Psyche: Permanente Lärmbelästigung oft Ursache für Ängste und Depressionen?

Eine hohe Lärmbelästigung geht mit erhöhten Risiken von Angst und Depressionen einher. (Bild: bluedesign/fotolia.com)
Fabian Peters
Neue Studie zeigt gravierende Folgen der Lärmbelästigung
Eine erhöhte Lärmbelastung wird mit zahlreichen negativen gesundheitlichen Folgen in Zusammenhang gebracht. Wissenschaftler der Universitätsmedizin Mainz haben nun die konkreten Auswirkungen der Lärmbelästigung auf die psychische Gesundheit untersucht und stellten dabei fest, dass mit steigender Lärmbelästigung eine Zunahme von Angst und Depressionen verbunden ist. Ihre Ergebnisse haben die Forscher in dem Fachmagazin „PLoS One“ veröffentlicht

Die Lärmbelästigung ist laut Mitteilung der Universitätsmedizin Mainz „ein wesentlicher, international anerkannter Indikator für die Gesundheitswirkung von Lärm.“ Bekannte Folgen des Lärms seien „Genervtheit, Ärger, Erschöpfung und Stresssymptome“, die auf Dauer Wohlbefinden, Gesundheit und Lebensqualität beeinträchtigen können. Zwar sei anhaltender Stress nachgewiesenermaßen eine grundlegende Ursache von seelischen Erkrankungen, doch bisher wurde kaum untersucht, wie Lärmbelästigung und psychische Gesundheit zusammenhängen, so die Mitteilung der Universitätsmedizin Mainz.

Eine hohe Lärmbelästigung geht mit erhöhten Risiken von Angst und Depressionen einher. (Bild: bluedesign/fotolia.com)
Eine hohe Lärmbelästigung geht mit erhöhten Risiken von Angst und Depressionen einher. (Bild: bluedesign/fotolia.com)

Studie mit 15.000 Teilnehmenden
Das Forscherteam um Studienleiter Univ.-Prof. Dr. Manfred Beutel von der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie und des Zentrums für Kardiologie der Universitätsmedizin Mainz hat an einer repräsentativen Stichprobe von rund 15.000 Teilnehmern (Gutenberg Gesundheitsstudie) aus den Kreisen Mainz und Mainz-Bingen im Alter zwischen 35 und 74 Jahren die Auswirkungen der Lärmbelästigung auf das Risiko von Depressionen und Angststörungen untersucht. Auch ermittelten die Forscher, welche Quellen maßgeblich zu der Lärmbelästigung beitragen.

Mit der Lärmbelästigung steigt das Risiko für Angst und Depressionen
Die Wissenschaftler stellten fest, dass mit dem steigendem Lärm ein erhöhtes Risiko für psychische Probleme in Form von Depressionen und Angststörungen einhergeht. „Bei extremer Lärmbelästigung (…) sind Depression und Angst immerhin doppelt so häufig wie bei geringer Lärmbelästigung“, erläutert der Studienleiter Professor Beutel. Dieses Ergebnis habe sich auch unter Berücksichtigung möglicher Störgrößen wie Alter, Geschlecht und sozialem Status bestätigt. Die Lärmbelästigung der Probanden wurden in der Gutenberg Gesundheitsstudie anhand einer Selbsteinschätzung erfasst, bei der die Teilnehmenden angeben sollten, wie stark sie in den letzten Jahren durch Straßen-, Schienen-, Bau- und Gewerbe-, Nachbarschaftslärm im Haus und außer Haus, sowie durch Fluglärm belästigt wurden. Hier wurde gezielt auch nach Belästigungen beim Schlafen gefragt. Die Belästigung durch Fluglärm stand laut Angaben der Forscher verglichen mit anderen Lärmquellen wie Straßen,-, Schienen- oder Nachbarschaftslärm deutlich im Vordergrund und habe immerhin 60 Prozent der Bevölkerung betroffen.

Viele Menschen fühlen sich besonders durch Fluglärm belästigt
Insgesamt waren 27,8 Prozent der Teilnehmenden stark oder extrem durch Lärm belastet, berichtet die Universitätsmedizin Mainz. „Unterscheidet man den Beitrag der verschiedenen Lärmquellen zur Lärmbelästigung, so waren die meisten Menschen durch Fluglärm mehr oder minder stark belästigt“, erläutert Co-Autor Prof. Thomas Münzel. Unter den extrem belästigten Teilnehmern habe der Fluglärm mit 62 Prozent an erster Stelle gestanden, gefolgt von Straßenverkehr mit 18 Prozent und Nachbarschaftslärm (draußen) mit 12 Prozent. Je acht Prozent der Befragten fühlten sich durch Bau- und Gewerbelärm und Nachbarschaftslärm im Haus belästigt und sieben Prozent klagten über die Belästigung mit Bahnlärm. Laut Angaben der Universitätsmedizin Mainz decken sich die neuen Ergebnisse mit den Resultaten „früherer und auch aktueller Studien“, denen zufolge „Fluglärm verhältnismäßig stark belästigend erlebt wird, gefolgt von Straßen und Schienenlärm.“

Das Auftreten von Depression und Angst ermittelten die Forscher anhand der „international gebräuchlichen, standardisierten Fragebögen“, so die Mitteilung der Universitätsmedizin Mainz. Hierbei stellten die Professor Beutel und Kollegen fest, dass insgesamt immerhin 7,2 Prozent der Teilnehmenden die Kriterien für eine depressive Störung erfüllten und 3,4 Prozent jene für eine Angststörung. Des Weiteren habe die Studie eine starke Zunahme von Depression und Angst mit steigender Lärmbelästigung gezeigt.

Ursache-Wirkungszusammenhang bleibt unklar
Da die Studie nicht auf einer objektiven Messung der Lärmbelastung sondern auf der gefühlten Lärmbelästigung beruht, bleibt die Frage nach dem Kausalzusammenhang allerdings offen. Die Querschnittsstudie könne keine Aussagen über Ursache-Wirkungszusammenhänge treffen, berichten die Forscher. Beispielsweise sei es denkbar, dass Lärmbelästigung Stress hervorruft, der zu Depression und Angst führt. Es könne aber auch sein, dass Depression und Angst zu erhöhter Lärmempfindlichkeit führen beziehungsweise dass eine starke Lärmbelästigung eine psychische Erkrankung verschlimmert, erläutert Prof. Beutel.

Weitere Studien zu den Auswirkungen der Lärmbelästigung erforderlich
Unabhängig von dem Kausalzusammenhang werde durch die Studie in jedem Fall die These unterstützt, „dass Lärmbelästigung ein verbreitetes und ernstzunehmendes Gesundheitsproblem ist, das in der wissenschaftlichen wie auch in der öffentlichen Diskussion noch zu wenig beachtet wird“, so die Mitteilung der Universitätsmedizin Mainz. „Nachdem wir zeigen konnten, dass Lärm das Herz-Kreislaufsystem schädigt, werden wir diese Befunde zum Anlass nehmen, in den weiteren Nachuntersuchungen der Gutenberg Gesundheitsstudie die Zusammenhänge zu Lärmbelästigung und den psychischen Erkrankungen noch genauer zu prüfen“, betont Professor Münzel. Dies schließe auch die Möglichkeit ein, dass psychische Erkrankungen und psychischer Stress Herz-Kreislauferkrankungen begünstigen. (fp)

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