Internetsucht bei Kindern: Wo liegt die Grenze zwischen normaler Nutzung und Sucht?

Fabian Peters
Anzeichen einer Internetsucht bei Kindern und Jugendlichen erkennen
Für Kinder und Jugendliche ist das Internet ein selbstverständlicher Bestandteil ihres Lebens, der ihnen zum Beispiel zur Informationsbeschaffung, dem Pflegen sozialer Kontakte oder zur Freizeitbeschäftigung dient. Doch können die „ständige Verfügbarkeit und der emotionale und funktionale Nutzen im schlimmsten Fall auch zu einer Internetsucht führen“, warnt die DAK-Gesundheit. Gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) hat die Krankenkasse eine Broschüre zu dem Thema Internetsucht veröffentlicht, die Informationen und Hilfestellung von den Experten bietet.

In einer aktuellen Studie der DAK-Gesundheit und des Deutschen Zentrums für Suchtfragen wurde deutlich, dass die intensive Computernutzung in vielen deutschen Familien zu Problemen führt, so die Mitteilung der DAK. Der Krankenkasse zufolge reagiert jedes fünfte Kind „ruhelos und gereizt auf Online-Einschränkungen.“ Zudem hätten elf Prozent der 12- bis 17-Jährigen bereits „mehrfach erfolglos versucht, ihre Internetnutzung in den Griff zu bekommen.“ Die Studie zur Internetsucht im Kinderzimmer habe gezeigt, dass Eltern ihren Kindern oftmals keine Regeln zum Umgang mit dem Laptop oder Smartphone vorgeben. Mit einer gemeinsamen Aufklärungskampagne wollen das DZSKJ und die DAK nun für das Thema Internetsucht sensibilisieren.

Eltern sollten die Anzeichen einer Internetsucht kennen und frühzeitig gegensteuern. (Bild: lassedesignen/fotolia.com)
Eltern sollten die Anzeichen einer Internetsucht kennen und frühzeitig gegensteuern. (Bild: lassedesignen/fotolia.com)

Jedes fünfte Kind bei Online-Einschränkungen launisch oder gereizt
Insgesamt 1.000 Mütter und Väter wurden im Rahmen der repräsentativen Studie durch das Forsa-Institut umfassend zum Internet- und Computergebrauch ihrer 12- bis 17-jährigen Kinder befragt. Neben der Dauer und der Art der Internetnutzung seien dabei erstmals auch mögliche krankhafte Folgen für die Jungen und Mädchen untersucht worden, so die Mitteilung der DAK. Den Ergebnissen der Studie zufolge sind die Kinder bei rund der Hälfte der befragten Eltern länger online als vorgenommen. Zudem zeigen 22 Prozent der 12- bis 17-Jährigen ruheloses, launisches oder gereiztes Verhalten, wenn sie ihre Internetnutzung reduzieren sollen. Rund ein Zehntel der Kinder nutze das Internet, um vor Problemen zu fliehen und bei elf Prozent der Befragten hat das Kind mehrfach erfolglose Versuche unternommen, seine Internetnutzung in den Griff zu bekommen, berichtet die DAK. Bei sieben Prozent der Kinder bringe die intensive Internetnutzung Gefährdungen wichtiger Beziehungen oder der Bildungschancen mit sich, wobei Jungen doppelt so häufig betroffen seien wie Mädchen.

Suchtgefährdung im Kinderzimmer
„Das Internet bietet Kindern und Jugendlichen große Möglichkeiten und Chancen. Gleichwohl dürfen die Risiken nicht unterschätzt werden“, warnt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marlene Mortler angesichts der Studienergebnisse. Nach Expertenschätzungen seien in Deutschland bereits bis zu einer Million Menschen onlinesüchtig. Hier bilde die Vermittlung einer frühen Medienkompetenz einen entscheidenden Schlüssel zur Prävention gesundheitsschädlicher Auswirkungen des Internetgebrauchs und der Computernutzung. „Die aktuelle Befragung macht deutlich, dass Suchtgefährdung auch im Kinderzimmer besteht“, ergänzt Professor Dr. Rainer Thomasius, Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Auf Basis der gewonnenen Daten sei davon auszugehen, „dass etwa fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland unter krankhaften Folgen ihrer Internetnutzung leiden.“

Fehlende Regeln zur Internetaktivität
Den Studienergebnisse zufolge beginnen Kinder durchschnittlich im Alter ab zwölf Jahren, das Internet selbstständig zu nutzen. Häufig werden ihnen dabei von den Eltern keine Regeln vorgegeben. So hatten 51 Prozent der Eltern nach eigenen Angaben keine Regeln zu der Dauer der Internetnutzung festgelegt und 32 Prozent der Eltern nahmen keinen Einfluss auf die Inhalte, die ihr Kind im Internet nutzen darf. Die Dauer der privaten Internetnutzung der Kinder wurde von den Eltern durchschnittlich auf rund zweieinhalb Stunden an einem normalen Werktag und vier Stunden am Wochenende geschätzt. Ein Fünftel der Jungen und Mädchen verbringe am Samstag oder Sonntag sogar sechs Stunden oder länger am Computer. Jungen beschäftigen sich dabei die meiste Zeit mit Online-Spielen, während Mädchen das Internet eher für das sogenannte Chatten nutzen. Bei jeder dritten Familie sorge die Internetnutzung „manchmal bis sehr häufig für Streit“, s die Mitteilung der DAK.

Anzeichen der Internetsucht erkennen
Eltern sollten die Symptome einer Internetsucht kennen und aufmerksam beobachten, um frühzeitig erste Anzeichen für die Diagnose Internetsucht zu entdecken, mahnen die Experten. Allerdings sei der Übergang von einem normalen Nutzungsverhalten hin zu einer suchtgetriebenen Aktivität oftmals nur schwer zu erkennen. Merkmale und Symptome, die auf einen übermäßigen und auch auf einen krankhaften (pathologischen) Internetgebrauch hinweisen, können laut Angaben der DAK ein innerer Zwang zur Nutzung, Kontrollverlust, Entzugserscheinungen, eine stetige Steigerung der Internetaktivität, die Vernachlässigung anderer Offline-Hobbys und die Verdrängung der negativen Folgen sein. Bei der Internetsucht können Betroffene ihre Internetaktivitäten nicht mehr beeinflussen und der Umgang mit dem Internet hat so großen Einfluss auf ihr Leben, dass andere Bereiche beeinträchtigt werden. Mögliche negativen Folgen seien zum Beispiel das Scheitern in der Ausbildung oder im Beruf, das Scheitern der Ehe oder Beziehung, die Vernachlässigung von Freunden und Familie oder anderen Offline-Freizeitaktivitäten sowie die Häufung von Konflikten mit Angehörigen aufgrund der Internetaktivitäten, berichtet die DAK. (fp)