Teure Alzheimer-Tests reichen kaum zur Diagnose

Sebastian

Vorboten von Alzheimer? Eine teure MRT-Aufnahme reicht nicht zur Diagnose „Schäbige Geldmacherei“

Vor allem ältere Menschen bekommen schnell Angst vor Alzheimer, wenn sie feststellen oder darauf hingewiesen werden, dass sie öfter etwas vergessen. Wenden sie sich dann an einen Arzt, wird ihnen häufig eine MRT-Aufnahme vorgeschlagen. Gesundheitsexperten verweisen darauf, dass diese Methode zur frühzeitigen Diagnose nicht ausreicht.

Umstrittene Alzheimer-Frühtests
Wenn es öfter vorkommt, dass man einen Namen vergisst oder den Schlüssel verlegt, machen sich vor allem ältere Menschen schnell Gedanken, ob sie möglicherweise dement werden. Suchen sie deswegen einen Arzt auf, wird ihnen in vielen Fällen eine spezielle Früherkennungs-Untersuchung vorgeschlagen. Ob so ein Alzheimer-Frühtest funktioniert, ist unter Gesundheitsexperten aber umstritten. Anbieter bewerben solche Tests jedoch intensiv, listen Prominente wie Rudi Assauer, Margaret Thatcher oder Ronald Reagan auf und verweisen darauf, dass es jeden treffen könne, „sogar die Stärksten und Erfolgreichsten“. Man könne sich „bequem“ einer nicht-invasiven Gehirnuntersuchung unterziehen, um frühzeitig das eigene Erkrankungsrisiko zu erfahren. In manchen Privatpraxen werden oftmals selbst beschwerdefreie Patienten getestet. Wie Fachleute anlässlich des Welt-Alzheimer-Tages: „Demenz – Vergiss mich nicht“ am 21. September betonen, seien die Verfahren als sehr kritisch einzustufen.

Alzheimer-Bluttest unzureichend und teuer. Bild: Shawn Hempel - fotolia
Alzheimer-Bluttest unzureichend und teuer. Bild: Shawn Hempel – fotolia

Expertin spricht von „schäbiger Geldmacherei“
Die Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner Charité, Isabella Heuser, erklärte laut einer Mitteilung der Nachrichtenagentur dpa: „Patienten könnten es billiger haben – und seriöser.“ Sie spricht von „zweifelhaften Produkten“ der Anbieter. Heuser, die auch im Vorstand der Deutschen Hirnliga vertreten ist, meint, es handle sich um „schäbige Geldmacherei“. Sie spricht dabei von Methoden, die in der Regel auf Magnetresonanztomographie (MRT) basieren: Mit solchen Geräten wird ein Bild des Gehirns angefertigt. Damit sollen beispielsweise strukturelle Erkrankungen im Hirngewebe oder eine veränderte Größe bestimmter Hirnbereiche aufgespürt werden können. Manch ein Werbetext verspricht, dass sich in hochaufgelösten 3D-Aufnahmen des Gehirns bereits kleinste Veränderungen der Hirnstruktur nachweisen ließen.

Über 1000 Euro für einmaligen Test
Recherchen von „Spiegel online“ ergaben: „Für den einmaligen Test kassieren die Praxen mehrere hundert, einige mehr als tausend Euro. Empfohlen wird teilweise, die Analyse nach einigen Jahren erneut durchzuführen.“ Wie die dpa berichtet, habe sich der Geschäftsführer einer Firma, die im Auftrag der Praxen die MRT-Aufnahmen zur Risikoanalyse mit einem Computerprogramm auswertet, gegen Kritik gewehrt: „Spiegel online“ zitiert den Experten: „Es stimmt nicht, dass wir den Menschen Angst machen.“ Wie Heuser erklärt, prüfen Mediziner bei Untersuchungen des Hirnvolumens anhand von Gehirn-Normdaten entsprechend des Alters und des Geschlechts, ob statistisch ein erhöhtes Erkrankungsrisiko vorliegt. Alzheimer könne man so aber nicht frühzeitig erkennen.

Mehr zum Thema:

Heuser warnt vor dem möglichen Schaden, den das Ergebnis bei Patienten mit angeschlagener Psyche anrichten könne: „Den Menschen, der dann vielleicht einen etwas schmäleren Hippocampus hat, stürzt man in eine Lebenskrise. Dabei hat er vielleicht nur eine Depression.“ Es gebe solche Fälle „ganz häufig“.

Krankenkasse zahlt nötige Untersuchungen
Der Mediziner Volker Edelmann von den Vivantes-Kliniken Berlin erläutert: „Bildgebende Verfahren sind wichtig, aber sie sagen nicht alles.“ Bei sogenannten Gedächtnissprechstunden beim Spezialisten werden den Experten zufolge eine ganze Reihe von Tests durchgeführt. So sprechen Mediziner mit Angehörigen, prüfen bisherige Befunde und Vorerkrankungen, machen neurologische Untersuchungen und testen unter anderem, wie gut man sich etwas merken kann. Wenn ein Patient noch relativ jung ist, können auch die MRT-Aufnahmen des Gehirns und eine Untersuchung des Nervenwassers zusätzlich Aufschluss bringen. „Das Urteil, ob wahrscheinlich eine Demenzerkrankung vorliegt, fällt aus der Summe dieser Tests“, so Edelmann. In der Regel bezahlt die Krankenkasse die nötigen Untersuchungen. Auch die Deutsche Alzheimer-Gesellschaft steht kostenpflichtigen Tests vor dem Ausbruch von Symptomen skeptisch gegenüber, heißt es auf Anfrage der Nachrichtenagentur.

Zahl der Demenz-Patienten könnte sich verdreifachen
Der Markt dürfte künftig weiter wachsen: Erst vor kurzem zeigte der Welt-Alzheimer-Bericht, dass alle 3,2 Sekunden eine weitere Demenz-Diagnose gestellt wird. Weltweit leben rund 47 Millionen Demenz-Patienten. Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden sich die Krankenzahlen bis 2050 verdreifachen. In Deutschland gibt es rund 1,5 Millionen Menschen mit Demenzerkrankungen, die meisten haben Alzheimer. Allerdings gab es zuletzt auch Studien, in denen eine epidemieartige Ausbreitung von Alzheimer angezweifelt wird.

Möglichst gesundes Leben führen
Manche Tests versprechen nicht nur Gewissheit, sondern auch einen medizinischen Vorteil. Fachleute sehen daher auch ein ethisches Problem: „Da Medikamente zur Vorbeugung noch fehlen, kann ein solcher Test bei ungünstigem Ergebnis mehr Verunsicherung schaffen, als dass er nutzt“, meint Edelmann. Das Resultat müsse behutsam mit Betroffenen und deren Angehörigen besprochen werden. Schützen könnten sich Patienten – wenn überhaupt – lediglich durch beispielsweise ein möglichst gesundes Leben. Die genauen Auslöser der Krankheit sind bislang nicht bekannt. Allerdings wurden eine Reihe von Faktoren identifiziert, die bei der Entstehung und Entwicklung der Alzheimer-Krankheit eine Rolle spielen. Dazu zählen neben hohem Lebensalter und genetischer Veranlagung auch Erkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 2, Metabolisches Syndrom, Oxidativer Stress oder Entzündungen. Laut Heuser haben die Tests nichts mit Vorsorge zu tun. Aber trotzdem kommen immer wieder Patienten zu ihr, die sich den Verfahren schon unterzogen haben. Eine andere Wahl, als sich doch noch umfassend testen zu lassen, haben sie dann wohl kaum. (ad)