Psychisches Leiden: Seit gut elf Jahren in der täglichen-Zeitschleife gefangen

Sebastian
Mediziner der englischen University of Leicester berichten von einem ganz besonderen Patientenfall. Laut Angaben der Wissenschaftler glaubt ein 39-jähriger Mann seit einem Zahnarztbesuch vor 10 Jahren, dass jeder Tag eben jener Tag des Termins sei. Zusätzlich könne sich der psychisch schwer kranke Mensch nur etwa 90 Minuten an das zuvor Erlebte zu erinnern. Bislang ist der Zustand des Patienten ein Rätsel. Mit der Veröffentlichung wollen die Psychiater auf den doch einzigartigen Fall aufmerksam machen.

Englische Wissenschaftler erhoffen sich Unterstützung von Kollegen
Unglaublich, aber (offenbar) wahr: Ein 39-jähriger Mann leidet seit einer Wurzelbehandlung beim Zahnarzt an einer bislang unbekannten Gedächtnisstörung, durch die er jeden Morgen erneut denkt, es sei der Tag der Behandlung. Doch das ist nicht alles, denn zudem würde der Patient auch nach 90 Minuten alles bis dato Geschehene wieder vergessen.

Von diesem rätselhaften Patienten berichten aktuell Forscher der englischen University of Leicester, die sich durch die Veröffentlichung den Kontakt zu erfahrenen Kollegen oder anderen Betroffenen erhoffen. Denn das besonders Außergewöhnliche an dem Fall der an Filme wie „Memento“ oder „Und täglich grüßt das Murmeltier“ erinnert, ist, dass der Mann weder körperliche Symptome zeige noch Auffälligkeiten im Gehirn, die als Auslöser der Störung in Frage kommen könnten.

(Bild: peshkova/fotolia.com)

Patient vergisst alles Erlebte nach ca. 90 Minuten wieder
Wie Gerald Burgess und seine Kollegen im Fachjournal „Neurocase: The Neural Basis of Cognition“ berichten, begann die außergewöhnliche Geschichte vor zehn Jahren. Der damals 28-jährige Patient bekam nach einer unter Lokalanästhesie durchgeführten Wurzelbehandlung gesundheitliche Probleme. Er wurde blass, konnte nicht mehr von selbst aufstehen und hatte Sprachschwierigkeiten, doch die anschließende Untersuchung im Krankenhaus brachte keine Aufschluss über die Ursachen. Stattdessen zeigte sich nach einiger Zeit, dass der Patient nicht nur körperliche Beschwerden hatte, sondern zudem an einer „anterograden Amnesie“ litt, bei der die Merkfähigkeit für neue Bewusstseinsinhalte extrem reduziert ist. In der Folge vergaß er alles Erlebte nach ca. 90 Minuten wieder. Auch neue Erfahrungen bzw. Gelerntes verschwand für alle Zeit, sofern es sich der Patient in diesem Zeitraum nicht deutlich ins Bewusstsein gerückt hatte.

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Wurzelbehandlung kann nicht verantwortlich gemacht werden
Darüber hinaus wurde den Ärzten nach einiger Zeit klar, dass der Mann allem Anschein nach seit zehn Jahren den gleichen Tag erlebte, so die Forscher der University of Leicester. Demnach sei er sich „seiner Identität durchaus bewusst, gehe aber jeden Tag davon aus, es sei der Tag seines Zahnarzttermins.“

Für die Wissenschaftler ein völlig neues Phänomen, welches sie sich bislang nicht erklären können. Denn auch wenn ein Zusammenhang mit der Wurzelbehandlung bzw. der Betäubung nicht ausgeschlossen werden könne, sei dieser den Experten nach eher unwahrscheinlich. „Ich glaube nicht, dass an dieser Stelle die Zahnbetäubung oder die Wurzelbehandlung verantwortlich gemacht werden kann. Dies wäre unethisch und möglicherweise eine grundlose Panikmache, denn es gibt es nicht genügend Beweise“, so Dr. Burgess.

Dementsprechend würden sich die Forscher nun Unterstützung von erfahrenen Kollegen oder den Kontakt zu anderen Betroffenen erhoffen, um das Rätsel um den heute 38-jährigen lösen zu können. Einer unserer Gründe für das Berichten über diesen individuellen Fall war, dass wir so etwas noch nie zuvor in unseren klinischen Gutachten gesehen haben und nicht wissen, was wir davon halten sollen“, erklärt Dr. Burgess. „[…] Seit der Veröffentlichung des Artikels haben jedoch webbasierte Geschichten ein paar Menschen dazu animiert, mir zu Theorien oder Geschichten rund um die Anästhesie und/oder Zahnextraktionen und anschließenden Gedächtnisschwierigkeiten zu schreiben. […] Ich wäre sehr dankbar, wenn auch Andere Geschichten oder Theorien zu diesem Thema hätten oder irgendetwas anderes, was dazu beitragen könnte, vorwärts zu kommen“, so Dr. Burgess weiter. (sb)

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