Hochsensibilität: Überempfindlichkeit mittlerweile ein Massenphänomen

Sebastian
Immer mehr Menschen empfinden Reize aus der Umwelt als belastend
Laute Geräusche, grelle Farben, Berührungen oder Stimmenwirrwarr: Jeden Tag werden wir mit unzähligen Reizen regelrecht „überflutet“. Während die einen damit gut zurecht kommen, reagieren andere extrem auf das Übermaß an Sinneseindrücken und empfinden dieses als sehr belastend. In diesem Fall sprechen Experten von Hochsensibilität – doch dabei handelt es sich nicht um eine Krankheit, sondern eher um eine Disposition des Nervensystems, erklärt die psychologische Beraterin Brigitte Küster auf der Newsplattform „20minuten“.

Stärker auf Reize reagieren
„Der Wecker reißt dich abrupt aus dem Schlaf, das Klingeln fühlt sich an wie ein Messer, dass sich in den Kopf bohrt. Du öffnest die Augen, die Sonne brennt hell auf deiner Netzhaut […].“ So beschreibt die selbst betroffene Brigitte Küster ihren ganz normalen Alltag mit der Hochsensibilität. Menschen, die unter diesem Phänomen leiden, reagieren wesentlich stärker und intensiver auf Reize als der Durchschnitt. Es gibt zwar bislang keine eindeutige und anerkannte wissenschaftliche Definition der „Überempfindlichkeit“, doch viele Betroffene berichten über die Auswirkungen – wie etwa geringe Belastbarkeit -, die Hochsensibilität bei ihnen zur Folge haben. Auch Michael Jack aus Dortmund, beschreibt in einer Mitteilung der Nachrichtenagentur dpa seine Erfahrungen und Probleme und wie man mit dem Phänomen umgehen kann.

Immer mehr Menschen leiden an Lärm, Stress und Leistungsdruck. Bild: Artem Furman - fotolia
Immer mehr Menschen leiden an Lärm, Stress und Leistungsdruck. Bild: Artem Furman – fotolia

Rund 20 Prozent der Menschen betroffen
Er fand es demnach immer ausgesprochen anstrengend, wenn er früher mit seinen Schulfreunden in die Disco ging. „Ohne Ohrstöpsel habe ich es fünf Minuten ausgehalten, mit Ohrstöpseln auch nicht länger als 30 Minuten“, so Jack. Ihm waren die laute Musik, das Stimmengewirr und die grellen Lichter einfach zu viel. „Ich hatte immer das Gefühl, dass mit mir etwas nicht stimmt“. Dieses Gefühl bekommt erst Jahre später einen Namen. Da war er bereits Jurastudent. Damals versuchte er im Internet herauszufinden, weshalb ihn beispielsweise Veranstaltungen mit vielen Menschen oder Gespräche bei lauter Hintergrundmusik so anstrengten, seine Kommilitonen aber offenbar nicht.

Bei seinen Recherchen stieß er auf den Begriff „Hochsensibilität“. Geprägt hat ihn die US-amerikanische Psychologin Elaine Aron, die 1997 ihre erste Studie zu diesem Thema veröffentlichte. Ihrer Theorie zufolge nehmen bis zu 20 Prozent der Menschen Sinneseindrücke stärker und intensiver wahr als der Durchschnitt.

„Sehr feines Gespür für zwischenmenschliche Spannungen“
Wie die Psychologin Hedi Friedrich aus Frankfurt sagte, kann sich das auf ganz unterschiedliche Art und Weise äußern. Die Expertin beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema und bietet unter anderem auch Gesprächskreise für Hochsensible an. So wird es manchen schnell zu laut, anderen fällt es schwer, Geräusche in dem Umgebung, etwa von telefonierenden Kollegen, auszublenden.
Andere wiederum haben eine besonders empfindliche Nase, halten kratzige Kleidungauf der Haut nicht aus oder sind empfindlicher gegenüber Schmerz. In vielen Fällen sind zudem die Sinne für Signale geschärft, die auf den ersten Blick nicht sichtbar sind: „Viele Hochsensible haben ein sehr feines Gespür für zwischenmenschliche Spannungen, analysieren sich und andere sehr genau und werden für ihr Einfühlungsvermögen und ihr Mitgefühl geschätzt.“

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Wahrnehmungsbegabung – keine Krankheit
Laut Friedrich ist Hochsensibilität jedoch keine Krankheit, sondern eine Wahrnehmungsbegabung. Allerdings machten die Konsequenzen der geschärften Sinne vielen Betroffenen zu schaffen. Denn ohne Erholungspausen ermüdet der dauernde Input Körper und Seele. Zudem werden Betroffene durch die ständige Vermeidung von Menschenansammlungen leicht zum Außenseiter. „Man setzt sich ja selbst dauernd unter Druck und versucht, sich anzupassen. Dadurch gerät man in Situationen, die einem nicht gut tun“, erläuterte Michael Jack.

