Autismus in Zukunft heilbar?

Fabian Peters

Wissenschaftler entdecken Ansatzpunkt zur medikamentösen Behandlung von Autismus

16.09.2012

Schweizer Forscher der Universität Basel entdecken einen Ansatzpunkt zur Behandlung von Autismus. Bislang galt die Entwicklungsstörung als nicht heilbar, doch in Versuchen mit Mäusen konnten die Wissenschaftler um Peter Scheiffele vom Biozentrum der Universität Basel nicht nur nachweisen, dass der Ausfall eines bestimmten Gens wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung von Autismus hat, sondern auch dass die Beeinträchtigungen reversibel sind.

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„Eine Reihe von seltenen Mutationen sind mit Autismus assoziiert,“ berichten die Forscher um Peter Scheiffele im Fachmagazin „Science“. Eine davon ist der Ausfall des Gens Neuroligin-3, das zur Produktion eines gleichnamigen Proteins beiträgt. Bei genetisch manipulierten Mäusen, denen das Gen Neuroligin-3 entfernt wurde, haben sich Autismus-typische Verhaltensmuster gezeigt, schreiben die Schweizer Forscher. Dies sei auf einen Defekt in der Signalübertragung zwischen den Hirnzellen zurückzuführen, der die Funktion und Anpassungsfähigkeit der Gehirn-Schaltkreise beeinträchtigt.Die Erkenntnisse dienen jedoch nicht nur der Ursachenforschung sondern bieten möglicherweise auch einen Ansatzpunkt zur medikamentösen Behandlung von Autismus.

Glutamat-Rezeptor verantwortlich für Entwicklungsstörung des Gehirns
Die Forscher der Universität Basel hatten im Rahmen ihrer Studie das Gen Neuroligin-3 bei den Mäusen ausgeschaltet und anschließend die Entwicklung der Synapsen im Gehirn der Nager überprüft. Hier stellten sie typische Autismus-Muster fest. Diese negativen Effekte auf das Gehirn der Tiere seien auf die verstärkte Produktion eines spezifischen Glutamat-Rezeptors zurückzuführen, der eine wichtige Funktion für die Signalübermittlung zwischen den Hirnzellen übernimmt, berichten Scheiffele und Kollegen. Eine Überproduktion der Glutamat-Andockstelle verhindere die Anpassung der Gehirnschaltkreise bei Lernprozessen und störe somit auf Dauer die normale Entwicklung und Funktion des Gehirns. Bei den Mäusen war die Fehlfunktion beziehungsweise die Überproduktion des Glutamat-Rezeptors jedoch reversibel. Sobald die Wissenschaftler das Gen und die Bildung des Proteins Neuroligin-3 in den Mäusen wieder aktivierten, produzierten die Nervenzellen auch weniger Glutamat-Andockstellen, was zu einer Normalisierung der Hirnschaltkreise beziehungsweise dem Verschwinden der für Autismus typischen strukturellen Defekte im Gehirn führte.

Medikamentöse Autismus-Therapie möglich?
Hier sehen die Forscher auch einen Ansatzpunkt für eine medikamentöse Autismus-Therapie. Der Glutamat-Rezeptoren könnte ein möglicher pharmakologischer Angriffspunkt sein, berichten die Experten des Biozentrums der Universität Basel. Durch eine Beeinflussung der Glutamat-Andockstelle lasse sich Autismus unter Umständen auch beim Menschen aufhalten oder sogar rückgängig zu machen. Dies wäre ein bahnbrechender Fortschritt in der Autismus-Behandlung, denn bislang ist die Entwicklungsstörung nicht heilbar, sondern lässt sich nur durch aufwendige pädagogische und therapeutische Methoden in ihren Symptomen lindern. So bleiben die Betroffenen in ihrem Sozialverhalten meist dauerhaft beeinträchtigt und haben Schwierigkeiten sich alleine in der Welt zurechtzufinden. Sollten die zwei Basler Forschungsgruppen, die derzeit an dem von der Europäischen Union geförderten Projekt (EU-AIMS) arbeiten, Erfolg haben, könnte schon bald eine therapeutischen Substanz entwickelt werden, die zur Hemmung beziehungsweise Blockierung der Glutamat-Rezeptoren beiträgt und damit den Autismus-Symptomen entgegenwirkt. Bis dahin ist jedoch noch einige Forschungsarbeit zu leisten, um den entdeckten pharmakologischen Angriffspunkt für eine Autismus-Therapie zu nutzen. (fp)