Krankenhausapotheken: Massive Lieferengpässe

Sebastian

Gesundheitsgefahr: Lieferengpässe in den Kliniken

19.02.2013

Offenbar kämpfen zahlreiche Kliniken in Deutschland mit Lieferengpässen wichtiger Arzneimittel. Ulrike Ott, Vorsitzende des Landesverbands deutscher Krankenhausapotheker in Rheinland-Pfalz schlägt daher Alarm. Laut ihrer Informationen müssen die Krankenhäuser des Landes „teilweise auf alternative Präparate zurückgreifen, um die Patienten versorgen zu können.“ Inzwischen hat sich auch das Bundesgesundheitsministerium in die Sache eingeschaltet. Derzeit wird diskutiert, ob ein zentrales Melderegister für Medikamenten-Engpässe eingerichtet wird.

Seit eineinhalb Jahren „sind wir damit beschäftigt, Ersatzmedikamente heranzuschaffen“, beklagt Ott, die gleichzeitig auch die hauseigene Apotheke im Klinikum Koblenz-Montabaur leitet. Im vergangenen Jahr 2012 habe es bei 20 von 900 Arzneimitteln je Monat Lieferschwierigkeiten gegeben. Die Anzahl der Lieferengpässe habe sich in den letzten zwei Jahren mehr als verdreifacht, so die Expertin.

Therapien werden aufgrund von Lieferengpässen umgestellt
Von den Ärzten erfordert die schwierige Lage ein hohes Maß an Flexibilität. Oft müssten die Arzneimittel-Verordnungen im Rahmen der Therapien dem Bestand an Medikamenten in nur kurzer Zeit angepasst werden. Das funktioniert aber nicht ohne Risiken. Ott sieht „die Arzneimitteltherapisicherheit nicht mehr gegeben“, weil die Arzneien ständig wechseln. Das bedeutet offenbar im Umkehrschluss auch ein Risiko für den Patienten.

Ähnlich alarmiert ist auch der Vorsitzende des Landesverbands deutscher Krankenhausapotheker im Saarland, Manfred Haber. Noch würden die hauseigenen Apotheken die Lieferengpässe abfedern können, indem sie alternative Präparate besorgen, doch „wenn sich die Situation verschärft, kann die Therapiesicherheit der Patienten langfristig leiden, weil die Standards der Krankenhäuser durcheinandergebracht werden“, warnte Haber.

Weniger Sorgen macht sich indes der Landesvorsitzende der Krankenhausapotheker in Baden-Württemberg, Lutz Vogel. Seiner Meinung nach könnten die Klinikapotheken die Engpässe mit einer ausreichenden Anzahl von Alternativpräparaten ausgleichen. Aus diesem Grund erwarte er auch nicht, dass „auf es auf absehbare Zeit zu Beeinträchtigung für den Patienten kommen wird“. Jedoch sei in manchen Fällen die Besorgung von Therapie-Alternativen in einzelnen Patientenfällen „deutlich erschwert“.

Betroffen sind vor allem Krebsmedikamente, Antibiotika und Herzmittel
Wenig bis überhaupt keine Schwierigkeiten melden die Krankenhäuser in Berlin oder Brandenburg. Über größere Lieferengpässe berichten die Kliniken in Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. So berichtet ein Sprecher der Apothekenkammer Sachsen-Anhalt: „Ende 2012 war die Situation zum Teil katastrophal und dramatisch“. Insbesondere Arzneimittel zur Therapie von Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems oder Krebs seien von den Engpässen betroffen. Auch betroffen war zum Teil antibiotische Mittel. Im zunehmenden Maße waren auch Arzneien für den ambulanten Medizinbereich betroffen. Hier nannte der Sprecher Medikamente zur Behandlung von Augenerkrankungen.

Hauptgrund für die Lage sind die Umstrukturierungen der Pharmaindustrie. Die Unternehmen reduzieren in zahlreichen Ländern die Anzahl der Standorte. „Nur noch auf wenige Produktionsstätten wird sich konzentriert“, berichtet der Sprecher des Uniklinikums Gießen und Marburg, Frank Steibli. Das sei im Grundsatz noch nicht das Problem. Komme es aber zu Problemen der Qualität einzelner Arzneimittel, ist ein Ausweichen auf andere Hersteller inzwischen kaum noch möglich.

Gesetzgeber soll handeln
Daher fordern zahlreiche Krankenhausapotheken gesetzliche Vorgaben, damit das Problem zeitnah gelöst wird. „Der Gesetzgeber soll die Pharmaunternehmen dazu verpflichten die Langerhaltung zu verbessern“, lautet eine dieser Forderungen. Denn um Kosten zu sparen, haben viele Hersteller ihre Lagerungen auf ein Minimum zurückgefahren. Umstritten ist hingegen eine auf Deutschland beschränkte Arzneimittelreserve. Mit einer solchen zentralen Reserve „nehmen wir den Herstellern noch mehr ihrer Verantwortung ab“, betonte der Vorsitzende des Landesverbandes Deutscher Krankenhausapotheker in Mecklenburg-Vorpommern, Hartmut Eggers.

Noch ist unklar wie das Bundesgesundheitsministerium entscheiden wird. Erste Beratungen hierzu seien bereits mit allen Beteiligten angelaufen, wie Medien berichten. Seitens der Klinikapotheker drängt die Zeit, damit die Versorgung der Patienten gesichert bleibt. (sb)

Advertising

Bildnachweis: Michael Bührke / pixelio.de