Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADHS

Heilpraxisnet
Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssstörung (ADHS) – Alternative Behandlungsmethoden dringend gesucht!

Immer häufiger wird bei Kindern in Deutschland das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADHS diagnostiziert und immer mehr von ihnen werden mit Medikamenten wie Ritalin, Medikinet oder Straterra behandelt. Aufgrund der bekannten Nebenwirkungen werden Warnungen vor einer rein medikamentösen Therapie sowie die Frage nach alternativen Behandlungsmethoden wieder lauter. Wie sieht es heute aus mit der Erforschung alternativer Therapiemethoden?

Aktuelle Studie zeigt deutlichen Anstieg der Medikamentenverordnungen
Im Jahr 2008 verkündete die Kaufmännische Krankenkasse (KKH) als Ergebnis einer Studie die fünfzigprozentige Zunahme der Diagnose AD(H)S in der Zeit von 2004 bis 2007. Die Zahl der betroffenen Kinder in Deutschland belief sich auf ca. 500 000, wobei Jungen dreimal häufiger betroffen waren als Mädchen.

Im Jahr 2009 zeige eine von der DAK in Auftrag gegebene Studie einen bundesweiten Anstieg der Medikamentenverordnung bei ihren Versicherten mit ADS um 4,1 % im Vergleich zum Vorjahr. In der regionalen Verteilung zeigten sich Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen dabei als Spitzenreiter. Durchschnittlich ein Kind pro Schulklasse ist demzufolge von der Einnahme betroffen. Bei den Medikamenten handelt es sich um die Wirkstoffe Atomoxetin (in Straterra) und vor allem Metylphenidat (in Ritalin, Equasym, Concerta, Medikinet). Als Indikation für die Therapie gelten die Kardinalsymptome der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung AD(H)S: Aufmerksamkeitsstörung, motorische Hyperaktivität und Impulsivität. Das Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) verzeichnete im Zeitraum 2002 bis 2012 eine Verdreifachung des Verbrauchs von Methylphenidat

Nebenwirkungen von Metylphenidat führt zu Einschränkungen bei der Zulassung
Bei Dauereinnahme der genannten Medikamente zeigen sich nicht selten Nebenwirkungen, deren beeinträchtigende Wirkungen zum Teil in keinem Verhältnis zur erwünschten Wirkung stehen. Häufig zeigen diese sich als Appetitminderung während der Wirkzeit mit wahren Essanfällen bei Nachlassen der Wirkung, also meist in den späteren Abendstunden. Dies führt zu Gewichtszunahme, was vor allem bereits übergewichtige Kinder zusätzlich belastet. Mögliche Nebenwirkungen sind:

Kopfschmerzen und Bauchschmerzen,
innere Erregung,
leichte Puls- und Blutdruckerhöhung,
Gewichtsverlust,
Schwindel,
Übelkeit,
verstärkte Hyperaktivität bei nachlassender Wirkung,
kognitive Beeinträchtigung,
depressive Verstimmung, Weinerlichkeit und sozialer Rückzug,
vegetative Blässe mit roten Ringen um die Augen,
starke Puls- und Blutdruckerhöhung,
Auslösung und Verstärkung bestehender Tics,

psychotischen Reaktionen bei Überdosierung sowie verschiedene Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten.

Nicht nur Eltern sind besorgt über die Entwicklung der Verschreibungspraxis. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) hat jetzt die Zulassung für Metylphenidat eingeschränkt. Engmaschige körperliche Kontrolluntersuchungen und spezielles Fachwissen über Verhaltensstörungen sind an die Verordnung gekoppelt, eine zusätzliche psychologische Betreuung und körperorientierte Angebote werden von Gesundheitspolitikern und Fachleuten dringend empfohlen. Es liegt nahe, dass zukünftig die Verordnung der Medikamente nicht mehr durch Allgemeinmediziner, sondern vor allem durch Kinder- und Jugendpsychiatern mit Sozialpsychiatrie-Vereinbarung, erfolgen. Diese sind nämlich daran gebunden, zusätzlich psychologische, pädagogische und heilpädagogische (bzw. ergotherapeutische) Angebote durch Beschäftigung von Angehörigen entsprechender Berufsgruppen bereitzustellen. Neben den Medikamenten, die den Gehirnstoffwechsel zeitlich begrenzt beeinflussen, werden vor allem Konzentrationstherapien und soziale Kompetenztrainings für die Kinder sowie verhaltenstherapeutisch orientierte Elterntrainings angeboten. Lernstörungen, negative soziale Wechselwirkungen und familiäre Ursachen und Verstärker sollen damit vermindert oder behoben werden.

