Studie: Ältere Menschen wegen Gehirnveränderungen weniger risikobereit

Alten Menschen wird nachgesagt, dass sie allgemein weniger Risiken eingehen. Aber ist diese Aussage auch richtig? Und wenn ja, welche Risiken vermeiden unsere ältern Mitbürger eigentlich? (Bild: WoGi/fotolia.com)
Alexander Stindt
Der Abbau von Dopamin führt zu einem Rückgang der Risikobereitschaft bei alten Menschen
Ältere Menschen sind meist etwas vorsichtiger und konservativer, verglichen mit jungen Leuten. Liegt das an der Weisheit und Erfahrung des Alters? Forscher fanden jetzt heraus, dass im Alter das Niveau eines chemischen Stoffes im Gehirn abnimmt. Dadurch ist unser Verhalten dann weniger impulsiv und wir gehen weniger Gefahren ein, um unsere Ziele zu erreichen.

Wissenschaftler vom University College London stellten jetzt bei einer Untersuchung fest, dass bei älteren Menschen der Rückgang des Dopaminspiegels dazu führt, dass die Betroffenen weniger Risiken auf sich nehmen. Außerdem zeigen ältere Menschen auch seltener impulsives Verhalten. Die Mediziner veröffentlichten die Ergebnisse ihrer Studie in der Fachzeitschrift „Current Biology“.

Alten Menschen wird nachgesagt, dass sie allgemein weniger Risiken eingehen. Aber ist diese Aussage auch richtig? Und wenn ja, welche Risiken vermeiden unsere ältern Mitbürger eigentlich? (Bild: WoGi/fotolia.com)
Alten Menschen wird nachgesagt, dass sie allgemein weniger Risiken eingehen. Aber ist diese Aussage auch richtig? Und wenn ja, welche Risiken vermeiden unsere ältern Mitbürger eigentlich? (Bild: WoGi/fotolia.com)

Studie untersucht mehr als 25.000 Personen
Die neue Studie untersuchte mehr als 25.000 Personen im Alter von 18 bis 69 Jahren. Dabei stellte sich heraus, dass ältere Menschen seltener Risiken eingehen, um in einer Smartphone-App zu gewinnen, erläutern die Autoren. Die älteren Probanden unterschieden sich aber in ihrem Spielverhalten nicht von jüngeren Teilnehmern, wenn es darum ging, durch riskante Spielzüge weniger Punkte zu verlieren. Es wird schon seit längerer Zeit allgemein angenommen, dass ältere Menschen weniger Risiken eingehen. Die neue Studie zeigt jetzt aber genau, welche Risiken die älteren Probanden vermeiden, berichten die Forscher.

Sogenanntes Glückshormon beeinflusst unser Verhalten in Bezug auf Gewinne
Der rückläufige Dopaminspiegel bei älteren Menschen führt zu einem stetigen Rückgang von riskanten Entscheidungen. Der Dopaminspiegel sinkt jedes Jahrzehnt nach dem Erwachsenenalter um etwa zehn Prozent, erläutern die Mediziner. Freiwillige gewannen mehr Geld und waren bereit, viel risikofreudiger zu spielen, wenn ihnen ein Medikament verabreicht wurde, dass den Dopaminspiegel deutlich erhöht, fügen die Experten hinzu. Dopamin wird im Volksmund auch als Glückshormon bezeichnet. Der Stoff belohnt uns beispielsweise für Gewinne aufgrund von riskantem Verhalten beim Spiel.

Ältere Menschen werden weniger von großen Belohnungen angezogen
Weil unsere Dopaminspiegel im Alter sinkt, erfahren wir wahrscheinlich nicht die gleichen belohnenden Glücksgefühle. Deswegen passen wir unser Verhalten an und vermeiden riskantere Spielzüge, erläutert Dr. Robb Rutledge vom University College London. Die Effekte, die wir im Experiment beobachteten, könnten auf einem Rückgang von Dopamin zurückzuführen sein, so die Forscherw weiter. Die Vermutung wird auch von der Tatsache unterstützt, in welcher Weise sich Dopamin-Medikamente auf unsere Entscheidungsfindung auswirken, fügen die Experten hinzu. Ältere Menschen waren zwar nicht mehr so risikofreudig, machten aber auch nicht mehr Fehler, als die jungen Menschen im Test. Ältere Menschen scheinen einfach weniger von großen Belohnungen angezogen zu werden. Deswegen nehmen diese Probanden weniger Risiken in Kauf, bei dem Versuch die größeren Belohnungen zu erhalten, erklärt Dr. Rutledge.

Forscher testen Risikofreudigkeit durch eine Glücksspiel-App
Im Experiment wurden drei verschiedene Versuche durchlaufen. Die Probanden starteten mit einer der Glücksspiel-App mit 500 Punkten. Ziel der Testpersonen im ersten Versuch (Gewinn-Test) war es, so viele Punkte wie möglich zu gewinnen. Dafür mussten sie an 30 verschiedenen Testsituationen teilnehmen, die sie immer zwischen einer sicheren Gewinnoption und einer riskanten 50/50 Chance wählen ließen, erklären die Wissenschaftler. Die Spieler konnten also entweder eine garantierte Anzahl von Punkten wählen oder die 50/50 Chance nutzen, um höhere Gewinne zu erzielen. Natürlich hatten sie so auch das Risiko, überhaupt nichts zu gewinnen, fügen die Experten hinzu.

Testergebnisse der Glücksspiel-App
Die Studie untersuchte im zweiten Versuch (Verlust-Test) wie die Risikobereitschaft war, wenn Spieler sicher eine bestimmte Anzahl von Punkten verloren oder durch Glücksspiel entweder mehr oder überhaupt keine Punkte verlieren konnten, erläurern die Forscher. In dem letzten gemischten Test konnten die Spieler wählen, keine Punkte zu erhalten, oder sie gingen ein Risiko ein und gewannen oder verloren dadurch ihre Punkte. Im Durchschnitt wählten bei allen Altersgruppen etwa 56 Prozent der Verlust-Studie und 67 Prozent der gemischten Studie die Glücksspielvariante, erläutern die Mediziner. Bei der Gewinn-Studie nutzen noch etwa 72 Prozent der 18 bis 24 jährigen Teilnehmer das Glücksspiel. Der Wert fiel bei älteren Menschen zwischen 60 und 69 Jahren aber auf 64 Prozent. Der Verlust von Dopamin könnte erklären, warum ältere Menschen weniger vom Versprechen der möglichen Gewinne angezogen werden, erklären die Autoren.

Abnahme des Dopaminspiegels macht ältere Menschen weniger empfänglich für positive Ansätze
Entscheidungen über potenzielle Verluste waren nicht betroffen, weil verschiedene wichtige Prozesse die Verluste beeinflussen, die nicht im Zusammenhang mit unserer Alterung stehen, sagen die Experten. Negative Auswirkungen helfen eher dabei ältere Menschen zu überzeugen, während ein optimistischer Ansatz und große potenzielle Belohnungen jüngere Menschen ansprechen, fügen die Wissenschaftler hinzu. Unsere neuen Erkenntnisse bieten eine mögliche neurowissenschaftlichen Erklärung dafür, dass die natürliche Abnahme des Dopaminspiegels, ältere Menschen weniger empfänglich für positive Ansätze macht, verglichen mit der Entscheidungsfindung im jüngeren Alter, erläutert Dr. Rutledge. (as)

Advertising