Multiresistente Keime am Kieler Klinikum

Heilpraxisnet

Keime am Uniklinikum von Türkei-Urlauber eingeschleppt

19.02.2015

Nachdem sich am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel mehrere Patienten mit dem multiresistenten Bakterium Acinetobacter baumannii infiziert haben, wurden umfassende Isolierungs- und zusätzliche Hygienemaßnahmen eingeleitet. Das Gesundheitsamt in Kiel und das zuständige Ministerium sind informiert. Als Infektionsquelle wurde ein Patient ermittelt, der zuvor in der Türkei aufgrund einer anderen schweren Erkrankung stationär behandelt und später in das Universitätsklinikum Kiel verlegt wurde.

Bei 31 Patienten wurden am Kieler Uniklinikum laut Angaben der Nachrichtenagentur „dpa“ die multiresistenten Erreger nachgewiesen. 13 Betroffene seien mittlerweile verstorben, zehn davon allerdings an ihren Vorerkrankungen. Bei dem festgestellten Keim handelt es sich laut Mitteilung des Klinikums „um den gramnegativen Erreger Acinetobacter baumannii, der zur Gruppe der sogenannten Nonfermentergehört und ubiquitär, d.h. theoretisch überall in der Umwelt vorkommt.“ In Westeuropa und den USA würden etwa zwei bis zehn Prozent der Klinikinfektionen (nosokomialen Infektionen) durch diesen multiresistenten Keim verursacht. Der identifizierte Ausbruchsstamm ist den Angaben der Klinik zufolge „gegen verschiedene Antibiotika resistent geworden und wird somit als sogenannter 4MRGNklassifiziert.“

Alle Infektionen durch einen Erregerstamm bedingt
Den Angaben der Nachrichtenagentur „dpa“ zufolge ist mittlerweile bestätigt, dass die festgestellten Besiedelungen und Infektionen im Dezember und Januar am Kieler Uniklinikum auf denselben Erregerstamm zurückgehen. Das Erbgut der Erreger sei nun entschlüsselt worden, so die Mitteilung der „dpa“ unter Berufung auf Professor Andre Franke vom Uniklinikum Schleswig-Holstein. Das Bakterium wurde von einem deutschen Türkei-Urlauber eingeschleppt. Der gleiche Stamm trat laut Mitteilung der „dpa“ in Deutschland erstmals im Jahr 2009 im Raum Dortmund auf. 2010 und 2011 seien die Erreger im Raum Köln bei mehreren Patienten festgestellt worden.

Drohende Lungenentzündungen, Blutvergiftungen und Harnwegsinfektionen
Zwar wurde zwischenzeitig bei zahlreichen Patienten am Kieler Uniklinikum die multiresistenten Erreger nachgewiesen, doch ist eine Besiedlung nicht mit einer Infektion gleichzusetzen. Während die Keime gesunden Menschen laut Mitteilung des Klinikums nicht gefährlich werden können, besteht für immunschwache Menschen oder schwerkranke Patienten auf Intensivstationen ein erhöhtes Infektionsrisiko, wie zum Beispiel in Form einer Lungenentzündung, Blutvergiftung, Harnwegs- oder Wundinfektion. Die Übertragung der Erreger erfolgt der Uniklinik Kiel zufolge vorwiegend über direkten Kontakt und Eintrag in den Körper, kann allerdings unter bestimmten Umständen auch aerogen, also über die Luft stattfinden, zum Beispiel wenn die Keime eine Lungenentzündung verursacht haben. Bei einer reinen Besiedlung der Haut sei keine aerogene Übertragung möglich, berichtet das Uniklinikum weiter.

Infektionszahlen werden täglich aktualisiert
Um die Ausbreitung der multiresistenten Erreger zu verhindern, wurden in am Uniklinikum Kiel sämtliche Patienten mit positivem Befund isoliert und alle Kontaktpersonen ebenfalls auf einen Befall untersucht. „Mögliche Kontaktpatienten wurden und werden per Screening untersucht und bei positivem Nachweis isoliert“, so die Mitteilung des Klinikums. Jedoch brauche es einige Tage, bis der Labornachweis vorliege. Daher würden die Zahlen in täglichen Lagebesprechungen aktualisiert. Im Falle einer Infektion kann laut Angaben des Klinikums nach einer Antibiotika-Resistenzbestimmung die Behandlung mit dem Antibiotikum Colistin erfolgen.

Engmaschige Screenings erforderlich
Die Nachrichtenagentur „dpa“ berichtet jedoch unter Berufung auf Professor Trinad Chakraborty vom Institut für Medizinische Mikrobiologie am Universitätsklinikum Gießen und Marburg, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis die Erreger auch gegen Colistin resistent werden. In diesem Fall stünde als letzte Option gegebenenfalls noch das veraltete Antibiotikum Tobramycin zur Verfügung, so Franke und Professor Helmut Fickenscher, Direktor vom Institut für Infektionsmedizin, in dem Beitrag der „dpa“. Um die Ausbreitung multiresistenter Keime künftig besser zu vermeiden seien engmaschigere Screenings bei Aufnahme der Patienten im Krankenhaus geboten. Allerdings stelle sich hierbei die Frage der Kostenübernahme. „Die Kliniken erhalten sogenannte Fallpauschalen für jeden Patienten, Screenings sind darin aber nicht gesondert eingerechnet“, zitiert die „dpa“ Prof. Fickenscher. (fp)

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