Krebs durch Hormongabe bei Künstlicher Befruchtung

Fabian Peters

Hormongabe bei Künstlicher Befruchtung fördert Eierstockkrebs

27.10.2011

Werden im Rahmen einer künstlichen Befruchtung Hormone injiziert, stellt dies einen erheblichen Eingriff in den Hormonhaushalt dar, der offenbar das Risiko eine Eierstockkrebserkrankung deutlich erhöht.

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Wie Wissenschaftler vom Netherland Cancer Institute in Amsterdam in einer aktuellen Untersuchung herausfanden, steigert die Hormongaben zur Stimulation der Ovarien vor einer künstlichen Befruchtung das Risiko von Eierstocktumoren insbesondere von sogenannten Borderline-Tumoren. Zwar bleibe die Wahrscheinlichkeit gut- oder bösartiger Eierstocktumore weiterhin sehr gering, doch mit der Hormonbehandlung geht ein um mehr als 60 Prozent erhöhtes Erkrankungsrisiko einher, berichten die Forscher in der aktuellen Ausgabe des Fachzeitschrift „Human Reproduction“.

Vermehrt Borderline-Tumore nach Hormonbehandlungen
Insbesondere die sogenannten Borderline-Tumore sind bei Frauen, die im Rahmen einer künstlichen Befruchtung eine Hormonbehandlung erhielten, deutlich häufiger, als bei Frauen, die keine entsprechende Hormongabe hinter sich haben, so die Aussage des Forscherteams um Flora van Leeuwen vom Netherland Cancer Institute. Borderline-Tumore bilden eine spezielle Form des Eierstockkrebses, bei der das Gewebe nicht eindeutig als gut- oder bösartig zu identifizieren ist. Die auch als Grenztumore bezeichneten Gewebeveränderungen sind dem renommierten Experte für Reproduktionsmedizin, Professor Michael Ludwig aus Hamburg, zufolge jedoch nicht zu unterschätzen. So seien „Borderline-Tumore häufig beidseitig und müssen operiert werden“, was „meist eine Entfernung des Eierstocks“ bedeute, betonte Professor Ludwig. Insgesamt ist das Risiko entsprechender Tumorerkrankungen jedoch auch bei den Frauen, die sich nach unerfülltem Kinderwunsch für eine „In-vitro-Fertilisation“ (IVF) mit Hormonbehandlung entschieden, relativ gering, erläuterten die Experten. Die Hormonspritze zur Stimulierung der Eierstöcke dient dazu, die Zahl der Eizellen zu erhöhen, um eine künstliche Befruchtung zu ermöglichen. Die Behandlung stellt immer einen erheblichen Eingriff in den Hormonhaushalt dar und stand daher schon seit längerem im Verdacht, möglicherweise negative gesundheitliche Folgen mit sich zu bringen. Diesen Verdacht haben Flora van Leeuwen und Kollegen nun in ihrer aktuellen Studie bestätigt.

Hormontherapie begünstigt Eierstockkrebs
Im Rahmen ihrer Untersuchung analysierten die niederländischen Forscher die Daten von 19.146 Frauen, die zwischen 1983 und 1995 im Rahmen einer IVF mit Hormonen behandelt wurden. Zudem dienten 6.006 Frauen, die ebenfalls eine verminderte Fruchtbarkeit aufwiesen, aber keine Hormonbehandlung erhalten hatten, als Kontrollgruppe. Das Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit eines Eierstockkrebserkrankung im späteren Lebensverlauf steigt mit der Hormontherapie um mehr als 60 Prozent. Allerdings ist das Erkrankungsrisiko im Alter von 55 Jahren mit 0,45 Prozent bei der Kontrollgruppe und 0,71 Prozent bei den Frauen, die eine Hormonbehandlung hinter sich haben, insgesamt relativ gering, erläuterte Prof. Ludwig. So seien nach fast 15 Jahren bei lediglich 77 Studienteilnehmerinnen Tumore an den Ovarien aufgetreten, wobei 61 von ihnen eine Hormonbehandlung im Rahmen einer künstlichen Befruchtung durchlaufen hatten, erläuterten Flora van Leeuwen und Kollegen. Sechzehn Frauen, die an Eierstockkrebs erkrankten, zählten zur Kontrollgruppe. Den Forschern zufolge konnten 42 der Tumorerkrankung als bösartige Krebsform identifiziert werden, 35 wurden als Borderline-Tumoren eingestuft. So bestätigte auch der Hamburger Experte Prof. Ludwig, dass die Risikoerhöhung einer Eierstockkrebserkrankung durch die Hormonbehandlung „nicht von der Hand zu weisen“ ist.

