Müdigkeit als Hinweis auf eine Erkrankung

Fabian Peters

Immer müde? Schlafmangel oder Krankheiten können eine mögliche Ursache für akute Müdigkeit sein.

28.12.2010

Jeder zweite Berufstätige in Deutschland quält sich trotz ausreichender Nachtruhe mit Symptomen akuter Müdigkeit. Die Betroffenen fühlen sich wie gerädert, schleppen sich durch den Tag oder schlafen unvermittelt bei der Arbeit ein, so das Ergebnis einer Studie der Deutschen Angestellten Krankenkasse (DAK).

Mehr zum Thema:

20 Millionen Berufstätige leiden unter akuter Müdigkeit
Bundesweit leiden nach Angaben der DAK etwa 20 Millionen Berufstätige unter Symptomen chronischer Müdigkeit, wobei fast vier Millionen von ihnen mehr als dreimal pro Woche mit Schlafstörungen zu kämpfen haben bzw. schlecht schlafen, häufig aufwachen oder lange wach liegen. Sie schleppen sich nach eigenen Angaben fast täglich völlig übermüdet durch den Arbeitsalltag, so die Aussage der DAK-Studie. Diese ständige Erschöpfung könne auch auf eine Erkrankung hindeuten und sollte daher keinesfalls leichtfertig abgetan werden, erklärten die Experten der DAK. Der als Trainer und Coach für gesundheitliche Prävention mit Schwerpunkt Schlaf und Stressbewältigung tätige, Jürgen Schuster betonte: „Starke Schläfrigkeit am Tag ist ein nicht zu unterschätzendes Phänomen.“ Der Fachmann ergänzte, dass es sich „häufig (…) um eine Schlafstörung (handelt), die Betroffene selber gar nicht bemerken und die sich meist nur im Schlaflabor feststellen lässt.“

Schlafapnoe-Syndrom mögliche Ursache ausgeprägter Müdigkeit
Als Beispiel nennen die Fachleute das sogenannte Schlafapnoe-Syndrom, dessen Beschwerdebild durch Atemstillstände (Apnoen) während des Schlafs verursacht wird und sich in erster Linie durch eine ausgeprägte Tagesmüdigkeit bis hin zum Einschlafzwang (Sekundenschlaf) sowie eine Reihe weiterer Symptome und Folgeerkrankungen äußert. Die Atemaussetzer werden durch eine Erschlaffung der Muskulatur im Rachenraum verursacht und treten besonders oft in Rückenlage auf, wobei die Zunge nach hinten rutscht und den Schlund verschließt. „Bei einer Schlafapnoe hält der Mensch knapp eine Minute die Luft an, bis der Körper Alarm schlägt und kurz aufwacht, begleitet von einem vernehmbaren Schnappen nach Luft“, erklärte Jürgen Schuster. Die wiederholten Aufweckreaktionen (Alarmreaktion des Körpers) führen jedoch nicht automatisch zum Aufwachen, sondern teilweise nur zu erhöhten Körperfunktionen, wie beispielsweise zu beschleunigtem Puls. So werden sie von den Betroffenen meist nicht wahrgenommen, doch der Schlaf ist nicht ausreichend erholsam, wodurch die typische, ausgeprägte Müdigkeit im Tagesverlauf mit den oben genannten Symptomen ausgelöst wird. Nach Aussage des Schlafexperten Schuster steigt die Wahrscheinlichkeit des Schlafapnoe-Syndroms bei abendlichem Alkoholgenuss oder Übergewicht. Allerdings könne auch eine unterentwickelten Halsmuskulatur, die Probleme verursachen. Anderseits sind „Menschen, die ein Blasinstrument spielen, singen oder Sport treiben, (…) weniger gefährdet, weil ihre Halsmuskulatur fester und straffer ist“, so die Ausführungen des Experten.

Andauernde ausgeprägte Müdigkeit ein Grund zum Arztbesuch
In jedem Fall sollten Personen „bei einer andauernden intensiven Müdigkeit (…) zum Arzt gehen und testen lassen, ob dahinter eine Erkrankung oder ein Mangel stecken könnte“, empfiehlt die Medizinerin Katharina Larisch aus Leipzig, da die Müdigkeit nicht nur Ausdruck von Schlafmangel sondern auch Kennzeichen für Erkrankungen sein kann. So wird zum Beispiel eine Schilddrüsenfehlfunktion ebenfalls von akuter Müdigkeit begleitet. Bei einem Arztbesuch lasse sich die Krankheit jedoch relativ leicht anhand eines Blutbilds und einer Ultraschalluntersuchung diagnostizieren und entsprechend medikamentös behandeln, erklärte Katharina Larisch. Frauen sollten diesbezüglich besonders aufmerksam sein, da sie weit häufiger von Schilddrüsenfehlfunktion betroffen sind als Männer. Eine Analyse des Blutbilds offenbare zudem auch andere Mangelerscheinungen wie beispielsweise Eisenmangel, erklärte die Medizinerin und ergänzte: „Oft reicht schon die zusätzliche Versorgung durch einen Nahrungszusatz und die Müdigkeit verschwindet“. Außerdem werde die Mattigkeit bzw. akute Müdigkeit in vielen Fällen schlicht durch zu niedrigen Blutdruck bedingt. „Bewegung bringt in diesem Fall den Kreislauf in Schwung“ und helfe die Müdigkeit zu bekämpfen, empfiehlt Katharina Larisch. Da die Ursache für die ständige Erschöpfung durchaus auch ernste Erkrankungen wie Depressionen, Herzprobleme oder Krebs sein können, ist ärztlicher Rat bei anhaltender Müdigkeit aus sich der Medizinerin immer sinnvoll.

