Zweisprachigkeit fördert das Gehör

Astrid Goldmayer

Bilinguale aufgewachsene Menschen haben oft ein besseres Gehör

02.05.2012

Wer mehrsprachig aufwächst, trainiert damit auch sein Gehör. In einem Test gelang es bilingualen Jugendlich wesentlich besser, Sprache von Störgeräuschen zu unterscheiden als ihren einsprachig erzogenen Altersgenossen. Bilinguale Menschen verarbeiteten demnach Laute besser im Hirnstamm, so die Wissenschaftler.

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Zweisprachigkeit verbessert die Verarbeitung von Lauten im Hirnstamm
Mehrsprachigkeit bietet nicht nur vielfältigere Möglichkeiten sich zu verständigen, sondern verbessert auch das Gehör. Das berichten die Forscher um Studienleiterin Nina Kraus von der Northwestern University in Evanston im Wissenschaftsmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences". Laut der aktuellen Untersuchung können zweisprachige Menschen Silben leichter von Störgeräuschen unterscheiden als Menschen, die einsprachig erzogen wurden. Das wurde in einem Test deutlich, in dem bilinguale Teenager wesentlich leichter die Silbe „da“, die keiner bestimmten Sprache zugeordnet ist, von Störgeräuschen wie Musik und Stimmen unterscheiden konnten als Gleichaltrige mit nur einer Sprache.

Diese Fähigkeit basiere auf einer effektiveren Verarbeitung von Lauten im primitivsten Hirnteil, dem Hirnstamm, erklären die Forscher. Ähnlich tiefgreifende Anpassungen der Fähigkeit zu hören seien bislang nur von Profimusikern bekannt gewesen. „Zweisprachige Menschen sind natürliche Jongleure", erklärt Studienleiterin Kraus gegenüber der Nachrichtenagentur „dpa“. Durch die Bilingualität verarbeite das Gehirn ständig unterschiedliche Sprachreize. Das Gehirn von Kindern, die mit mehreren Sprachen aufwachsen, sei offenbar aufmerksamer für jede Art von sprachtypischen Reizen. „Die Bilingualität fördert damit die Fähigkeit, generell den Klang menschlicher Sprache aus der Umgebung herauszupicken und unwichtige Geräusche zu ignorieren", erläutert Kraus.

Bereits vor der Untersuchung war bekannt, dass sich die Sprachverarbeitungs- und Gedächtniszentren durch Bilingualität in der Großhirnrinde modifizieren. Neu sei jedoch die Erkenntnis, dass sich diese neuronale Spezialisierung zudem auch auf untergeordnetere Fähigkeiten und Gehirnbereiche beziehe, so die Forscher. In weiteren Untersuchungen soll aufgedeckt werden, ob ein derartiger Effekt auch durch das spätere Erlernen einer zweiten Sprache entsteht.

Hörsystem von Zweisprachigen effektiver
Für die Untersuchung hörten 23 bilinguale Jugendliche, die Englisch und Spanisch, und 25 Teenager, die nur Englisch sprachen, über einen Kopfhörer mehr als 6000 Mal die Silbe „da“. Währenddessen zeichneten die Forscher die Hirnstrommuster der primitiveren Gehirnbereiche, die am Hören beteiligt sind, auf. Anschließend wurde der Test wiederholt, jedoch wurden der Silbe „da“ immer wieder Stimmen von weiblichen und männlichen Sprechern beigemischt, die sinnlose Sätze durcheinander redeten. Dabei konnten die Forscher mittels Elektrode feststellen, wie oft und gut die Silbe „da“ von den Hirnbereichen erkannt wurde. „Der Hirnstamm der zweisprachigen Teenager reagierte deutlicher auf den Schlüsselreiz in Form der Silbe", erläutern Kraus und ihre Kollegen gegenüber der „dpa“. Dieser Unterschied sei im Besonderen während des Stimmengewirrs deutlich geworden. „Die größere Erfahrung mit verschiedenen Klängen hat das Hörsystem der Zweisprachigen effektiver, fokussierter und flexibler gemacht, es arbeitet daher vor allem unter schwierigen Bedingungen besser.“

Bilingualität verzögert Alzheimer
Eine Forschergruppe um Ellen Bialystok von der York University in Toronto fand Anfang letzten Jahres heraus, dass Alzheimer bei bilingualen Menschen um vier bis fünf Jahre später auftritt als bei Menschen, die nur eine Sprache sprechen.

Laut der Psychologin haben bilinguale Menschen für jeden Gegenstand zwei Verknüpfungen im Gehirn – je Sprache einen Begriff. Im Unterschied zu Personen, die eine Fremdsprache erst während der Schulzeit gelernt haben, sind bei den zweisprachig Aufgewachsenen immer beide Sprachen gleichzeitig aktiv, berichtete Bialystok. Die neuronalen Verknüpfungen im präfrontalen Cortex sind bei Bilingualen demnach besser ausgeprägt. Hinzu komme, dass bei zweisprachig erzogenen Menschen häufiger beide Gehirnhälften gleichzeitig aktiv seien und das Networking im Gehirn besser funktioniere, berichtete die Expertin.

Alzheimer-Patienten, die bilingual erzogen wurden, profitierten auch später noch von der Zweisprachigkeit. Bei ihnen trete die Krankheit verzögert auf und die Krankheitssymptome entwickelten sich ebenfalls deutlich langsamer, so Bialystok. (ag)