Ausgegrenzte sind deutlich anfälliger für Verschwörungswahn

Dr. Utz Anhalt
Wer sich sozial ausgegrenzt fühlt, der neigt zu Verschwörungsfantasien. Das ergaben zwei Studien der Princeton University.

Verschwörungswahn
Das Milieu der Verschwörungsgläubigen heißt in den USA „Lunatic Fringe“: Dieser verrückte Rand glaubt, die Mondlandung habe nie stattgefunden, die CIA würde Beweise für Außerirdische in Neu-Mexiko verstecken, Kondensstreifen von Flugzeugen seien Chemtrails, oder Masern-Impfungen würden Autismus auslösen.

In solchen Streifen am Himmel halluzinieren Verschwörungsfantasten „Chemtrails“, die geheime Verschwörer ausschcken, um die Menschen zu vergiften. (kawest/fotolia.com)

Geheime Kräfte im Hintergrund
Typisch für diese Verschwörungsideologen ist aber nicht, dass sie offen sichtlichen Unfug einfach nur glauben. Sie sind vielmehr davon überzeugt, dass geheime Kräfte hinter diversen Geschehnissen stehen und dabei einen großen Plan verwirklichen.

Die „Protokolle der Weisen von Zion“
Die Idee, dass eine kleine Gruppe von Verschwörern mit dreckigen Methoden die Weltgeschicke lenkt, fand ihren verheerendsten Ausdruck in den „Protokollen der Weisen von Zion“, einem wichtigen Werk des modernen Antisemitismus und somit eine Quelle von Auschwitz.

Juden, Echsenmenschen und Merkel
Juden waren eines der beliebtesten Objekte für Verschwörungsfantasien, doch auch Reptilien, die unerkannt ihre Intrigen spinnen finden sich oder Nazis, die unter der Antarktis den Krieg überstanden hätten. Derzeit gilt unter rechten Verschwörungsfans Angela Merkel als verantwortlich für jedes vermeintliche Übel.

Sinnsuche
Damaris Gräupner und Alin Coman von der Princeton University fanden nun heraus, was das Verschwörungsdenken antreibt – nämlich Sinnsuche.

Ausgeschlossene finden Bedeutung im Leben
Menschen, die sich sozial isoliert fühlen, suchen demnach verstärkt nach einem Sinn im Leben. Da sie sich aber ausgeschlossen fühlen, suchen sie zudem nach einer Ursache dafür, ausgeschlossen zu sein.

Magisches Denken
Verschwörungsfantasien sind magisches Denken insofern, dass sie eine unbedingte Kausalität suggerieren zwischen Dingen, die in keinem Zusammenhang stehen.

Das Vorurteil ist Vater des Gedankens
Die Verschwörungsgläubigen hätten vor allem Vorurteile gegen Menschen, denen sie einen hohen Status in der Gesellschaft zuschreiben: Politikern oder sehr reichen Menschen.

Zufällige Muster werden zum Zusammenhang
Dann würden sie zufällige Muster in einen Zusammenhang stellen, der nicht existiert. So war in den 1980ern die Verschwörungstheorie verbreitet, dass die Unterstützung das KuKluxKlan durch Philipp Morris sich darin zeige, dass die rot-weißen Muster auf der Marlboroschachtel drei Ks bildeten.

Die Außenseiter-Studie
Zuerst untersuchten die Forscher 119 Menschen darauf, wie ausgeschlossen sie sich fühlen. Die Probanden mussten eine unangenehme Situation schildern, an der Freunde beteiligt gewesen waren. Dabei fragten die Wissenschaftler danach, wie ausgeschlossen sie sich dabei gefühlt hätten.

Die Frage der Bedeutung
Die nächste Frage lautete, wie sehr sie sich nach Bedeutung sehnten, untersucht zum Beispiel mit Stellungsnahmen zu der Aussage: „Ich suche nach einem Lebensziel oder Lebenszweck“.

Die Frage nach Verschwörungen
Im dritten Teil fragten die Wissenschaftler subtil nach der Bereitschaft, Verschwörungstheorien zu akzeptieren, zum Beispiel danach, ob und wie die Regierung versuche, Bürger durch Botschaften unterhalb der bewussten Wahrnehmung zu manipulieren.

Ausgeschlossene im Sog der Verschwörungsfantasie
Je ausgeschlossener die Teilnehmer sich in der beschriebenen Situation fühlten, umso stärker suchten sie nach Sinn im Leben und umso mehr waren sie von Verschwörungstheorien eingenommen.

Eine zweite Studie
Gräupner und Coman überprüften die Ergebnisse in einer zweiten Studie. Dafür baten sie 102 Probanden in Dreiergruppen in das Labor.

Sie mussten sich anfangs selbst beschreiben, die Forscher behaupteten, auf diesen Aussagen würden die Teams entscheiden, wen sie bei sich haben wollten. In Wirklichkeit bestimmten die Forscher die Teams.

Resultat: Wer nicht ins Team aufgenommen wurde, fühlte sich ausgeschlossen und suchte vermehrt nach Bedeutung.

Wer glaubt an die Verschwörung?
Danach stellten die Forscher drei Situationen vor und fragten die Teilnehmer, ob das Glück oder Unglück der Hauptfigur durch eine geheime Verschwörung zustande gekommen sei. Und das Ergebnis lautete: Die nicht ins Team gewählten glaubten viel eher an eine Verschwörung als die Gewählten.

Integration entscheidet
Die Wissenschaftler zogen daraus einen Schluss für die Gesellschaft: Wer sich ausgegrenzt fühlt, der können Verschwörungsfantasien verfallen und sich so noch weiter ausgrenzen.

Ausgegrenzte treffen Ausgegrenzte
Sind diese Menschen, die sich ausgegrenzt fühlen, aber erst einmal am Rand der Gesellschaft angelangt, treffen sie dort auf Menschen, die das gleiche Problem haben.

Verschwörungstheorien bestätigen sich
Sie bestätigen sich jetzt gegenseitig in ihrem Aberglauben an die geheimen Drahtzieher hinter Terroranschlägen oder Impfprogramme, die die Menschen programmieren sollen im Sinne einer geheimen Elite.

Was hilft?
Verschwörungstheorien laufen laut Coman in einem Teufelskreis der Ausgrenzungsgefühle. Eine Möglichkeit bestünde darin, die Betroffenen wieder gezielt in die Gesellschaft einzubinden.

Eine neue Studie wäre wichtig, um die Konsumenten von Pseudomedizin und nicht als solchen erkannten Placebos zu untersuchen, ob sie generell für Verschwörungswahn empfänglich sind. (Dr. Utz Anhalt)