Zweitmeinungsportal: Ärzte warnen vor Ferndiagnose

Sebastian

Fachärzte kritisieren Zweitmeinung per Online-Ferndiagnose und vermuten finanzielle Interessen

22.08.2011

In Deutschland werden zu viele Operationen durchgeführt. Diese Position vertreten zwölf erfahrene und renommierte Chirurgen und gründeten das „Beratungsportal gegen unnötige Operationen“. Das Portal ist nicht unumstritten: Ein Teil der Ärzteschaft kritisiert das Vorhaben als „hochgradig unseriös“ und Profitorientiert. Ohne eine eine persönliche Vorstellung könne keine umfassende Diagnose gestellt werden, so die Kritik.

Mehr zum Thema:

Vorsicht Operationen: Online Portal für medizinische Zweitmeinung
Das Zweitmeinungsportal soll allen Patienten helfen, eine abschließende Entscheidung zu treffen. „Ist ein medizinischer Eingriff sinnvoll oder nicht“. Zwölf Mediziner verschiedener Fachrichtungen haben sich zusammen getan, um Patienten eine Entscheidungshilfe mittels eines Ärzteportals gegen unnötige Operationen zu bieten. Denn nach ihrer Ansicht werden gerade in Deutschland zu voreilig Operationen am Rücken, der Hüfte oder Knie durchgeführt. „In vielen Fällen wird sogar das Leiden verschlimmert“. Einer der Gründer des Patientenportals „Vorsicht Operationen“ ist Prof. Dr. med. Hans Pässler aus Heidelberg. Pässler beklagt gegenüber der „dpa“: „Deutschland ist nicht nur in der Autoindustrie führend, sondern auch im Operieren“. Nach Ansicht des Hochschullehrers und Knieexperten werden unzählige Eingriffe nicht zum Nutzen des Patienten, sondern des Arztes vollzogen. Zur Untermalung seiner Argumente vergleicht Pässler Deutschland mit anderen europäischen Ländern. Bezogen auf die Gesamteinwohnerzahl werden beispielsweise in Deutschland doppelt so viele Operationen als in Schweden getätigt. Der augenscheinliche Grund: In Schweden bekommen die Mediziner ein Festgehalt. Gerade bei ambulanten Eingriffen schnellen die Zahlen in Deutschland seit Jahren nach oben. Ein niedergelassener Chirurg arbeitet dabei mit Operationszentren zusammen, in denen OP-Säle gemietet werden. Um die Kosten für die Miete aufzuholen, müsse der Arzt viele Operationen durchführen.

Bei mehr als der Hälfte der Interessierten, die bislang das Zweitmeinungsportal in Anspruch genommen haben, wäre aus Sicht des Mediziners eine Operation unnötig gewesen. Damit überhaupt eine Ferndiagnose stattfinden könne, müssen die Patienten Arztbriefe, Laborbefunde und Röntgenaufnahmen einscannen und online versenden. Zusätzlich müssen die Patienten einen detaillierten Fragebogen ausfüllen. Derzeit beteiligen sich 12 erfahrene und im Beruf länger tätige Spezialisten. Insgesamt sollen zukünftig 16 Fachärzte beteiligt sein. Doch ein Guthaben gibt es nicht umsonst. Egal ob jemand privat oder gesetzlich versichert ist, eine ärtzliche Zweitmeinung kostet zwischen 200, 400 und 600 Euro, je nach Umfang der diagnostischen Aufgaben. Der Andrang scheint groß zu sein. Nach Angaben des Portals „www.vorsicht-operation.de“ haben sich in den ersten Wochen nach Eröffnung bereits 150 Patienten gemeldet.

Scharfe Kritik von Fachärzten und Verbänden
Bei vielen Kollegen findet das neue Portal keine Zustimmung. Als „hochgradig unseriös“ stuft der Berufsverband Niedergelassener Chirurgen eine Ferndiagnose ein, die dabei den Patienten nicht zu Gesicht bekommt. Der Berufsverband Deutscher Chirurgen e.V. meint, „diagnostische Ergebnisse alleine reichen nicht aus, um eine fundierte Entscheidung zum Wohle des Patienten zu fällen“. Vielmehr müssen Ärzte den Patienten und sein soziales Umfeld als Ganzes betrachten. Gerade letzterer Punkt sei von hoher Bedeutung, wenn es um einen größeren medizinischen Eingriff geht. „Denn wir operieren Menschen und keine Röntgenbilder“, sagte Professor Dr. med. Hans-Peter Bruch, Präsident des Verbandes. Harsche Kritik äußert der Verbandsvorsitzende an dem kostenpflichtigen Modell. Denn eine „fundierte kostenfreie Zweitmeinung ist bereits heute gelebte Praxis in der deutschen Chirurgie“. Patienten müssten demnach kein Extrageld ausgeben, um eine Zweitmeinung zu erhalten. Denn die gesetzlichen Krankenkassen erlauben es, bei einem zweiten Arzt ein Zweitgutachten einzuholen. Der Verband biete allen Patienten Hilfe an, wenn sie sich unsicher sind.

Auch der Berufsverband der Fachärzte für Orthopädie und Unfallchirurgie befindet, dass das Portal keine geeignete Adresse ist, um eine eingehende Zweitmeinung zu erhalten. So sagte der Vizepräsident des Verbandes, Dr. med. Andreas Gassen: „Manchmal gibt es fürchterliche Bilder – und der Patient spielt immer noch Golf“. Es könne sein, dass es den Ärzten um den Profit gehe. Denn er selbst kann als Orthopäde bei Privatversicherten nur 21 Euro für ein Beratungsgespräch inklusive Untersuchung berechnen. Bei den gesetzlichen Krankenversicherten ist die Pauschale noch niedriger angesiedelt. Das Zweitmeinungsportal wehrt sich gegen derlei Argumente. Das berechnete Honorar sei gerechtfertigt, da sich der zuständige Mediziner mindestens zwei Stunden mit einem Fall beschäftigt. Durch die detaillierten Fragebögen könne der Arzt mehr per „Ferndiagnose erfahren“, als bei einem „Zwei-Minuten-Gespräch“ in der Praxis, so Pässler.

Krankenkassen bekunden Interesse zur Kostenübernahme
Einige Krankenkassen haben bereits Interesse bekundet. Die private Debeka will beispielsweise aller Voraussicht nach die Kosten während einer festgesetzten Testzeit übernehmen und danach weiter entscheiden, wie ein Sprecher der Kasse mitteilte. Bei den gesetzlichen Krankenkassen prüft der Verbund der Deutschen Betriebskrankenkassen (BKK) eine Zusammenarbeit. Andere Kassen verweisen hingegen auf eigene Zweitmeinungsangebote. So bietet z.B. die Techniker Krankenkasse in einem Rückenzentrum ein Zweitgutachten an. Nach ersten Ergebnissen konnte auch hier ermittelt werden, dass beinahe 85 Prozent der Operationen überflüssig sind.

Wenig Geld für alternative Behandlungen
Statt medizinischer Eingriffe stehen eine Vielzahl von konservativen Therapien wie Physiotherapie und Krankengymnastik oder alternativen Konzepten wie Osteopathie oder Chiropraktik zur Verfügung. Bei ersteren fehlen ausreichende Budgets und bei letzteren übernehmen nur die Privatkassen die Kosten. Doch auch das Zweitmeinungsportal könne kein adäquates Angebot unterbreiten, wenn die Diagnose heißt, ein Eingriff ist überflüssig. Die Patienten stehen dann wieder am Anfang. (sb)