Schlafmangel meist bedingt durch psychologische Gründe
Die Gesprächstherapeutin und Autorin Anette Charpentier betonte: „Tagesmüdigkeit kann ein Indikator für eine Krankheit sein, aber meistens sind es psychologische Gründe, die uns schlaflos lassen und müde machen.“ Dabei sei die Müdigkeit ein Signal des Körpers, für das Bedürfnis zum Ausruhen. Doch „in unserer umtriebigen Zeit, in der wir rund um die Uhr etwas unternehmen können, gilt es oft als lästig, müde zu sein“, erklärte Annette Charpentier. Die Müdigkeit werde ignoriert oder beiseite geschoben, „weil wir ungern die Kontrolle verlieren“, so die Aussage der Gesprächstherapeutin. Jedoch gehe es dem Körper genau darum loszulassen und sich dem wohligen Zustand zwischen Wachsein und Schlafen hinzugeben, betonte Charpentier.

Wer Symptome bei sich erkennt, sollte sich daher eine Auszeiten nehmen. Die kann nach Aussage Expertin auch eine weitere positive Nebenwirkung haben, denn „beim Tagträumen etwa können neue Ideen und Gedanken hochkommen.“ So habe Sigmund Freud seine Patienten aus gutem Grund im Liegen erzählen lassen, erklärte Charpentier. „Auf der berühmten Couch kann man sich leicht in den Schwebezustand zwischen Wachsein und Schlaf versetzen und frei assoziieren“, erläuterte die Gesprächstherapeutin. Zudem könne auch der etwas aus der Mode gekommene Mittagsschlaf helfen, Energie zu tanken und wach durch den restlichen Tag zu gehen. Allerdings sollte das Nickerchen nicht länger als eine halbe Stunde dauern, rät Charpentier, da sonst das Ein- und Durchschlafen in der Nacht erschwert werde. Als Trick, um direkt nach dem Mittagsschlaf wieder fit zu sein, empfiehlt die Expertin: „Trinken Sie kurz vorher eine Tasse Kaffee, weil die erst nach 20 Minuten wirkt.“

Tageslicht im Kampf gegen die Müdigkeit besonders wichtig
Insbesondere in der dunklen Jahreszeit kann die Tagesmüdigkeit auch mit dem Lichtmangel zusammenhängen, was bei vielen Betroffenen mit einer sogenannten Herbstdepression einhergehe, erklärte der Gesundheitscoach Jürgen Schuster. „Viele fahren in der Dämmerung zur Arbeit und abends im Dunkeln zurück und sitzen den ganzen Tag im Großraumbüro unter Neonlicht, wo sie kein richtiges Licht bekommen“, so die Erklärung des Experten. Dadurch geraten im Winter die körpereigenen Botenstoffe Melatonin (für die Nachtruhe) und Serotonin (für den Antrieb am Tag) aus dem Gleichgewicht, so der Fachmann weiter. Serotonin werde tagsüber durch den Einfluss von Licht produziert und je mehr Serotonin gebildet wird, desto besser funktioniere die hormonelle Gegensteuerung durch das Melatonin nachts, betonte Schuster. „Wichtig ist Tageslicht, Kunstlicht hilft nicht, ausgenommen spezielle Lichtduschen“, um Serotonin zu bilden erklärte der Experte. Daher empfiehlt Schuster in der Mittagspause vor die Tür zu gehen und auch am Wochenende tagsüber viel Zeit im Freien zu verbringen. Denn sogar an einem trüben Wintertag reiche das Tageslicht aus, um genügend Serotonin als Wachmacher auszuschütten. Darüber hinaus sei auch Sport zur dunklen Jahreszeit besonders empfehlenswert, da Bewegung auf eine natürliche Art und Weise müde mache und zu einem tiefen, effizienten Schlaf führe, „so dass wir tatsächlich erst abends wieder müde werden“, betonte Jürgen Schuster.

Schlaf ist entscheidend für das menschliche Wohlbefinden
Schlafen ist für jeden Menschen von essentieller Bedeutung, da während des Schlafs im Inneren des Körpers zahlreiche wichtige Prozesse ablaufen. Die Heilungsprozesse bzw. das Reparieren der Zellen und der Ersatz alter durch neue Zellen sowie das Immunsystem und die Endverdauung arbeiten auf vollen Touren. Außerdem ordnet unser Gehirn die Eindrücke des Tages. „Schlaf ist deshalb essenziell für das körperliche, geistige und seelische Wohlbefinden“, wie Katharina Larisch erklärte. Weniger als sechs Stunden Schlaf führen auf Dauer dazu, das die Betroffen einerseits gereizt und anderseits auch anfälliger für Depressionen sind, so die Expertin. Zudem führe der Schlafmangel zu einer deutlich kürzeren Lebenserwartung. Allerdings könne das Schlafbedürfnis von Mensch zu Mensch und in verschiedenen Altersphasen stark variieren, so dass „man sich durchaus auf seine innere Stimme verlassen“ sollte, erläuterte Katharina Larisch. Die Medizinerin warnt jedoch davor, dass auch eine Überdosis Schlaf möglich ist. Dauerhaft mehr als acht Stunden Schlaf sind Larisch zufolge nicht gut für die Gesundheit und nur verschwendete Zeit. (fp)

Lesen Sie auch:
Bremer gehen übermüdet zur Arbeit
Frühjahrsmüdigkeit: Naturheilkunde hilft

Bild: Paul-Georg Meister / pixelio.de