Brustkrebs: Nutzen von Mammografie-Screening laut Studienlage schwach

Sebastian
In Deutschland können Frauen von 50 bis 69 Jahren kostenlos am Brustkrebsvorsorge-Programm teilnehmen. Doch nur etwa jede Zweite geht zum Mammografie-Screening. Wissenschaftlern zufolge wird der Nutzen der Untersuchung ohnehin überschätzt: Es werden dadurch deutlich weniger Leben gerettet als bislang angenommen.  

Für und Wider wird seit langem kontrovers diskutiert
Brustkrebs ist in Deutschland die Krebsart mit der höchsten Todesrate bei Frauen. Bundesweit sterben jedes Jahr rund 17.500 daran und etwa 70.000 erkranken jedes Jahr neu. Laut der Deutschen Gesellschaft für Senologie (DGS) können heutzutage rund 80 Prozent der erkrankten Frauen erfolgreich therapiert werden. Dabei hänge sehr viel von einer frühen Diagnose ab. Seit 2002 haben Frauen hierzulande die Möglichkeit, kostenlos am Mammografie-Screening teilzunehmen.

Der Nutzen ist kaum belegbar. Bild: Sven Bähren - fotolia
Der Nutzen ist kaum belegbar. Bild: Sven Bähren – fotolia

Die Untersuchung, welche an speziellen Röntgengeräten erfolgt, galt jahrelang als das Nonplusultra in der Brustkrebsvorsorge. Doch seit Jahren wird über das Für und Wider des Screening-Programms kontrovers diskutiert. Während beispielsweise die Kooperationsgemeinschaft Mammographie im vergangenen Jahr eine positive Prognose durch Mammographie-Screening zog, haben bundesdeutsche Politiker eine Neubewertung der Mammografie gefordert. Auf der einen Seite wird hervorgehoben, dass eine frühe Diagnose durch die Untersuchung Leben retten kann. Doch andererseits kommt es offenbar häufig zu Überdiagnosen, die Frauen am Ende sogar eher schaden. Zwei neue Studien mit Gesundheitsdaten aus den USA und Schweden verstärken nun Zweifel an den Screenings.

Je mehr Untersuchungen, desto mehr entdeckte Krebsfälle
Wie „Die Welt“ online berichtet, wurde die eine Studie von Robert Wilson geleitet, einem Professor für Physik an der Harvard University, der sich mit der Berechnung und Analyse von Risiken befasst. Den Angaben zufolge wertete sein Team Daten von 16 Millionen Frauen aus, die im Jahr 2000 mindestens 40 Jahre alt waren, und in 547 Landkreisen (Counties) in den USA lebten. Es wurde dabei darauf hingewiesen, dass in einigen der Landkreise die Mammografie-Reihenuntersuchungen gründlicher betrieben wurden als in anderen. Die Forscher betrachteten dabei die Zahl der Brustkrebsfälle und prüften, wie viele Frauen innerhalb von zehn Jahren an dieser Krebsart gestorben waren. Dabei stellten sie fest, dass umso mehr Brustkrebsfälle entdeckt wurden, je mehr Frauen in einem Landkreis untersucht wurden. Es zeigte sich jedoch auch, dass nicht mehr oder weniger Patientinnen an Brustkrebs starben, als in Regionen, in denen weniger Frauen zur Mammografie gingen.

Zahlen durch „unkonventionelle statistische Methoden“ zusammengekommen
Der Grund dafür seien laut den Wissenschaftlern „weit verbreitete Überdiagnosen“. Viele der kleinen Tumoren hätten womöglich nie Probleme bereitet, da sie nicht weiter gewachsen wären oder sich gar zurückgebildet hätten. Forscher aus Großbritannien und Frankreich haben in einer zweiten Analyse die Daten aus fünf Mammografie-Studien aus Schweden neu berechnet. Diese Untersuchungen stammten aus den Jahren 1977 bis 1996 und galten den Angaben zufolge bisher als Beleg für den großen Nutzen der Reihenuntersuchung. Demnach schienen die schwedischen Studien zu belegen, dass regelmäßige Mammografien für alle dazu führen könnten, dass 20 Prozent weniger Frauen an Brustkrebs sterben. Doch laut den Wissenschaftlern, die sich die Daten nun erneut vorgenommen hatten, hätten „unkonventionelle statistische Methoden“ zu dieser Zahl geführt. Beispielsweise seien Brustkrebstode von Frauen aus den Kontrollgruppen der Studien – also von Patientinnen, die keine Screenings mitgemacht hatten – auch nach Ende der Studiendauer mitgezählt worden.

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Abwarten und beobachten
Zudem wussten die Frauen in den Kontrollgruppen gar nicht, dass sie an einer Studie teilnahmen. Lediglich ihre Daten wurden ausgewertet. Im Gegensatz zu den eigentlichen Probandinnen erhielten sie keine Anleitungen zur Selbstuntersuchung ihrer Brüste und wurden auch nicht regelmäßig untersucht. Dadurch wurden vermutlich Ergebnisse verzerrt. Trotzdem kamen die Forscher nach der Neuberechnung zu dem Schluss, dass Mammografie-Screenings die Zahl der Brustkrebstode senken können, allerdings nicht so stark wie bisher angenommen. Professor Wilson und seine Kollegen raten ebenfalls nicht gänzlich von Mammografie-Programmen ab. So sei es sinnvoll, mit der Methode Frauen zu untersuchen, die ein hohes Brustkrebsrisiko haben. Ärzte sollten aber mitunter nicht sofort eingreifen, wenn sie einen kleinen Tumor feststellen. Eher gilt die Devise des sogenannten „watchful waiting“, also abzuwarten und zu beobachten. (ad)