Verbesserte Intensivstation der Zukunft

Alfred Domke

Intensivstation der Zukunft Charité startet Pilotprojekt zu verbesserter Intensivstation

26.10.2013

Die Berliner Uniklinik Charité startet ein Pilotprojekt, um Patienten den Aufenthalt auf der Intensivstation zu erleichtern. Zwei neugestaltete Intensivzimmer wurden dabei so eingerichtet, dass technische Geräte in den Hintergrund rücken und Alarmgeräusche gedämpft werden.

Überwachungstechnik wird verborgen
Das Virchow-Klinikum der Berliner Charité startet ein Projekt, um die hektisch-nervöse Atmosphäre möglichst aus dem Alltag der Intensivstation zu vertreiben. Dafür wurden zwei Intensivzimmer komplett neu gestaltet, indem etwa die medizinische Überwachungstechnik mit ihren vielen Kabeln hinter einer schicken Holzwand verborgen wird. Bei der Einrichtung der beiden Zimmer handelt es sich um ein Forschungsprojekt, mit dem die Mediziner klären wollen, ob es Patienten in einer menschlicheren Umgebung messbar besser geht und sich Heilungsprozesse somit beschleunigen lassen. Der Ärztliche Direktor der Charité, Ulrich Frei, erläutert: „Die Perspektive hat gewechselt, die Bedürfnisse des Patienten und sein Erleben stehen statt der Technik im Fokus.“

Ausgeliefert-Sein auf Intensivstationen
Charité, Politik und Industrie stecken in die neue Mini-Intensivstation rund eine Million Euro. Patienten sollen damit körperlich und geistig angeregt werden und ihnen sollen Angst- und Stressattacken möglichst erspart werden. Die Direktorin der Charité-Klinik für Anästhesiologie in Berlin-Wedding, Claudia Spies erklärt: „Wir wollen weg von dem Gefühl des hilflosen Ausgeliefert-Seins auf Intensivstationen.“ Die Ärztin erläutert weiter: „Aber dafür müssen wir beweisen, dass sich Angst, Schmerz oder Bewusstsein wirklich durch Wohlfühl-Faktoren beeinflussen lassen.“ Diese Forschung sei bislang weltweit einmalig. Falls sich die Beweise erbringen lassen, könnte dies ein Durchbruch für Umgestaltung oder Neubau von Kliniken sein, denn wenn solche Krankenzimmer in Serie gebaut würden, wären sie eventuell nicht mal so viel teurer.

Vom Sternenhimmel zum Sonnenaufgang
In den beiden Zimmern soll für die nächsten 18 Monate jeweils eine 2,5 mal 7 Meter große Lichtdecke über dem Patientenbett den Tag- und Nachtrhythmus imitieren. So ist nachts dabei ein Sternenhimmel zu sehen und nach einem imitierten Sonnenaufgang herrscht dann Tageslicht. Außerdem ist es dank der LED-Technik möglich, auch Bäume mit rauschen Blättern zu projezieren. Des Weiteren können damit SMS-Nachrichten eingeblendet werden und sie kann als Spielkonsole genutzt werden. Günter Hohensee und sein Team vom Unternehmen Philips haben rund 2.000 Arbeitsstunden in die neue Technik investiert. Er erklärt: „Das ist der totale Prototyp, viele neue Patente.“

Höheres Sterberisiko im Tiefschlaf
Dass es sich bei dem Ganzen nicht um eine Spielerei handelt, sondern vielmehr um eine mögliche Hilfe für lebenserhaltende Maßnahmen, erklärt auch der Charité-Arzt Alawi Lütz: „Wir wissen, dass Patienten im künstlichen Tiefschlaf häufiger sterben.“ Daher sei es besser, Patienten auch nach schweren Operationen möglichst schnell wieder ins Bewusstsein zu holen. Dies auch, da somit Hirnschäden vorgebeugt werden könne. Ärzte stehen dabei jedoch oft vor dem Problem, dass sie den Patienten Beruhigungsmittel verabreichen müssen, wenn diese von der ganzen Atmosphäre einer Intensivstation gestresst sind. Ein weiteres Problem bestehe darin, dass den wachen Patienten eine geistige Anregung fehle.

Messbare Verbesserungen
Die Informationen, die bei dem Charité-Pilotprojekt messbar werden, sind zum einen künftige Liegezeiten und die damit einhergehenden möglichen Kosten. Zum anderen könne auch eine Veränderung bei Schlaf- und Schmerzmittelverbrauch auf der Station festgestellt werden. Außerdem solle beobachtet werden, ob es nach schweren Operationen weniger negative Langzeit-Folgen wie etwa Konzentrationsschwächen gibt. „30 Prozent der Patienten haben bei ihrer Entlassung heute noch kognitive Schäden“, so Direktorin Spies.

Höhere Zufriedenheit beim Pflegepersonal
Bei ersten Tests hat die Klinik außerdem einen weiteren positiven Effekt entdeckt: So sei eine höhere Zufriedenheit beim Pflegepersonal sowie bei den Angehörigen feststellbar. Beide Seiten hatten bereits seit Mitte der 1990er Jahre angeregt, die negative Atmosphäre auf Intensivstationen zu verbessern. Die in enger Abstimmung mit Psychologen, Schlafforschern, Architekten und Mediengestaltern eingerichtete neuartige Intensivstation wird vom Bundesministerium für Wirtschaft gefördert. (ad)

Bild: Michael Bührke / pixelio.de