Stotternde Menschen sind nicht dumm

Sebastian

Sprechtherapien können helfen das Stottern zu kontrollieren

22.10.2012

Nach Schätzungen der Bundesvereinigung „Stotterer-Selbsthilfe“ sind über 800.000 Menschen in Deutschland von Stottern betroffen. Vielfach werden die Betroffenen von ihrer Umwelt als „dumm“ abgestempelt und daher oft nicht für voll genommen. Vielversprechende Therapieansätze können den Menschen helfen, das Stottern zu mindern. Das bewusste Stottern oder das Dehnen der Silben sind einige Behandlungsmethoden, die den Betroffenen helfen können.

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Stottern von auf und ab´s begleitet
Wer an Stottern leidet, ist von einer Störung des Redeflusses betroffen. Beim Sprechen kommt es häufig zu Unterbrechungen des Ablaufs, dass durch Wiederholungen von Silben, Lauten oder Wörtern gekennzeichnet ist. Die Sprechstörung ist oft situationsabhängig, was bedeutet, dass sich symptomarme mit symptom-intensive Zeiten abwechseln. So können innere Unruhe, Nervosität oder Aufgeregt sein dazu beitragen, das Stottern zu intensivieren.

Stotterer sind unangenehmen Fehleinschätzungen der Umwelt ausgesetzt. Nach Erfahrungen des Selbsthilfeverbands werden die Betroffenen von vielen Menschen ausgegrenzt und gelten vorurteilsbehaftet als „dumm“ oder „einfach strukturiert“. „Es gibt eine Stigmatisierung des Stotternden als dumm“, berichtet Martin Sommer, Neurowissenschaftler und Vorsitzender der Bundesvereinigung Stotterer-Selbsthilfe.

Am heutigen Montag ist der von Selbsthilfeverbänden und Initiativen initiierte „Welttag des Stotterns“. Laut aktueller Schätzungen leiden fast ein Million Menschen (über 800.000) an der Sprach- und Sprechstörung. Zahlreiche Therapien können aber helfen, dass Stottern in den Griff zu bekommen.

Die Diagnose „Stottern“ wird gemäß „ICD-10[8]“ gestellt, wenn typische Symptome „stumme oder hörbare Blockaden“, schnelle Wiederholungen von Silben und Wörtern, Verlängerungen von Lauten und/oder „wiederholte zwischengeschobene Laute länger als zwei Sekunden“ auftreten. Die Störung des Sprechens muss länger als drei Monate andauern.

Nur wenige wehren sich, meint der Neurowissenschaftler am Göttinger Uniklinikum. Sie würden sich das Leben „häufig selbst schwer machen“. „Ich glaube, dass viele Stotternde sich selbst diskriminieren. Nur wenige gehen aktiv selber dagegen vor.“ Manch einer zieht sich lieber zurück nach dem Motto: „Das einfachste gegen das Stottern ist einfach den Mund zu halten“. Daher wählen viele erst den Therapieweg, wenn die Sprachstörung die Lebensperspektive bedroht. Steht die Examenszeit an und Bewerbungsgespräche könnten folgen, bekommen Therapeuten auf einmal schnell viel Zulauf. „Das Problem beobachten wir in jeder größeren Stadt“. Eine vollständige Heilung im Erwachsenenalter ist oftmals nicht möglich. Erlernt werden kann aber der Umgang mit der Sprechstörung. Sommer sagt, „das Leiden am Stottern lässt sich leicht lindern“.

Das Stottern kontrollieren lernen
Ein Behandlungsansatz ist, dass Stotterer erlernen, die Sprechstörung zu kontrollieren. Während der Therapie wird dem Patienten erlernt, bewusst statt spontan zu stottern. Das erzeugt eine Art Kontrolle über das Stottern. Einige Forschungsarbeiten weisen daraufhin, dass die Aussetzer in den linken Stirnlappen des vorderen Gehirns produziert werden.

Eine weitere Behandlungsform setzt auf rhythmisches Sprechen. Stotternde Patienten sollen erlernen, die Worte mit einem speziellen Rhythmus auszusprechen. Werden die Wörter gedehnt, entsteht „normales Sprechen“, erklärt der Experte Sommer, der selbst vom Stottern betroffen ist und durch diesen Therapieansatz seine Sprechstörung besänftigte.

