Nocebo: Der schlimme Zwilling des Placebo

Fabian Peters

Nocebo-Effekt verursacht körperliche Beschwerden durch negative Erwartungen

09.05.2014

Während der Placebo-Effekt weithin als positive therapeutische Wirkung bekannt ist, die allein auf der Annahme beruht, dass die Behandlung erfolgt haben könnte, bleibt der Nocebo-Effekt bis heute den meisten Menschen unbekannt. Er ist der unheilvolle Gegenpart zu dem Placebo-Effekt und lässt allein durch die negative Erwartungshaltung körperliche Beschwerden und Erkrankungen entstehen. Das Lesen der Beipackzettel mit zahlreichen Nebenwirkungen kann über den Nocebo-Effekt zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit deutlich erhöhen, dass tatsächlich Nebenwirkungen auftreten.

Der Nocebo-Effekt ist derart stark, dass auch Aberglaube zu dem Auftreten von körperlichen Symptomen führen kann, was unter Umständen zu rätselhaften Massenphänomen in einigen Regionen der Welt führt. Gegenüber „Focus Online“ erläuterte die Leiterin der Schmerzambulanz am Universitätsklinikum Essen, Prof. Ulrike Bingel, dass der „Nocebo-Effekte negative psychologische oder körperliche Reaktionen“ wie das Neu-Auftreten von Symptomen oder Symptomverschlimmerungen beschreibe, „die ausgelöst werden durch negative Erwartungen, negative Überzeugungen oder negative Vorerfahrung und Angst.“

Konditionierung und Erwartung verantwortlich für den Nocebo-Effekt
Der Nocebo-Effekt funktioniert laut Aussage des Psychologen Professor Dr. Paul Enck von der Medizinischen Klinik, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Tübingen nach dem gleichen Prinzip wie der Placebo-Effekt, nur dass die Erwartungshaltung und somit auch die körperliche Reaktion eine andere ist. „Durch Konditionierung (Lernen), bei der eine frühere, positive wie negative Erfahrung mit Medikamenten eine Rolle spielt, und durch aktuelle Erwartungen, die Patienten haben und die durch suggestive Informationen genährt werden, wie sie zum Beispiel auf Beipackzetteln stehen“, werden die Effekte laut Prof. Enck hervorgerufen.

Massive körperliche Beschwerden aufgrund der Erwartung
Zu der Intensität der körperlichen Beschwerden, die durch den Nocebo-Effekt hervorgerufen werden können, berichtet eine Studie des US-Psychiaters Roy Reeves von der University of Mississippi in Jackson, die im Jahr 2007 im Fachmagazin „General Hospital Psychiatry“ veröffentlicht wurde. Hier habe ein junger Teilnehmer der durchgeführten Antidepressiva-Studie versucht, sich mit den ausgehändigten Psychopharmaka das Leben zu nehmen. Mit schweren körperlichen Symptomen und einem drastisch abgesackten Blutdruck wurde der Proband in die Notaufnahme eingeliefert. Im weiteren Verlauf stellte sich jedoch heraus, dass der 26-Jährig zu der Placebo-Gruppe zählte, also gar keinen Wirkstoff erhalten hatte. Sobald die Ärzte ihm dies eröffneten, gingen auch die Symptomen umgehend zurück.

Beipackzettel lesen als Risikofaktor für Nebenwirkungen?
Weniger eindeutig, aber dennoch klar erkennbar, ist der Nocebo-Effekt in zahlreichen weiteren Studien, bei denen die Teilnehmer zum Beispiel über massive Nebenwirkungen klagten, obwohl sie tatsächlich keine Arznei erhielten. Angesichts des Einflusses, den der Nocebo-Effekt auf die Behandlung haben kann, stellt sich die Frage, inwieweit die Informationen des Arztes und die Angaben auf dem Beipackzettel zu den drohenden Nebenwirkungen den Therapieerfolg möglicherweise behindern beziehungsweise gefährden. (fp)