Im Wald lassen sich Probleme leichter lösen

Fabian Peters

Wie die Natur kreatives Denken beflügeln soll

14.12.2012

Wer sich in der Natur aufhält, kann seine Probleme besser lösen. Das behaupten US-amerikanische Forscher, die ihre Studie jetzt im Wissenschaftsmagazin „PLoS One" vorgestellt haben. Kritiker bemängeln jedoch die fragwürdigen Messmethoden, die Ruth Atchley von der University of Kansas und ihr Team bei ihrer Untersuchung angewendet haben. Die Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, dass sich die kognitive Leistungsfähigkeit bereits nach vier Tagen in der Natur um 50 Prozent verbessert.

Wandern in der Natur verbessert die kognitiven Fähigkeiten
Heute verbringen die meisten Menschen den Großteil ihrer Zeit vor dem Computer. Soziale Kontakte werden über Facebook gepflegt und die aktuellsten Nachrichten werden per SMS direkt an das Smartphone gesendet. Bereits Zehnjährige kennen sich bestens in der multimedialen Welt aus und sind rundum die Uhr erreichbar. Den Preis, den die Gesellschaft dafür zahlt ist hoch: Vermutlich waren die Menschen zu keiner Zeit so stresst wie heute.

Eine Lösung präsentieren jetzt Ruth Atchley und ihr Team: Raus in die Natur! Ihrer Studie zufolge soll bereits ein viertägiger Aufenthalt in der Natur kreatives Denken beflügeln. Die Wissenschaftler ließen Rucksackwanderer, die vier bis sechs Tage im Wald verbrachten, verschiedene Aufgaben lösen. Dabei stellte sich heraus, das die Wanderer vor allem beim kreativen Problemlösen deutlich besser abschnitten als die Kontrollgruppe, die die Aufgaben vor ihrer Wanderung lösten und durchschnittlich nur vier von zehn Fragen richtig beantworteten. Die Wanderer konnten bereits am vierten Tag ihrer Tour im Schnitt sechs von zehn Aufgaben lösen. „Das zeigt, dass es reale, messbare kognitive Vorteile gibt, wenn wir Zeit in der Natur verbringen", schreiben die Wissenschaftler.

Wissenschaftliche Methode fragwürdig
An der Untersuchung nahmen 15 Frauen und 17 Männer teil, die während ihrer Wanderung Aufgaben lösten, sowie weitere Personen, die die Aufgaben vor ihrer Wanderung lösen sollten. Kritiker bemängeln, dass die Anzahl der Studienteilnehmer viel zu klein ist, um relevante Ausgaben treffen zu können. Abgesehen davon ist das Vorgehen der Forscher wenig wissenschaftlich. Hier wurden die Mittelwerte der Leistungen von zwei verschiedene Gruppen miteinander verglichen. Keine Gruppe wurde vor und während ihrer Wandertour getestet, so dass Aussagen über eine Verbesserung nicht möglich sind. Um repräsentative Ergebnisse zu erzielen, hätten beide Gruppen vorab getestet werden müssen. Anschließend wäre eine Gruppe in der Natur gewandert während die andere beispielsweise im Büro gearbeitet hätte. Auf diese Weise wäre messbar gewesen, ob die Wanderer wirklich kreativer sind als die Büro-Gruppe.

Wie die Wissenschaftler berichten, habe bereits „ein viertägiger Aufenthalt in der Natur und der damit verbundene Abstand von multimedialer Technik, eine Erhöhung der Kreativität bei der Lösung von Problemen um 50 Prozent in der Gruppe der Wanderer gezeigt“. Da zwei unterschiedliche Gruppen miteinander verglichen wurde, ist dieser Rückschluss jedoch fraglich. Hinzu kommt, dass die Forscher einige Faktoren, die sich ebenfalls auf die Leistung auswirken könnten, nicht ausschließen konnten. „Eine Einschränkung der aktuellen Forschung besteht darin, dass nicht sicher festgestellt werden kann, ob einige der Effekte auf den Einfluss der Natur, dem fehlenden Einfluss der Technik oder andere Faktoren, die in Zusammenhang mit einen dreitägigen Aufenthalt in der Natur stehen, zurückzuführen sind“, erklären die Forscher.

Nichtsdestotrotz hat eine Wanderung in der Natur viele positive Effekte. Das belegen auch andere Studien.

Wandern in der Natur fördert die Gesundheit
Bereits seit Jahren gilt Wandern als gesunde Bewegungsart, die auch dann ausgeübt werden kann, wenn die Konstitution andere belastendere Sportarten nicht zulässt. Der Deutsche Wanderverband (DWV) hat das Konzept des Gesundheitswanderns zertifiziert. Professor Kuno Hottenrott von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und sein Team überprüften die Wirksamkeit des Wanderns in einer wissenschaftlichen Studie. Demnach hat Gesundheitswandern einen positiven Einfluss auf den gesamten Organismus. Wer regelmäßig wandert, verringert sein Körpergewicht, den Body-Mass-Index (BMI), senkt den Blutdruck und den Körperfettanteil, schreibt der Deutsche Wanderverband über die Ergebnissen der Studie in einer Mitteilung. Ausdauerleistungsfähigkeit und Koordinationsfähigkeit würden ebenfalls verbessert, so der Verband.

Beim Gesundheitswandern werden die Teilnehmer von einem zertifizierten Gesundheitswanderführer angeleitet, der ihnen während der Tour nicht nur allgemeine Gesundheitstipps zur Prävention gibt, sondern auch verschiedene physiotherapeutische Übungen mit den Wanderern absolviert. Dafür werden die rund 90-minütigen Wanderungen für entsprechende Bewegungsübungen zweimal unterbrochen. Auf diese Weise addieren sich die positiven Effekte einer Wanderung: Frische Luft und Bewegung in der Natur führen der Studie zufolge zur Verbesserung der Gesundheit. Ob Gesundheitswandern auch einen positiven Effekt auf die kognitiven Fähigkeiten hat, wurde in der Studie nicht untersucht. (fp)

Bildnachweis: Rolf / pixelio.de