Milliardengeschäft mit gefälschten Arzneimitteln

Fabian Peters

Wachsende Verbreitung von Arzneimittelfälschungen

06.10.2011

Der Verkauf gefälschter Arzneimittel ist laut Aussage des Zolls deutschlandweit in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Damit verbunden sind bisweilen massive Bedrohungen für die Gesundheit der Patienten, da die Plagiate häufig zu geringen Wirkstoffmengen, falsche oder gar keine Wirkstoffe enthalten, warnen die Pharmahersteller.

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So bringen die nachgemachten Arzneimittel nach Einschätzung der Experten massive erhebliche gesundheitliche Risiken mit sich, da aufgrund der falschen Zusammensetzung die gewünschte Wirkung ausbleibt, Resistenzen gegen die Medikament entwickelt werden und schlimmstenfalls tödliche Komplikationen drohen, berichten Pharmakonzerne wie Pfizer. Das von Pfizer produzierte Potenzmittel „Viagra“ ist eines der am häufigsten gefälschten Arzneimittel weltweit. Aber die Plagiate beschränken sich längst nicht mehr ausschließlich auf sogenannte „Lifestyle-Medikamente“ wie Potenzmittel, Schlankmacher oder Anti-Haarausfallprodukte, sondern in wachsendem Umfang sind auch Krebsmittel, Cholesterinsenker oder Grippemittel betroffen, warnte der Zoll.

Arzneimittel-Plagiate kaum zu erkennen
Den Angaben des Zolls zufolge wurden allein im Jahr 2010 rund zehn Millionen gefälschte Arzneimittel in Deutschland sichergestellt. Dabei seien die Unterschiede zwischen den Originalpräparaten und den Plagiaten für den Laien meist nicht zu erkennen. Bei einem Vergleich der kleinen blauen Viagra-Tabletten mit den entsprechenden Fälschungen, seien mit dem bloßen Auge kaum Unterschiede zu bemerken. Beide Präparate weisen auf der Vorderseite das Logo des US-Pharmakonzerns auf und die Rückseite ist mit einer Nummer gekennzeichnet. Lediglich bei genauerer Untersuchung fällt auf, dass das Originalpräparat ein wenig heller und ein wenig größer als die Fälschung ist, erklärte der Sprecher von Pfizer Deutschland, Martin Fensch, und ergänzte: „Für den Normalverbraucher sind die beiden Tabletten extrem schwer zu unterscheiden.“ Nach Ansicht des Zollkriminalamtsexperten Wolfgang Schmitz verdeutlicht der massive Anstieg bei den sichergestellten Plagiaten, wie lukrativ das Geschäftsfeld der Medikamentenfälschung für kriminelle Gruppen ist. Nirgendwo sei „die Gewinnspanne höher als beim Handel mit gefälschten Medikamenten“, betonte Schmitz. Der Pharmakonzern Pfizer schätzt den Umsatz mit gefälschten Arzneimitteln allein in Europa auf 10,5 Milliarden Euro pro Jahr. Dabei liege der Profit je Kilogramm gefälschter Viagra-Tabletten hundertmal höher als bei der gleichen Menge Heroin, erläuterte der Sprecher des Unternehmens.

Internationales Vorgehen gegen Arzneimittelfälschungen
Betrieben wird das Geschäft mit den gefälschten Arzneimitteln von hochorganisierten Banden, vergleichbar mit den Gruppierungen, die am Drogen- oder Waffenhandel beteiligt sind, betonte der Zollkriminalamtsexperte Schmitz. Die Gruppierungen seien auch in hohem Maße gewaltbereit, so Schmitz weiter. Allein im vergangenen Jahr wurden den Angaben des Zollkriminalamtes zufolge deutschlandweit 914 Fälle von gefälschten Medikamenten aufgedeckt und auch dieses Jahr seien bereits 268 Ermittlungsverfahren wegen entsprechender Verstößen gegen das Arzneimittelgesetz eingeleitet worden. Da die Banden meistens international strukturiert sind, ist laut Aussage von Schmitz ein staatenübergreifendes Vorgehen gegen den Verkauf gefälschter Arzneimittel erforderlich. Dabei hatten internationale Behörden im vergangenen Monat einen deutliche Fahndungserfolg erzielt und konnten Arzneimittel-Plagiate im Wert von rund 4,6 Millionen Euro sicherstellen. Im Rahmen der einwöchigen Operation „Pangea IV“ gingen nach Angaben von Interpol Ermittler aus 81 Ländern gegen die Arzneimittelfälscher vor, schalteten 13.500 Internetseiten ab und beschlagnahmten 2,4 Millionen gefälschte Tabletten. Wie Schmitz erklärte ging dem Eingriff eine monatelange Planung voraus, die sich in dem Erfolg der Aktion widerspiegelte. Die schiere Masse an sichergestellten Plagiaten, sei ein deutliches Zeichen dafür, wie das Geschäft mit den gefälschten Arzneimitteln boomt und wie sicher sich die Händler vor Zugriffen durch die Ermittlungsbehörden fühlen, erklärte der Zollkriminalamtsexperte.

Gefährliche Substanzen in gefälschten Arzneimitteln
Rund ein Prozent der in Deutschland verkauften Arzneimittel sind nach Einschätzung des Zollkriminalamtes Fälschungen. Im Ausland liege der Anteil deutlich höher und erreiche in den Entwicklungsländern bis zu 60 Prozent, erklärte der Zollkriminalamtsexperte. Nach Einschätzung des Zolls ist weltweit von einem Anteil der gefälschten Arzneimittel an den verkauften Medikamenten in Höhe von rund 10 Prozent auszugehen. Die meisten dieser Arzneimittel-Plagiate stammen dabei laut Aussage der Experten aus Indien oder China. Für die Patienten stellen die gefälschten Präparate dabei eine nicht zu unterschätzende gesundheitliche Bedrohung dar. Denn oftmals werden statt der vorgesehenen Wirkstoffe äußerst fragwürdige Substanzen verarbeitet. So wurde bei einem in Südamerika sichergestellten Plagiat eines Schmerzmittels von Pfizer bleihaltige Straßenfarbe, Borsäure und Bodenreiniger nachgewiesen, berichtet der Sprecher des Pharmakonzerns. In einem anderen Plagiat, das in Kanada und Ungarn entdeckt wurde, sei anstatt des pharmazeutischen Wirkstoffs Talkpuder oder sogar das Amphetamin „Speed“ entdeckt worden.

Besondere Vorsicht beim Arzneimittelkauf im Internet
Die meisten der gefälschten Arzneimittel werden über das Internet vertrieben, wobei die seriösen Onlineportal sich oftmals kaum von den fragwürdigen Anbietern unterscheiden lassen. Als Anhaltspunkt für die Vertrauenswürdigkeit der sogenannten Internetapotheken kann dabei laut Aussage der Experten die im Impressum angegebene Adresse gewertet werden. Wie die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) bereits im vergangenen Jahr erklärte, laufen Patienten, die Medikamente über dubiose Internetadressen in exotischen Ländern bestellen, Gefahr, nicht nur ihre Gesundheit zu ruinieren, sondern ihr Leben zu riskieren. Als sicherste Quelle für ein Medikament ist daher „die Apotheke um die Ecke“ zu bewerten, erklärte die ABDA. In jedem Fall sollten Kunden vom Arzneimittelkauf im Internet Abstand nehmen, wenn überhaupt kein Impressum angegeben ist, warnten die Experten. (fp)

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Bild: Andrea Damm / pixelio.de