Blinddarmentzündung? Im Zweifel lieber eine Operation

Dr. Utz Anhalt
100.000 Menschen wird in Deutschland pro Jahr der Blinddarm entfernt. Bei vielen von ihnen ist der Wurmfortsatz nicht einmal entzündet. Wenige Erwachsene mit entzündetem Blinddarm behalten das Organ – Antibiotika ersetzen die Operation.

Infektion am Wurmfortsatz
Im engen Sinne entzündet sich nicht der Blinddarm, sondern der Wurmfortsatz, ein rudimentäres Organ.

Der Wurmfortsatz ist ein unwichtiges Organ, das Ärzte häufig entfernen (bilderzwerg/fotolia.com)

Der Zugang zum Blinddarm verstopft
Meist verstopft eine Öffnung zwischen Wurmfortsatz und Blinddarm, in der Regel durch unverdauliche Nahrungsreste. Im Wurmfortsatz befindet sich aber Darmsekret, und das kann jetzt nicht mehr in den Blinddarm laufen. Die Flüssigkeit drückt, und der Wurmfortsatz entzündet sich.

Bakterien, Viren, Parasiten?
Allerdings stehen auch Darminfekte, Bakterien, Viren und Parasiten im Verdacht die so genannte Appedizitis zu verursachen.

Ein überflüssiges Organ?
Viel häufiger als andere Organe wird der Wurmfortsatz bei einer Infektion weg operiert. Dafür gibt es gute Gründe: Der Wurmfortsatz ist als Organ vermutlich überflüssig, er dient höchstens als Wohnort nützlicher Bakterien.

Jedenfalls fehlt es den Patienten an nichts, wenn sie ohne das „Anhängsel“ des Blinddarms leben.

Operation statt Lebensgefahr
Jede Entzündung kann sich jedoch verschlimmern und den Blinddarm durchbrechen. Geschieht das, zerreißt der Wurmfortsatz. Dann kommen die dort lagernden Keime in die Bauchhöhle.

Hier aber liegen lebenswichtige Organe, und wenn sich die Infektion in den Bauchraum ausdehnt, kann sie das Leben kosten. Eine einfache Operation, die in der Regel ohne Folgen bleibt, steht dem Risiko einer tödlichen Erkrankung entgegen.

Auch gesunde Wurmfortsätze kommen unter das Messer
Ärzte schneiden jedoch auch gesunde Wurmfortsätze heraus. Bis zu 40% der heraus geschnittenen Wurmfortsätze erweisen sich als gar nicht infiziert.
Handelt es sich um Pfusch? So einfach ist es nicht. Typisch für eine „Blinddarmentzündung“ sind Schmerzen, die sich vom Nabel in den rechten Unterbauch ziehen.

Bauchschmerzen können jedoch diverse Ursachen haben – von einer Eileiterschwangerschaft bis zu einer Lebensmittelvergiftung. Das bedeutet: Kein Arzt kann vor einer Operation felsenfest sicher sein, dass der Wurmfortsatz entzündet ist.

Selbst nach der Operation keine Klarheit
Vor der Operation ergeben Ultraschall, körperliche Untersuchung und Blutbild lediglich einen Verdacht. Bisweilen lässt sich selbst am heraus geschnittenen Wurmfortsatz nicht erkennen, ob eine Entzündung vorliegt. Erst die mikroskopische Untersuchung bringt Klarheit.

Blinddarmentzündungen: Antibiotika können öfter Eingriffe verhindern
Eine Studie von 2015 mit 530 erwachsenen Probanden ergab, dass einfache Entzündungen des Wurmfortsatzes zu 70 % mit Antibiotika geheilt werden können. Ein CT hatte zuvor eine einfache Appendizitis belegt.

Diagnose zu aufwändig?
Skeptische Chirugen halten eine solche Diagnose zu aufwändig. Eine Computer-Tomographie würde die Diagnostik extrem erweitern. Außerdem müsste man die Patienten, die Antibiotika nähmen, stationär beobachten. Das stehe in keinem Verhältnis dazu, dass jeder dritte Patient trotz CT und Antibiotika am Ende doch operiert würde.

Studie gilt nur für Erwachsene
Zudem gälte die Studie nur für Erwachsene. Gerade Kinder sind jedoch durch ihr schwächeres Immunsystem besonders gefährdet, dass die Infektion sich auf lebenswichtige Organe ausweitet. Deshalb ist bei ihnen die Operation nach wie vor die erste Wahl. (Dr. Utz Anhalt)