Neues Verfahren gegen Prostatakrebs in der klinischen Anwendung

Volker Blasek

Deutschlandpremiere: Prostatakarzinom wurde mit Laserfasern behandelt

Deutsche Ärzte wendeten erstmals eine neue Operationsmethode bei Prostatakrebs außerhalb klinischer Studien an. Bislang gab es für Betroffene mit einem Prostatakarzinom mit geringem Risiko nur die drei Optionen Bestrahlung, Entfernung oder Überwachung. Am 3. Mai 2018 führte ein Ärzteteam zum ersten Mal eine minimalinvasive Behandlung durch, die in Fachkreisen „Tookad“-Verfahren genannt wird. Dabei wird lediglich die vom Krebs betroffene Seite der Prostata therapiert.


Mediziner um Prof. Manfred Wirth der Klinik für Urologie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden führten das „Tookad-Verfahren“ erfolgreich durch. Diese Therapieform nutzt den fotosensitiven Wirkstoff Padeliporfin (Tookad). Bei der minimalinvasiven Operation werden Laserfasern in die befallene Seite der Prostata eingesetzt. Mit dem Laser wird das Padeliporfin-Medikament angeregt. Infolge kommt es zu gezielter Gefäßzerstörung und das gewünschte Gewebe stirbt ab. Künftig steht den Patienten des Uniklinikums Dresden diese Behandlungsmethode mit geringen Nebenwirkungen zur Verfügung, berichtet das Klinikum in einer Pressemitteilung zur gelungenen Operation.

Für Patienten mit Prostatakrebs, von dem ein geringes Risiko ausgeht, steht ab sofort eine neue minimalinvasive Behandlungsmethode mit dem Namen Tookad-Verfahren zur Verfügung. (Bild: estradaanton/fotolia.com)

Prostatakrebs ist weit verbreitet

Bei Männern ist Prostatakrebs die häufigste Krebserkrankung und die zweithäufigste durch Krebs bedingte Todesursache. Jedes Jahr erkranken circa 57.000 Männer in Deutschland neu an einem Prostatakarzinom.

Ein Meilenstein der Urologie

„Das ‚Tookad‘-Verfahren ist ein Meilenstein der Urologie“, berichtet Professor Wirth. Erstmals könnten Patienten in Deutschland mit einem Niedrig-Risiko-Prostatakarzinom auch risikoarm behandelt werden. Gravierende Eingriffe wie die Bestrahlung des Tumors oder eine radikale Prostatektomie, also die Entfernung der Prostata, seien für Prostatakarzinome mit geringem Risiko nur im Ausnahmefall zu empfehlen, da sie erhebliche Nebenwirkungen wie Inkontinenz oder Impotenz hervorrufen können.

Psychische Belastung durch aktive Überwachung

„Das bisherige Standardverfahren der aktiven Überwachung des Tumors durch regelmäßige ärztliche Kontrollen ohne therapeutischen Eingriff stellt für viele Patienten eine fortwährende psychische Belastung dar“, erläutert der Professor.

Erste Klinik mit Regelversorgung

Im Rahmen einer multizentrischen Studie wurde die Wirksamkeit des „Tookad-Verfahrens“ bestätigt. Das Verfahren wurde von dem renomierten israelischen Weizmann-Institut für Wissenschaften entwickelt. Die Klinik für Urologie des Dresdner Universitätsklinikums ist die erste Klinik in Deutschland, die dieses Verfahren fortan in der Regelversorgung einsetzt.

Wie funktionert das Verfahren genau?

Beim „Tookad-Verfahrens“ nutzen die Ärzte den fotosensitiven Wirkstoff Padeliporfin, der in dem „Tookad“-Medikament enthalten ist. Lichtquellen mit bestimmter Wellenlänge regen diesen Wirkstoff an. Laserfasern, die minimalinvasiv in die Prostata eingebracht werden aktivieren das Medikament. Durch die Aktivierung kommt es zur Zerstörung von Gefäßen und zum Absterben des Tumorgewebes. Das Verfahren ist so schonend, dass der Patient bereits am dritten Tag nach der Operation das Krankenhaus verlassen kann. Neun bis zwölf Monate nach der Operation wird im Rahmen einer Biopsie der Gesundheitszustand des verbliebenen Prostatagewebes ermittelt.

Keine Inkontinenz und Impotenz

„Anders als Patienten, bei denen die gesamte Prostata entfernt werden musste, tritt beim ‚Tookad‘-Verfahren keine Inkontinenz auf“, betont Wirth. Auch Einschränkungen bei der Potenz seien sehr selten. Bisher könne jedoch nur ein geringer Anteil aller Prostatakarzinom-Patienten von der neuen Therapie profitieren. Nur für solche mit einem geringen Risiko sei das Verfahren einsetzbar.

Das Verfahren soll noch weiter entwickelt werden

„Deshalb gilt es nun im Rahmen weiterer Studien, die Anwendungsfelder der neuen Operationstechnik gegebenenfalls auszuweiten“, so der Tumorexperte. Dadurch sollen die neue Methode zukünftig auch bei Patienten, die an Prostatakarzinomen mit höherem Risiko erkrankt sind, eingesetzt werden können.

Deutsche Gesellschaft für Urologie stimmt zu

„Das Verfahren füllt die Lücke zwischen radikaler Behandlung und aktiver Beobachtung“, erläutert Professor Paolo Fornara, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Urologie, gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“. Die bisherigen Methoden seien eine Wahl zwischen Schwarz oder Weiß. Fornara berichtet, dass die gezielte Zerstörung von Tumorzellen bereits in anderen Fachgebieten wie der Dermatologie und bei Lungen- oder Blasenkrebs mit Erfolg praktiziert werde. „Wir zerstören den Tumor statt bisher das ganze Organ“, so Fornara.

Bislang können bis zu 15 Prozent der Patienten profitieren

„Im Schnitt könnten zehn bis 15 Prozent mit guter Prognose von Tookad profitieren“, schätzt Professor Fornara. Für jeden Patienten müsse die optimale Behandlungsmöglichkeit herausgefiltert werden. Beim lokal begrenzten Prostatakarzinom lägen die Heilungschancen bei 90 Prozent. „Und wir haben nun den Luxus, zwischen vier individuellen Möglichkeiten wählen zu können“, resümiert Fornara. (vb)