Herzinfarkte sind eine „systemische Erkrankung“

Fabian Peters
Bei einem Herzinfarkt reagieren auch Leber, Milz und andere Organe
Herzinfarkte sind ein lebensbedrohliches Ereignis, bei dem jedoch keinesfalls eine isolierte Betrachtung der Herzbeschwerden erfolgen sollte, so das Ergebnis einer aktuellen Studie von Wissenschaftlern der MedUni Wien. Der akute Herzinfarkt bilde eine „systemische“ Erkrankung, welche für den gesamten Organismus Folgen hat.

Bislang erfolgte bei der Erklärung der Ursachen und Folgen eines Herzinfarktes meiste eine Fokussierung auf die Schäden am Herzen und die beeinträchtigte Herzfunktion. Doch könnte diese Betrachtung weit zu kurz greifen. Denn die neuen Studienergebnissen des Forscherteams unter Leitung von Hendrik Jan Ankersmit und Michael Mildner an der Klinischen Abteilung für Thoraxchirurgie an den Universitätskliniken für Chirurgie und Dermatologie der MedUni Wien zeigen, dass auch eine Reaktion in anderen Organen wie beispielsweise der Leber und Milz stattfindet. Ihre Studie haben die Forscher in dem Fachmagazin „Oncotarget“ veröffentlicht.

Bei einem Herzinfarkt sind zahlreiche Organsysteme beteiligt, weshalb der Infarkt als systemische Erkrankung betrachtet werden sollte. (Bild: psdesign1/fotolia.com)

Monokausale Ansätze nicht angemessen
Bisher wurde laut Angaben der Wissenschaftler „zumeist mit monokausalen Ansätzen, ohne ganzheitliche Betrachtung versucht, molekulare und zelluläre Prozesse nach einem Herzinfarkt (ausgelöst durch eine Durchblutungsstörung) zu verstehen.“ Zudem sei nur sehr wenig über die Auswirkungen auf das das Infarkt-Zentrum umgebende Gewebe und andere Organe bekannt gewesen. Die nun publizierte Studie habe in einem für den Menschen relevanten Großtiermodell nachgewiesen, dass bei einem Herzinfarkt tausende Gene beteiligt sind.

Fast 9.000 Gene bei einem Herzinfarkt beteiligt
„Der Herzinfarkt änderte die Expression von fast 9.000 Genen im Herzen, aber auch von 900 im Leber- und rund 350 im Milzgewebe innerhalb von 24 Stunden nach Infarktsetzung“, berichten die Wissenschaftler. Zudem konnte dem Transkriptionsfaktor Klf4 (ein Protein, das für die Aktivierung vieler anderer Gene wichtig ist) hier eine bedeutende Rolle zugeschrieben werden, so die Forscher weiter. Die Erkenntnisse aus dem Großtiermodell konnte laut Aussage der Wissenschaftler auch durch histologische Untersuchungen an humanem Autopsie-Material bestätigt werden. Durchgeführt wurde die Studie von dem PhD-Studenten Matthias Zimmermann unter der Leitung von Hendrik Jan Ankersmit und Michael Mildner.

Zahlreiche Organsysteme beteiligt
Die zentrale Erkenntnis der aktuellen Studie ist laut Aussage der Forscher, dass die myokardiale Ischämie, also der Herzinfarkt, nicht am verletzten Herzmuskel endet. Tatsächlich sei das Spektrum der betroffenen Organe viel größer und vieles deute darauf hin, dass zahlreiche Organsysteme an der Koordination der Reaktion des Organismus auf den Infarkt beteiligt sind. „Damit haben wir dargelegt, dass der allein aufs Herzen gerichtete Tunnelblick bei einem Herzinfarkt überdacht werden muss“, so Zimmermann. Der Myokardinfarkt sei nichts Isoliertes, sondern der gesamte Organismus reagiere mit. Erstmals beschreibe die aktuelle Studie, wie ein Myokardinfarkt in seiner Ganzheit aussieht, was enorm zum Systembiologischen Verständnis des Beschwerdebildes beitrage, ergänzt Hendrik Jan Ankersmit.

Die neuen Erkenntnisse stellen zwar die gängige Akuttherapie bei einem Herzinfarkt nicht in Frage, doch eröffnen sie die Diskussion, „ob eine künftige Therapie nicht systemisch betrachtet werden und an mehreren Stellen im Organismus ansetzen sollte“, so das Fazit der Wissenschaftler. (fp)