Medikamente in Flüssen und Seen

Fabian Peters

Schadstoffcocktail aus Arzneimitteln, Pestiziden und anderen Chemikalien belastet die Gewässer

21.09.2012

Rückstände von Arzneimitteln und Pestiziden belasten in wachsendem Maße die Seen und Flüsse. Das baden-württembergische Umweltministerium hat nun erstmals einen Bericht zur Anreicherung der sogenannten Spurenstoffen in den Gewässern des Landes vorgelegt.

Mehr zum Thema:

Der Bericht erfasse die Konzentration von Stoffen, „die wir auch in kleinsten Mengen nicht in unseren Flüssen und Seen sowie in unserem Grundwasser haben wollen“, erklärte der Landesumweltminister Baden-Württembergs, Franz Untersteller (Bündnis 90/Die Grünen). In dem „Spurenstoffbericht Baden-Württemberg 2012“ werde unter anderem die Belastung der Flüsse und Seen mit Rückständen von Arzneimitteln, Pestiziden und Chemikalien dargestellt. Der Bericht sei eine „wichtige Situationsanalyse und gute Basis für eine der wichtigsten Daueraufgaben des Landes: die permanente Verbesserung der Qualität unserer Gewässer“, so der Landesumweltminister weiter.

Spurenstoffe in Gewässern mit unbekannter Wirkung auf die Umwelt
Die Spurenstoffe sind meist nur in sehr geringen Konzentrationen im Bereich von Mikro oder Nanogramm pro Liter nachzuweisen und durch menschliche Aktivitäten eingetragen, berichtet das Landesumweltministerium Baden-Württemberg. Welche Wirkung sie auf den menschlichen Organismus oder die Lebewesen in Flüssen und Seen haben, ist bislang bei vielen der Substanzen nicht bekannt. Sie stammen zum Beispiel aus Arzneimitteln, Röntgenkontrastmitteln, Körperpflegeprodukten oder Reinigungsmitteln. „Nehmen sie Arzneimittel, die leider in vielen Haushalten über die Toilettenspülung entsorgt werden. Diese finden wir später als Spurenstoffe im Gewässer wieder“, erläutert Franz Untersteller und ergänzte: „Altarzneimitteln gehören in den Restmüll – ein einfacher, aber wirksamer Weg der Wasserreinhaltung.“

Pilotprojekt zur Spurenstoff-Konzentration in der Schussen
Der Spurenstoff-Bericht bildet laut Mitteilung des Landesumweltministerium die Grundlage für weitere Aktivitäten zur Wasserreinhaltung in Baden-Württemberg. Darüber hinaus unterstützt Baden-Württemberg das Projekt „SchussenAktivPlus“, bei dem das Vorkommen der Spurenstoffe und die Eintragspfade in den 62 Kilometer langen Zufluss des Bodensees analysiert werden. Die Untersuchungen im Bereich der Schussen sind Teil eines Pilotprojektes im Rahmen des Schwerpunktprogramms des Bundes „Risikomanagement von neuen Schadstoffen und Krankheitserregern im Wasserkreislauf“. Unter Leitung der Biologie-Professorin Rita Triebskorn, von der Universität Tübingen beschäftigt sich seit Anfang des Jahres ein 50-köpfiges Forscherteam mit den Spurenstoffen in der Schussen, einem der am stärksten belasteten Bodenseezuflüsse. Das Abwasser mehrerer Gemeinden landet in dem Fluss. Zwar werden die Abwässer von Kläranlagen gereinigt, doch manche Spurenstoffe bleiben davon unberührt.

