwicklung beeinflussen

Schon seit langem warnen Gesundheitsexperten vor den Folgen eines übermäßigen Einsatzes von Antibiotika im Kindesalter. Offenbar mit gutem Grund, denn Forscher der New York University School of Medicine konnten diese Vermutung nun bestätigen. Demnach hätten Untersuchungen mit Mäusen gezeigt, dass die Mittel z.B. die Darmflora, den Stoffwechsel und die Entwicklung nachhaltig verändern könnten. Dies habe sich bei den Tieren unter anderem durch eine Zunahme des Knochenwachstums und ein steigendes Gewicht bemerkbar gemacht.

Mindestens eine Verschreibung pro Kind im Jahr
Antibiotika gehören seit vielen Jahren zu den am häufigsten verordneten Arzneimitteln. Aufgrund der hohen Infektanfälligkeit ist dabei ist die Verordnungshäufigkeit unter Kindern und Jugendlichen besonders hoch. Dementsprechend erhält bundesweit jedes Kind zwischen drei und sechs Jahren im Schnitt mindestens ein Antibiotikum pro Jahr und damit deutlich mehr als Erwachsene. Doch Kritiker sprechen sich bereits seit Längerem gegen die häufige Verbreichung der umstrittenen Medikamente aus. Denn zu oft würden diese auch bei viralen Infektionen eingesetzt, obwohl Antibiotika nur gegen Bakterien wirken.

Antibiotika bei virusbedingten Infektionen wirkungslos
Ebenso steht immer wieder der massenhafte Einsatz von Antibiotika in der Tiermast zur Diskussion, durch welchen sowohl die Resistenzentwicklung als auch die Ausbreitung von Bakterien mit Resistenzen begünstigt wird. Zudem weisen Experten immer wieder auf bekannte Nebenwirkungen bei der Einnahme wie z.B. Magen-Darm-Beschwerden, Übelkeit und Erbrechen und Durchfall hin.

Antibiotika-Gaben in der frühen Kindheit können schlimme Folgen haben. (Bild. Gundolf Renze - fotolia)
Antibiotika-Gaben in der frühen Kindheit können schlimme Folgen haben. (Bild. Gundolf Renze – fotolia)

Dabei wird vielfach angenommen, dass schon eine kurze Antibiotika-Therapie die Darmflora nachhaltig verändern kann, was sich in der Folge auch auf die Entwicklung des körpereigenen Abwehr auswirkt. Dementsprechend sehen Experten hier einen Zusammenhang mit der Entstehung von Allergien oder chronisch entzündlichen Darmerkrankungen – wobei die Häufigkeit besonders bei jungen Kindern immer stärker zunimmt.

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Dass der häufige frühe Einsatz des Medikaments viele Nachteile haben könnte, belegt nun auch eine Studie der New York University School of Medicine. Denn wie das Forscherteam um Martin Blaser im Fachmagazin „Nature Communications“ berichtet, könnte eine Gabe in frühen Lebensjahren möglicherweise auch den Stoffwechsel und die Entwicklung der Kinder nachhaltig beeinflussen. Dies habe sich dem Bericht nach in Untersuchungen von jungen Mäusen gezeigt, die zeitweise an Gewicht zunahmen und ein erhöhtes Knochenwachstum aufwiesen.

Forscher untersuchen Einfluss von zwei verschiedenen Mitteln
In der Maus-Studie hatten die Wissenschaftler die übliche Behandlung von Kindern mit Antibiotika abgebildet. Zum Einsatz kamen dabei das Breitband-Antibiotikum „Amoxicillin“ sowie das Mittel „Tylosin“, welches bei Kindern derzeit nicht eingesetzt wird. Es gehört jedoch zu den Vertretern der so genannten „Makrolide“, die in ihrem Wirkspektrum dem Penicillin ähneln und in der Kinderheilkunde weit verbreitet sind. Entsprechend der „echten“ Antibiotika-Therapie erhielten die Tiere die Wirkstoffe über mehrere Tage in einer für die Behandlung üblichen Dosis. Dabei teilten die Forscher die Mäuse jedoch in vier Gruppen ein, von denen eine mehrmals täglich Amoxicillin, eine andere Tylosin sowie die dritte beide Wirkstoffe abwechselnd bekam. Die übrigen Tiere bekamen als Kontrollgruppe kein Mittel verabreicht.

Tylosin-Mäusen nehmen stärker an Masse und Magermasse zu
Es zeigte sich ein interessanter Effekt: Während es bei den Tylosin-Mäusen insgesamt zu einer deutlichen Zunahme an Masse und Magermasse kam, stieg bei den Amoxicillin-Tieren lediglich der Anteil der Magermasse, welche das Körpergewicht minus Fettmasse bezeichnet. Das Tylosin würde dabei den Stoffwechsel der Tiere so stark verändern, dass es häufiger als bei den anderen Mäusen zu einer Fettleber käme, schreiben die Wissenschaftler. Doch das ist nicht alles: Denn zugleich hatte der Wirkstoff Tylosin auch die Darmflora stärker beeinflusst als das Breitband-Antibiotikum, wodurch die Mäuse in der entsprechende Gruppe sehr viel später auf eine Ernährungsumstellung reagierten als die Kontrollgruppe. Die Forscher konnten zudem zeigen, dass Antibiotika nicht nur zu Lasten der Vielfalt der Darmbakterien geht, sondern auch die Häufigkeit der einzelnen Stämme verändert.

Ergebnisse nicht uneingeschränkt auf den Menschen übertragbar
Doch die Ergebnisse aus dem Maus-Modell könnten nicht uneingeschränkt auf den Menschen übertragen werden. Dennoch gäbe es Überschneidungen mit anderen Studien, welche die Folgen von Antibiotika auf die Gesundheit von Kindern untersucht hätten. Dementsprechend könnte eine Verknüpfung der Ergebnisse einen wertvollen Beitrag für die zukünftige Behandlung bieten.

„Diese Studie zeigt die wichtigsten Marker der Störung und Wiederherstellung, die helfen können, therapeutische Ziele für die Restauration der Darmflora infolge einer Antibiotika-Behandlung zu bieten“, so die Forscher weiter.

Eine eingeschränkte Übertragbarkeit auf die kleinen Patienten sieht auch Philipp Henneke, Sektionsleiter der Pädiatrischen Infektiologie und Rheumatologie am Universitätsklinikum Freiburg. Denn trotz der „ungeheuren Menge an Daten“, sei „das Leben [.] wilder als ein Tierversuch“, so der Experte gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“. Dennoch könnten die Ergebnisse bei vielen Medizinern möglicherweise ein Umdenken bewirken: „Aufgrund derzeit gültiger internationaler Richtlinien erhalten schätzungsweise zehn bis 20 Prozent der gesunden Frauen unter der Geburt Antibiotika. Damit wird einer Streptokokken-Infektion vorgebeugt. Die Studie zeigt jedoch, dass diese Vorsichtsmaßnahme für die Kinder lang anhaltende Folgen haben kann“, warnt Henneke. (nr)