Gehirnforschung: Lesenlernen verändert das Gehirn stärker als vermutet

Nina Reese
Lesen führt zu massiven Umstrukturierungen im Gehirn
Wenn Kinder Lesen lernen, hat das starke Auswirkungen auf ihr Gehirn. Denn für das Lesen werden Hirnareale umfunktioniert, die eigentlich für andere Fähigkeiten konzipiert waren. Doch was passiert im ausgewachsenen Gehirn von Erwachsenen, wenn diese erst später lesen lernen? Ein internationales Forscher-Team hat eine Studie mit erwachsenen Analphabetinnen durchgeführt und dabei entdeckt, dass die Veränderungen im Gehirn durch spätes Lesenlernen offenbar tiefgreifender sind als bislang angenommen.

Hirnareale werden umfunktioniert
Lesen ist evolutionär betrachtet eine sehr junge Fertigkeit, für die unser Gehirn ursprünglich nicht ausgestattet wurde. Da es also kein spezielles „Leseareal“ gibt, müssen während des Lesenlernens bestimmte Bereiche im Gehirn umfunktioniert werden. Areale, die eigentlich für das Erkennen komplexer Objekte wie Gesichter genutzt wurden, sind nun dafür zuständig, geschriebene Buchstaben in gesprochene Sprache umzuwandeln.

Eien neue Studie zeigt, wie grundlegend sich Lesenlernen im Erwachsenenalter auf unser Gehirn auswirkt. (Bild: ivanko80/fotolia.com)

Bei Kindern vollziehen sich diese Veränderungen, während sich das Gehirn noch im Wachstum befindet. Doch was passiert im Gehirn von Erwachsenen, die das Lesen erst später erlernen? Mit dieser Frage haben sich Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts (MPI) für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und des MPI für Psycholinguistik in Nijmegen beschäftigt. Durch eine umfassende Forschung, die nun im Fachblatt „Science Advances“ veröffentlicht wurde, kamen die Forscher zu erstaunlichen Erkenntnissen, so die Mitteilung der Max-Planck-Gesellschaft (MPG).

Studie mit erwachsenen Analphabetinnen
Das Team führte gemeinsam mit indischen Wissenschaftlern des Center of Bio-Medical Research (CBMR) Lucknow und der Universität Hyderabad eine groß angelegte Studie mit erwachsenen Analphabetinnen durch. Sie beobachteten dabei, welche Veränderungen im Gehirn der Frauen stattfanden, während diese lesen und schreiben lernten. Mithilfe der Kernspintomographie erkannten die Experten, dass sich nach sechs Monaten Lese-Training in den Gehirnen der Frauen ebenfalls Umstrukturierungen vollzogen hatten.

Mehr zum Thema:

Mehrere Hirnbereiche betroffen
Doch anders als bei Kindern, betrafen diese nicht nur die Großhirnrinde. Von dieser war bereits bekannt, dass sie sich schnell an neue Herausforderungen anpasst, erklärt Studienleiter Falk Huettig vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik. Stattdessen reichten die Umstrukturierungen im Zuge des Lesenlernens sogar bis in den Thalamus und den Hirnstamm. Damit würden sich folglich Areale verändern, die aus evolutionärer Sicht recht alt sind und selbst bei Mäusen und anderen Säugetieren vorkommen, so die Mitteilung weiter.

„Wir haben beobachtet, dass die sogenannten Colliculi superiores als Teile des Hirnstamms und das sogenannte Pulvinar im Thalamus ihre Aktivitätsmuster zeitlich enger an Sehareale auf der Großhirnrinde koppeln“, erläutert Erstautor Michael Skeide vom MPI in Leipzig. „Die Thalamus- und Hirnstammkerne helfen unserer Sehrinde dabei, wichtige Informationen aus der Flut von visuellen Reizen herauszufiltern noch bevor wir überhaupt bewusst etwas wahrnehmen.“

Geeübte Leser navigieren effizienter durch Texte
Die Wissenschaftler erkannten, dass die Verbindung der Hirnareale dabei umso stärker wurden, je besser die Lesefähigkeiten der Probandinnen bereits ausgeprägt waren. „Wir gehen deshalb davon aus, dass diese beiden Hirnsysteme mit zunehmenden schriftsprachlichen Fähigkeiten besser zusammenarbeiten“, erklärt Michael Skeide. „Auf diese Weise können geübte Leser vermutlich effizienter durch Texte navigieren.“

Analphabetenrate in Indien bei fast 40 Prozent
Die Untersuchung fand in Indien statt, wo die Analphabetenrate laut der MPG bei etwa 39 Prozent liegt. Betroffen sind vor allem Frauen, die oft keinen Zugang zu Schulbildung und damit zum Lesen und Schreiben haben. Viele der erwachsenen Studien-Teilnehmerinnen konnten zu Beginn des Lernprozesses kein einziges Wort in ihrer Landessprache, dem Hindi, entziffern, so die Mitteilung.

Nach sechs Monaten Übung hatten die Teilnehmerinnen bereits ein Niveau erreicht, das sich etwa mit dem einer Erstklässlerin vergleichen lasse, berichtet die MPG. Dieser Wissenszuwachs sei laut Studienleiter Huettig bemerkenswert. „Obwohl es für uns als Erwachsene sehr schwierig ist, eine neue Sprache zu lernen, scheint für das Lesen anderes zu gelten. Das erwachsene Gehirn stellt hier seine Formbarkeit eindrucksvoll unter Beweis“, erklärt der Experte.

Studie zu Lese-Rechtschreib-Störung geplant
Die Ergebnisse der Studie könnten auch eine wichtige Rolle für den zukünftigen Umgang mit der so genannten Lese-Rechtschreib-Störung (LRS) spielen, berichtet die MPG. Denn bisher seien Fehlfunktionen des Thalamus als eine mögliche angeborene Ursache von LRS im Gespräch. Ausgehend von den neuen Erkenntnissen könne es jedoch sein, dass diese Auffälligkeiten nur die Folge eines weniger trainierten visuellen Systems sind, so Skeide. Um das zu überprüfen, sei nun eine große Studie geplant, in der LRS-Betroffene über Jahre hinweg beobachtet werden sollen. (nr)