Auch Peter Falkai von der Psychiatrischen Klinik der Uni München betrachtet die Hochsensibilität als Persönlichkeitsmerkmal. Seiner Ansicht nach seien „neurologische Besonderheiten“ dafür verantwortlich, dass mehr Informationen als sonst ungefiltert ins Gehirn gelangen. In der Folge werde der Speicher schneller voll, so der Mediziner gegenüber der „Ärzte-Zeitung“.

„So wie gewisse Menschen sehr gross, sehr intelligent oder sehr schüchtern sind, nehmen diese Menschen einfach sehr viel von ihrer Umwelt wahr“, erklärt auch die Fachpsychologin für Psychotherapie, Esther Huser auf der Newsplattform „20minuten“. Betroffene sollten daher die Verantwortung übernehmen und einen entsprechenden Umgang mit diesem Charaktermerkmal erlernen, z.B. indem für regelmäßige Ruhezeiten gesorgt wird, um die Reize zu verarbeiten. Auch für Michael Jack sei es „existenziell befreiend“ gewesen, zu erfahren, dass es einen Grund für das Gefühl des Unbehagens gibt „und dass ich Strategien dagegen entwickeln konnte“.

Kritiker sprechen von einer Trenddiagnose
Der inzwischen promovierte Jurist Jack initiierte den Informations- und Forschungsverbund Hochsensibilität und ist auch dessen Präsident. Es geht dabei – neben der Öffentlichkeitsarbeit – darum, Forschung zur Hochsensibilität anzustoßen und Wissenschaftler miteinander zu vernetzen. Mittlerweile gibt es zum Phänomen Hochsensibilität zwar eine ganze Reihe von Büchern und einige Anlaufstellen für alle, die Beratung suchen, jedoch auch viele Stimmen, die von einer Trenddiagnose ohne wissenschaftliche Basis sprechen. Ihr Argument laute, dass es eine Binsenweisheit sei, dass Menschen Sinnesreize unterschiedlich verarbeiten und dass ein Übermaß an Eindrücken ermüdet. Friedrich erklärte, es sei nicht einfach, anderen Menschen begreiflich zu machen, was Hochsensibilität bedeutet: „Soll das heißen, dass ich unsensibel bin?“, sei dann oft als Reaktion zu hören. Hochsensible würden schnell als dünnhäutig und empfindlich abgestempelt werden. Ihre besonderen Stärken und Fähigkeiten hingegen würden leicht übersehen, da viele Hochsensible eher zurückhaltend seien.

Fragebögen beruhen auf Selbsteinschätzung
„Bislang fehlen wissenschaftlich geprüfte diagnostische Instrumente“, erläuterte Sandra Konrad, Psychologin an der Universität der Bundeswehr Hamburg. Sie erstellt derzeit im Rahmen ihrer Dissertation mehrere Studien zum Thema Hochsensibilität. Die deutschen Versionen der Fragebögen, die dafür derzeit genutzt werden, beruhten ausschließlich auf der Selbsteinschätzung von Betroffenen und seien nicht wissenschaftlich geprüft. „Hier versuche ich, Abhilfe zu schaffen.“ Ihrer Meinung nach gibt es reichlich Forschungsbedarf, da man auch über Ursachen und Mechanismen von Hochsensibilität bisher nur wenig weiß: „Zwillingsstudien deuten darauf hin, dass es sich um eine genetisch bedingte Besonderheit der reizverarbeitenden Systeme handelt“, so Konrad.

Bei Hochsensiblen würden möglicherweise bestimmte Bereiche des Gehirns stärker erregt und Sinnesreize häufiger als „bedeutsam“ eingestuft. Michael Jack sieht die ganze Diskussion pragmatisch: „Man kann sich für Hochsensibilität „nichts kaufen“, deshalb hätte eine belastbare Diagnose auch keine unmittelbaren Konsequenzen“, sagte der Dortmunder. „Der Terminus kann aber helfen, dass Betroffene ihr Leben mehr ihrer Veranlagung entsprechend gestalten – und auch von den positiven Seiten der Hochsensibilität profitieren.“ (ad)