Alternative Forschungsansätze: Ist ein Kraut gegen Hyperaktivität gewachsen?
Es werden seit längerem neben einer genetischen Veranlagung weitere Ursachen v.a. für die Hyperaktivität diskutiert, insbesondere Nahrungsmittelallergien, Belastungen mit Schwermetallen, Umweltgiften, Konservierungssubstanzen oder Impfunverträglichkeiten. Therapien aus dem Bereich der Erfahrungsheilkunde werden individuell angeboten. Trotz der Beobachtung positiver Entwicklungsverläufe unter der Behandlung mit Heilpflanzen, Nahrungsergänzungsmitteln, Homöopathika, Bachblüten, der Craniosakraltherapie sowie dem therapeutischen Einsatz alternativer körperorientierter Verfahren, konnten bisher keine allgemeinen Empfehlungen ausgesprochen werden, da der Wirksamkeitsnachweis nach wissenschaftlichen Kriterien fehlte.

AD(H)S

Seit einigen Jahren werden die Bemühungen einer wissenschaftlichen Erforschung alternativer Ansätze zu Ursachen und Therapie des ADHS deutlich:

– Im Fachbereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Mainz bemühen sich Wissenschaftler unter der Leitung von Prof. Michael Huss aktuell um die Erforschung der Wirksamkeit einer Kombination aus Johanniskraut- und Baldrianextrakt (Sedariston-Konzentrat) bei hyperkinetischen Symptomen. Klinische Beobachtungen im Vorfeld ließen auf eine deutliche Wirkung schließen.

– Im vergangenen Jahr konnten britische Forscher einen Zusammenhang zwischen Kombinationen von künstlichen Farbstoffen (u.a. die rote Lebensmittelfarbe Azorubin E122 und das gelbe Tartrazin E 102) mit dem Konservierungsmittel Natriumbenzoat und der Hyperaktivität bei Kindern nachweisen. Mehrere weitere Farbstoffe stehen unter dem Verdacht, die Symptome auszulösen.

-Prof. Manfred Döpfner von der Universität Köln fasst als wissenschaftlicher Leiter des Magazins „ADHS-Report“ mehrere Studien zusammen, die die Wirkung von Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren auf den Gehirnstoffwechsel allgemein und im Zusammenhang mit AD(H)S untersuchten. Es fänden sich bei den von Symptomen betroffenen Kindern tatsächlich erniedrigte Konzentrationen an mehrfach ungesättigten Fettsäuren im Körper, die durch Nahrungsergänzungsmittel ausgeglichen werden können, was sich auf leichtere Symptome positiv auswirke. Bei starker Ausprägung des AD(H)S reiche diese Wirkung jedoch wahrscheinlich nicht aus.

-Einer kontrollierten Pilotstudie der Universität Heidelberg aus dem Jahre 2006 zufolge, ist ein an kindliche Bedürfnisse angepasstes Yogatraining den herkömmlichen Bewegungstrainings als Intervention oder begleitende AD(H)S-Therapie deutlich überlegen.

Bis es den Wissenschaftlern gelingt, mit allgemeingültigen Forschungsergebnissen Ritalin & Co durch sanftere Behandlungsmethoden abzulösen, können noch viele Jahre ins Land gehen. Bleibt zu hoffen, dass bis dahin noch viele mutige Eltern und Kinder alternative Wege gehen, die ihrer Familie ganz individuell das Leben erleichtern. (16.12.2009, Dipl.Päd. Jeanette Viñals Stein, Heilpraktikerin)

Bildnachweis: Dieter Schütz  / pixelio.de

Quellen:

Haffner, Roos, u.a.:“ Zur Wirksamkeit körperorientierter Therapieverfahren bei der Behandlung hyperkinetischer Störungen“ in: Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, 34 (1), Hogrefe 2006

Döpfner, M.: „Alternative Therapien: Mehrfach ungesättigte Fettsäuren“, ADHS-Report, 7.Jahrgang, Mai 2006

Warnke, Walitza: „Methylphenidat in der Behandlung der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS), in: Schulte-Markwort M, Warnke A (Hg.): Metyhlphenidat. Stuttgart: Thieme 2004; 14–33.

Resonanzen, Deutsche Gesellschaft für Alternative Medizin, Ausgabe 8, 07/2002