Wie das Team um Flora van Leeuwen betonte, weisen ihre Ergebnisse zwar in eine eindeutige Richtung, doch weitere Studien seien notwendig, um die bisherigen Erkenntnisse zu bestätigen und zu konkretisieren. Auch ist laut Aussage der niederländischen Forscher zu berücksichtigen, dass die aktuelle Untersuchung die Folgen der Hormone (Gonadotrophine) und der IVF-Therapie bis 1995 analysiert, seither jedoch durchaus milderer Verfahren zur Stimulation der Ovarien eingeführt wurden. Professor Ludwig zufolge ist in zusätzlichen Studien auch zu klären, ob die Hormonbehandlung das Tumorrisiko erhöht oder ob Frauen mit Fruchtbarkeitsproblemen bereits ein erhöhtes Eierstockkrebsrisiko „in sich tragen“. Denn die aktuelle Untersuchung habe keine Auswirkungen einer erhöhte Dosis der Hormone beziehungsweise mehrfacher künstlicher Befruchtungen auf das Krebsrisiko festgestellt. Daher bleibt nach Einschätzung von Prof. Ludwig unklar, ob ausschließlich die Hormonbehandlung für das vermehrte Auftreten der Eierstocktumore verantwortlich ist.

Eierstockkrebsrisiko bei der künstlichen Befruchtung berücksichtigen
Die Ergebnisse der niederländischen Forscher sollten nach Einschätzung von Experten wie Prof. Ludwig oder Jenny Chang-Claude vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) bei dem zukünftigen Umgang mit Patientinnen, die eine IVF hinter sich haben, in jedem Fall Berücksichtigung finden. Prof. Ludwig betonte, dass den Frauen nach einer IVF-Therapie dringend langfristige Vorsorge-Untersuchungen zu empfehlen seien. Dies gelte auch für Frauen, die aus anderen gesundheitlichen Gründen, wie beispielsweise einem verschlossenen Eileiter, nicht schwanger werden konnten und sich gegen eine künstliche Befruchtung entschieden. Zur frühzeitigen Diagnose von Tumoren an den Eierstöcken diene dabei eine spezielle Ultraschall-Untersuchung, welche jedoch in Deutschland nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen wird. Für die IVF an sich bleibe die aktuelle Untersuchung vorerst jedoch ohne Konsequenzen, erläuterten die Experten. Zu diese Einschätzung kommt auch Richard Kennedy von der International Federation of Fertility Societies (IFFS), der ebenfalls für eine kontinuierliche Beobachtung der betroffenen Frauen plädierte, jedoch betonte, die IFFS bleibe bei ihrem Standpunkt, „dass die Langzeitrisiken gering sind.“ Paare beziehungsweise Frauen, die keine Option haben, auf normalem Weg ein Kind zu Zeugen, sollten sich der Risiken einer „In-vitro-Fertilisation“ trotzdem stets bewusst sein und auch die nun entdeckten möglichen Zusammenhänge mit dem Auftreten von Eierstocktumoren berücksichtigen – selbst wenn sie diese am Ende aufgrund des Kinderwunsches verwerfen. (fp)