Psychopharmaka im Trinkwasser verursachen Autismus

Fabian Peters

Rückstände von Psychopharmaka im Trinkwasser Auslöser von Autismus?

07.06.2012

Verunreinigungen des Trinkwassers mit Psychopharmaka können Autismus auslösen. Zu diesem Ergebnis kommen die US-Forscher um Michael Thomas vom Institut für biologische Wissenschaften der Idaho State University School in einer umfassenden Untersuchung an Fischen.

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Die Anzahl der Autismus-Erkrankungen hat in den vergangenen 25 Jahren, durch eine erhöhte genetische Anfälligkeit in Interaktion mit bislang weitgehend unbekannten Umweltauslösern, deutlich zugenommen, berichten die US-Wissenschaftler in dem Fachmagazin „PLoS ONE“. Michael Thomas und Kollegen haben nun die Verunreinigung des Trinkwassers mit Psychopharmaka als eine der möglichen Ursachen identifiziert.

Antidepressiva bereits als Auslöser von Autismus bekannt
Seit langem ist bekannt, dass der Einsatz von Antidepressiva in der Schwangerschaft Autismus beim Nachwuchs auslösen kann. Die US-Forscher sind nun im Rahmen ihrer Studie der Frage nachgegangen, ob dies auch für die Psychopharmaka-Konzentrationen im Trinkwasser gilt. Insbesondere die „selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI) und die Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer ( SNRI)“ stehen als Autismus-Auslöser im Verdacht , berichten die US-Forscher. Als „Quelle der Exposition gegenüber Antidepressiva“ wurden dabei auch „Rohabwasser, Abwasser aus Kläranlagen Kanalisationen, Flüsse stromabwärts von solchen Anlagen, und letztlich Trinkwasser“ benannt, berichten die US-Wissenschaftler. Weil die Konzentrationen so gering sind, blieben die gesundheitlichen Konsequenzen bislang jedoch umstritten, so Michael Thomas und Kollegen weiter.

Um den möglichen Zusammenhang zwischen der Psychopharmaka-Konzentration im Trinkwasser und dem Autismus-Risiko zu ermitteln, führten die Forscher daher eine Untersuchung an jungen Fischen (Elritzen) durch, bei der dem Wasser in den Becken der Tiere zwei Antidepressiva (Fluoxetin, Venlafaxin) und ein Antiepileptikum (Carbamazepin) zugefügt wurde. Die Konzentrationen der Psychopharmaka entsprachen dabei den „höchsten konservativen Schätzungen von Umweltkonzentrationen“, so die US-Forscher weiter.

Fische werden psychoaktiven Arzneimittel ausgesetzt
Die jungen Elritzen eignen sich laut Aussage von Michael Thomas und Kollegen besonders gut als Testorganismus, da ihre genetische Expressionen für Autismus und andere neurologische Störungen denen entsprechend vorbelasteter Menschen gleichen. Über 18 Tage wurden je fünf Fische in drei Wasserbecken mit rund 7,5 Litern Wasser den Psychopharmaka ausgesetzt. Drei weitere Becken mit je fünf Fischen und unbelastetem Wasser dienten als Kontrollgruppe. Die Dosierung der drei unterschiedlichen Psychopharmaka, die dem Wasser beigefügt wurden, lag bei zehn bis 100 Mikrogramm je Liter. Nach dem Versuchszeitraum von 18 Tagen untersuchten die Forscher das Genexpressionsmuster der Elritzen und bemerkten dabei zahlreiche Auffälligkeiten in den Genabschnitten, die mit Krankheiten wie Parkinson, Alzheimer, Schizophrenie, Multiple Sklerose, Depressionen und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) in Verbindung gebracht werden. Die Mischung der „drei psychoaktiven Arzneimitteln (Fluoxetin, Venlafaxin und Carbamazepin) in Dosierungen ähnlich der höchsten konservativen Schätzungen von Umwelt-Konzentrationen“, habe bei den Fischen Genexpressionen hervorgerufen, die typisch für Autismus sind, berichten die US-Wissenschaftler.

Gesundheitsrisiko durch Rückstände der Arzneimittel im Trinkwasser
Verblüffend sei gewesen, dass bereits relativ geringe Rückstände von Psychopharmaka im Trinkwasser die genetischen Veränderungen begünstigt hätte, so Michael Thomas und Kollegen weiter. „Wir waren erstaunt, dass diese Mittel schon in sehr niedrigen Dosierungen, wie sie in Gewässern vorkommen, Autismus auslösen können“, schreiben die US-Wissenschaftler in dem „PLoS ONE“-Artikel. Das derart stark verdünnten Psychopharmaka bei den Fischen solch erhebliche Veränderungen ausgelöst haben, ist in der Tat Grund zur Sorge. Denn damit liegt der Schluss nahe, dass auch die üblichen Rückstände der Arzneimittel im Trinkwasser zu vergleichbaren Beeinträchtigungen führen könnten. Zwar liegen die Trinkwasser-Werte der Psychopharmaka normalerweise um das zehn- bis hundertfache niedriger als die Konzentrationen in der Versuchsreihe, doch die Studienergebnisse sprechen dafür, dass hier ein neuer potenzieller Auslöser für Autismus bei genetisch anfälligen Personen entdeckt wurde, betonten Thomas und Kollegen. Die Psychopharmaka-Rückstände im Trinkwasser seien als Umweltfaktoren, die das Auftreten von Autismus fördern, zu bewerten.

Weitere Studien zu Umweltauslösern von Autismus erforderlich
Die bei den Elritzen beobachte Veränderung der Genexpression ist laut Michael Thomas durchaus auf Menschen übertragbar, da die betroffenen Gene die gleichen seien, wie bei Personen mit einer erblich bedingten Autismus-Veranlagung. Zu dem Erkrankungsrisiko von Personen ohne entsprechende Veranlagung lässt sich allerdings demnach auf Basis der aktuellen Studienergebnisse keine Aussage treffen. Dies müsste in weiteren Studien genauer untersucht werden, ähnlich wie das Autismus-Risiko bei niedrigeren Dosierungen der Psychopharmaka. Dabei sollten laut Aussage der US-Forscher auch die Abbauprodukte der Medikamente in zukünftigen Untersuchungen berücksichtigt werden, da diese möglicherweise ebenfalls das Autismus-Risiko erhöhen könnten. Gleiches gelte für Psychopharmaka, die bisher in der Untersuchung nicht berücksichtigt wurden. Nach Ansicht der US-Wissenschaftler bieten sich in einem nächsten Schritt Versuche mit Mäusen aber auch epidemiologische Studien an, um die bisherigen Ergebnisse zu überprüfen. (fp)