Traumatische Erlebnisse schon in der Schulzeit
Im Alltag sind Stotterer mit traumatischen Erlebnissen konfrontiert. Während im Kindergarten Hänseleien oft noch nicht sehr ausgeprägt sind, wird die Schule von vielen als sehr traumatisch empfunden“, so Sommer. Nicht selten kommt es vor, dass sich Betroffene anhören müssten, dass ihre Persönlichkeit gestört sei, oder „sie einfach konische Typen seien“.

Typischerweise tritt eine Sprechstörung bei Kindern zwischen dem vierten und sechsten Lebensjahr auf. Das heißt vielfach nicht, dass das Stottern bleibt. Bei den meisten „wächst sich die Störung wieder raus“. Kleinkinder sind zu fünf Prozent betroffen.

Ursache von Stottern noch immer ungeklärt
Noch immer tappt die Wissenschaft im Dunkeln, wie genau das Stottern im Hirn ausgelöst wird. Einige Forschungen weisen daraufhin, dass bei Signalübertragungen im Hirn spontan Störungen auftreten. Das sei vergleichbar mit einem Motor, der plötzlich ruckelt. An den genauen Ursachen forscht die Medizin noch. Wissenschaftler haben allerdings schon die Entstehung lokalisiert. Das Problem wird in den unteren Stirnlappen produziert. Andere gehen davon aus, dass Stottern als Folge organischer Störungen oder Wahrnehmungsstörungen zu betrachten sei. Stottern könne darüber hinaus auch eine Folge von psychischen oder sozialen Problemen sein.

Nur seriöse Therapien sind effektiv
Das Internet ist voll von Angeboten zur Linderung oder Heilung. Die Bundesvereinigung der Stotterer-Selbsthilfe warnt allerdings vor den zahlreichen „Wunderheilern die eine schnelle Heilung versprechen“. Grundsätzlich können nur Langzeit-Therapien Effekte erzielen, die in aller Regel auch von den gesetzlichen Krankenkassen finanziert werden.

In Alltagssituationen wissen viele Stotterer, wie sie mit ihrer Sprechstörung umgehen. Treten Stress oder Kummer auf, können viele aber ihr Sprechen nicht mehr kontrollieren. Ein klassischer Fall sind mündliche Referats- oder Prüfungssituationen in der Schule oder Universität. Dann kann es passieren, dass die Kontaktstelle im Gehirn zusammenbrechen und Signale aussetzen oder sogar völlig zum Erliegen kommen. Die Folge sind Wortfetzen und deutliche Unterbrechungen beim Sprechen.

Nicht extra wegschauen oder Sätze verbessern
Wie gehen aber Freunde, Verwandte oder Arbeitskollegen mit dem Stottern ihres Gegenüber um? Soll der Satz für sie beendet werden, ignoriert oder gar unterbrochen werden? Doch damit ist den Betroffenen meist nicht geholfen. Kristina Jung von der Kasseler Stottertherapie sagt, das Beste sei, „denjenigen ausreden zu lassen. Ihm das Gefühl zu geben, dass man bis zum Ende zuhört.“ Stotternden Menschen ist es meist sehr unangenehm, wenn ihr Gesprächspartner sich extra wegschaut oder obendrein den Satz verbessert, erklärt die Expertin.

Bei Menschen die stottern, blockieren die Stimmbänder. Während einer Therapie lernen Patienten, die Stimme mit einer spezifischen Sprechtechnik zu kontrollieren, wie die therapeutische Leiterin des Instituts im nordhessischen Bad Emstal Jung erklärt. „Stottern kann aber nicht geheilt werden, aber man kann lernen, damit umzugehen“.

Auch Computersoftware kann helfen
Seit über 10 Jahren behandeln Sprachtherapeuten Sprechstörungen wie Stottern. Dabei kommen auch Computerprogramme zum Einsatz, mit denen die Betroffenen die Sprechtechniken üben können. Für Erwachsene wird auch ein intensives Programm für Zuhause per Teletherapie angeboten. „Alle zwei bis drei Wochen bekommen die Klienten zu Hause dann online eine Therapie“, berichtet Jung. So könnten auch Menschen aus Brasilien oder Kuweit geholfen werden. Die Therapie findet dann in englischer Sprache statt. Denn Betroffene leiden nicht nur in der Schulzeit an dem Problem, sondern auch im Erwachsenenalter. (sb)