Cocktail aus 150 Schadstoffen im Fluss
Die Wissenschaftler entdeckten in dem Fluss einen Mix aus rund 150 Spurenstoffen, der offenbar auch Auswirkungen auf die Lebewesen in dem Fluss entfaltet. So finden sich laut Aussage der Studienleiterin in der Schussen vermehrt Forellen mit verkrüppelten Eierstöcken und Hoden. Im Vergleich zu dem Tieren im deutlich saubereren Nachbarfluss, dem Argen, sei der Anteil um 30 bis 40 Prozent erhöht. Zwar sind die Fische offenbar noch dazu in der Lage, sich ausreichend zu vermehren, doch die Entwicklung ist nach Einschätzung der Expertin extrem bedenklich. Zumal die Schussen auch als „Frühwarnsystem für den Bodensee“ zu bewerten sei. Zu dem Ursprung der Schadstoffe erklärte Prof. Rita Triebskorn, dass dies einerseits Rückstände von Pestiziden und Dünger seien, welche bei Regenfällen in den Fluss gelangen. Anderseits gehen laut Aussage der Expertin erhöhte Belastungen vor allem vom Abwasser aus.

Wasserverschmutzung durch Rückstände von Arzneimitteln
Die Belastung des Abwassers mit Arzneimitteln ist ein wachsendes Problem. Denn die Menschen „werden immer älter und nehmen mehr Medikamente“, erläuterte die Studienleiterin. Die enthaltenen Substanzen landen anschließend oftmals chemisch nahezu unverändert im Abwasser. Bei der Wiederaufbereitung in den Kläranlage, können zwar Stickstoff- und Phosphorverbindungen zuverlässig aus dem Wasser gefiltert werden, andere Verbindungen lassen sich in den herkömmlichen Anlagen jedoch oftmals nicht beseitigen. Entsprechend seien bei den Wasserproben aus der Schussen unterhalb der Kläranlagen immer noch Rückstände der Arzneimittel nachweisbar, erklärte Prof. Triebskorn. Die Konzentration nach dem Zufluss aus den Kläranlagen liege oftmals sogar deutlich höher, da die Spurenstoffe erst durch das unzureichend gereinigte Abwasser in den Fluss gelangen.

Modernisierung von Kläranlage wird gefördert
Den Handlungsbedarf bei den Kläranlagen hat auch die Landesregierung Baden-Württembergs erkannt und unterstützt daher „unter anderem Kommunen, die ihre Kläranlagen mit einer Aktivkohlefiltrationsanlage, der so genannten vierten Reinigungsstufe, aufrüsten wollen“, erklärte der Landesumweltminister. Hier würden bevorzugt Anlagen gefördert, die an Oberflächengewässern liegen, welche für die Trinkwasserversorgung genutzt werden, wie beispielsweise der Bodensee. So soll auch an der Schussen nun die Kläranlage Langwiese bei Ravensburg für rund neun Millionen Euro modernisiert werden. Der Einbau einer weiteren Klärstufe mit Aktivkohlefiltern ist voraussichtlich im Mai 2013 abgeschlossen. Danach wird sich die Konzentration einzelner Schadstoffe um bis zu 90 Prozent reduzieren, erklärte der technische Geschäftsleiter des Abwasser-Zweckverbands Langwiese, Ralph-Michael Jung.

Trinkwasserversorgung über der Bodensee nicht beeinträchtigt?
Bisher ist die Spurenstoff-Konzentration in der Schussel zwar durchaus bedenklich und auch im Mündungsbereich des Flusses in den Bodensee lassen sich noch erhöhte Schadstoffbelastungen nachweisen, doch die Trinkwasserversorgung aus dem Bodensee sei nicht gefährdet, berichtet der Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung. In der Seemitte konnten demnach aufgrund der Vermischung mit dem Wasser aus den sauberen Alpen-Zuflüssen keine erhöhten Belastungen mehr nachgewiesen werden. „Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft lässt sich ein Risiko für die menschliche Gesundheit ausschließen“, erklärte der Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung in einer aktuellen Mitteilung. Die Entwicklung müsse jedoch weiterhin genau im Blick behalten werden, da rund vier Millionen Einwohner Baden-Württembergs ihr Trinkwasser aus dem Bodensee beziehen. Hier bleibt abzuwarten, ob durch den Einbau der Aktivkohlefilter in den Kläranlage eine Verbesserung erreicht werden kann. (fp)

Pestizide und Weichmacher bedrohen Flüsse

Bild: Foto: NABU/Helge May