Durch Schilddrüsenkrankheit gehäufte Angststörungen und Depressionen

Volker Blasek

Starke Zusammenhänge zwischen Depressionen, Ängsten und der Schilddrüse

In einer kürzlich veröffentlichten Studie berichten deutsche Forscher von einem neu entdeckten starken Zusammenhang zwischen Depressionen, Angsterkrankungen und einer chronischen Erkrankung der Schilddrüse. Mehr als 40 Prozent aller Depressionen und circa 30 Prozent aller Angsterkrankungen sollen laut den Forschungsergebnissen mit der Schilddrüse in Zusammenhang stehen. Die Wissenschaftler schlagen eine spezielle Therapie vor, die den Betroffenen effektiver helfen kann.


Ein Forscherteam der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) entdeckte einen starken Zusammenhang von Depressionen und Angsterkrankungen mit einer chronischen Erkrankung der Schilddrüse, der sogenannten Autoimmunthyreoiditis (AIT). Von dieser weit verbreiten Schilddrüsenerkrankung sind circa zehn Prozent der Menschen in Deutschland betroffen. Die FAU-Forscher stellten auch eine Therapieform vor, die bei diesen Erkrankungen effektiver helfen soll. Ihre Forschungsergebnisse wurden kürzlich in dem Fachjournal „JAMA Psychiatry“ publiziert.

Kürzlich wurde in einer Studie ein neuer Zusammenhang zwischen Depressionen, Angsterkrankungen und einer chronischen Entzündung der Schilddrüse aufgezeigt. Eine spezielle Therapie soll Betroffenen nun effektiver helfen. (Bild: Kittiphan/fotolia.com)

Volkskrankheiten Depressionen und Angst

Angst und Depression zählen zu den weit verbreiteten psychischen Krankheitsbildern. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts wurden im Jahr 2016 mehr als eine viertel Millionen Patientinnen und Patienten aufgrund einer Depression in einer Klinik stationär behandelt. Nach Angaben der FAU zeigen etwa vier Millionen Menschen in Deutschland Symptome einer Depression. Trotz effektiver Möglichkeiten erhalten bislang nur wenige Betroffene eine angemessene Therapie. Auch Angsterkrankungen sind leider keine Seltenheit. „Rund 20 Prozent der Bevölkerung erkranken irgendwann in ihrem Leben an einer Angststörung“, berichtet das Max-Planck-Institut für Psychiatrie.

Was hat die Schilddrüse mit Depression und Angst zu tun?

„Ich habe in meiner Sprechstunde inzwischen viele hundert Menschen mit Depression und Angst gesehen“, erläutert der Psychiater und Studienautor Dr. Teja Wolfgang Grömer in einer Pressemitteilung der FAU zu der Studie. Ende 2015 fiel dem Psychiater ein starker Zusammenhang zwischen der Schilddrüsenerkrankung AIT und den beiden psychischen Leiden auf. Um seine Vermutungen zu ergründen, veranlasste Grömer die aktuelle Studie. 21 voneinander unabhängige Studien mit Daten von über 36.000 Teilnehmern bildeten die Grundlage der Forschungsarbeit.

Wie wirkt AIT auf die Psyche?

„Viele Patienten hatten vorher keine Erklärung für ihr Krankheitsbild“, so Dr. Grömer. Bei einer AIT (auch unter dem Namen Hashimoto-Thyreoiditis bekannt) ist die Schilddrüse anhaltend entzündet. Dies könne auch die Psyche beeinflussen, da die Hormone der Schilddrüse den Stoffwechsel und den zellulären Energiehaushalt mitbestimmen. Daher führe AIT auch zu spezifischen psychischen Symptomen wie innerer Unruhe, Anspannung und Erschöpfung. Grömer berichtet, dass die AIT schnell übersehen wird, da sie in vielen Fällen keine Schmerzen verursache, als Beschwerde im Zuge der Wechseljahre abgetan oder als reine Depression oder Angststörung fehlgedeutet werde.

AIT ist keine Randerscheinung

AIT ist bei Menschen zwischen dem 30. und 50. Lebensjahr am weitesten verbreitet. Frauen sind dabei wesentlich häufiger betroffen als Männer. Aus der Analyse der Daten ging hervor, dass AIT-Betroffene ein 3,5-fach erhöhtes Risiko haben, eine Depression zu entwickeln sowie einer 2,3-fach erhöhten Gefahr ausgesetzt sind, eine Angsterkrankung zu bekommen. Dies bedeutet, dass mehr als 40 Prozent der Depressionen und 30 Prozent der Angsterkrankungen bei Patienten mit AIT auftreten.

Spezielle Therapie

Grömer und Kollegen schlagen in der Studie eine spezielle Therapieform vor, die diese Art der Depression oder Angst effektiver behandeln soll. Bei dieser Behandlung sollen frühzeitig Antidepressiva eingesetzt werden, die keine Gewichtszunahme nach sich ziehen. Zusätzlich wird die Einnahme des Spurenelement Selen angeraten. Außerdem sollte laut Grömer ein AIT-Screening mit der Bestimmung von Antikörpern bei allen Patienten mit Depression oder Angst eingeführt werden.

Ist die AIT bedingte Depression eine eigenständige Krankheit?

Um diese neuen Zusammenhänge noch näher zu beleuchten, müssten in zukünftigen psychiatrischen Forschungsarbeiten zu Depressionen oder Ängsten die AIT-Patienten in einer eigenen Gruppe behandelt werden, so das Fazit von Grömer. (vb)