Chronisch Krank durch Gesundheitsfonds

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Zunahme chronischer Krankheiten durch Gesundheitsfonds
Seit der Einführung des Gesundheitsfonds im Jahr 2008 haben chronische Krankheiten in Deutschland massiv zugenommen. So hat sich das NDR-Magazin "Panorama" in seiner aktuellen Sendung dem Thema genauer gewidmet und kommt zu dem Schluss, dass nicht gesundheitliche Gründe sondern finanzielle Interessen der Krankenkassen die massive Zunahme chronischer Erkrankungen bedingen.

Finanzielle Anreize für chronische Krankheiten
Kritiker haben schon bei Einführung des Gesundheitsfonds 2008 bemängelten, dass die finanziellen Anreize des neuen Geldzuteilungsmechanismus in die falsche Richtung weisen, da die Versicherungen künftig ein starkes finanzielles Interesse an einer hohen Zahl chronisch kranker Versicherter haben. Denn für die Behandlung chronisch Kranker erhalten sie höhere Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds. Da auch den Ärzten so höhere Erstattungen für die Behandlung ihrer Patienten zustehen, nutzen sie laut Aussage des Berichts den Ermessensspielraum bei der „Codierung“ des jeweiligen Krankheitsbildes. Sie tendieren dazu, Patienten eher als chronisch krank bzw. schwer chronisch krank einzustufen, vermutet „Panorama“.

Ärzte nutzen Spielraum bei der Codierung
Grundlage des „Panorama“-Berichts ist ein Dokumenten des Bundesversicherungsamts (BVA) aus dem hervorgeht, dass die Zahl der Menschen mit schweren chronischen Krankheiten in Deutschland zwischen 2007 und 2008 um 4,6 Prozent gestiegen ist. Medizinisch sei dieser plötzliche Anstieg nicht zu erklären, so die Aussagen in dem NDR-Bericht. Den Unterlagen des BVA zufolge sei bei 23 Krankheitsgruppen sogar ein Anstieg von über 10 Prozent zu verzeichnen, wobei zum Beispiel das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom um 14 Prozent und die Zahl der Diabetes-Patienten um 17 Prozent zugenommen habe. Diese außergewöhnlich starke Zunahme bei exakt den Erkrankung die besser vergütet werden, kann laut „Panorama“ kein Zufall sein. So betont auch der Bremer Gesundheitsökonom Prof. Gerd Glaeske gegenüber den Reportern, dass ein Anreiz bestehe, medizinisch mehr Krankheiten zu produzieren, als tatsächlich vorhanden sind. Das Fernsehmagazin geht davon aus, "dass es nicht tatsächlich mehr Kranke gibt, sondern dass die Zahlen Ergebnis der neuen Abrechnungsmöglichkeiten sind". In Folge des mit dem Gesundheitsfonds eingeführten morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleich (Morbi-RSA), nutzen die Versicherungen und Ärzte nach Ansicht von „Panorama“ sämtlichen Spielraum, um möglichst hohe Kostenerstattungen zu erreichen. "Die Steigerungen sind nur auf die Codierweise zurückzuführen und nicht darauf, dass hier wirklich die Krankheitsfälle angestiegen sind", erklärte Prof. Glaeske im Rahmen des Berichts.

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Massive Zunahme chronischer Krankheiten zu verzeichnen
Das BVA hat in einem Katalog 80 Krankheitsbilder bestimmt, für die Krankenkassen höhere Ansprüche gelten machen können. Nach Aussage von „Panorama“ geht aus den Dokumenten des BVA hervor, dass bei 23 dieser 80 Krankheiten der prozentuale Anstieg im zweistelligen Bereich lag. Für die Behandlung von Patienten mit entsprechenden Krankheiten stehen den gesetzlichen Versicherungen insgesamt zusätzliche Zuweisungen in Höhe von 86 Milliarden Euro zur Verfügung. Auch wenn die Berichterstattung von „Panorama“ sowie die Äußerung des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherungen: „Der Finanzausgleich befindet sich noch im Entwicklungsprozess, muss aber natürlich manipulationssicher sein"eindeutig erkennen lassen, dass hier nicht alles in die richtige Richtung läuft, hält das Bundesgesundheitsministerium an dem Modell fest. Ein Sprecher des Ministeriums dementierte gegenüber „Panorama“ jegliche vermuteten Zusammenhänge zwischen den finanziellen Erstattungen und der Zunahme chronischer Erkrankungen. Vielmehr gehe der Anstieg vor allem auf die bessere Codierung von Krankheiten durch die Ärzte zurück, da diese mit dem Verfahren mittlerweile vertraut seien. Das auch von dem Bremer Gesundheitsökonom Prof. Glaeske angesprochene "Grundübel" des "Anreiz zum Krank-Codieren", wird vom Gesundheitsministerium nicht erkannt.

Leidtragende einmal mehr die Patienten
Aus der Opposition melden sich hingegen die ersten kritischen Stimmen. Karl Lauterbach, Gesundheitsexperte der SPD bemängelte, dass Ärzte, die Krankheiten "nach Ermessen" dokumentierten können, einem hohen Anreiz unterliegen sich mit Kollegen einen "Dokumentationswettstreit" zu liefern und möglichst viele Patienten als chronisch Kranke zu führen. „So ein System lädt zum Betrug ein“, denn auch das Honorar der Ärzte orientiert sich an dem Morbi-RSA. Das er selber bei der Einführung des Gesundheitsfonds unter SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt an der Entwicklung des Modells mitgearbeitet hat, verschweigt Lauterbach hingegen. In jedem Fall sind die Patienten einmal mehr die leidtragenden. Denn eine falsche Codierung des Krankheitsbildes durch den Arzt, kann weitreichende Folgen haben. Wer wegen einem leichten Problem, als chronisch krank diagnostiziert wird, kann später Probleme beim Abschluss von Versicherungen oder beim Antritt bestimmter Berufe bekommen. Mitunter kann eine falsche Diagnose lebenslang Nachteile mit sich bringen., denn „die Akten laufen durchs gesamte System", erklärte Karl Lauterbach. (fp, 15.10.2010)